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Bürgerjournalisten vs. Profis: Ende mit dem Entweder-Oder-Paradigma?

Die Ära, in der die Massenmedien die Nachrichtenmacht und Einfluss auf die öffentliche Meinung für sich beanspruchten, ist vorbei. Weblogs sind jetzt das neue Geleit. Selbst professionelle Journalisten, wie z.B. Tom Fiedler, sehen das so. Doch läuft der klassische Journalismus wirklich Gefahr, von der Berichterstattung in Weblogs verdrängt oder gar ersetzt zu werden? Oder sind Weblogs nicht vielmehr auch Impetus, Ressource und Hilfsmittel in der modernen, professionellen Nachrichtenverarbeitung?

Als größte Bedrohung für den professionellen Journalismus sehen viele die Tatsache, dass sich heute im Prinzip jeder, der die nötigen technischen Voraussetzungen erfüllt, via Weblog „journalistisch“ betätigen kann (sagen wir besser: „etwas publizieren” kann). Immer mehr Menschen verfügen zudem über mobile technische Geräte mit integrierter Digitalkamera, die nicht nur Ad-Hoc-Aufnahmen im entscheidenden Moment erlauben, sondern Fotos und Videodateien auch unmittelbar versenden bzw. ins Netz hochladen können. Indem sie die Öffentlichkeit direkt an ihren Beobachtungen teilhaben lassen, ermöglichen es die sogenannten Bürgerreporter ihrer Leserschaft, Nachrichten im Zeitfenster eines Augenzeugen zu sehen.

Der Bürgerjournalismus wächst jedoch nicht allein mit den technischen Innovationen, sondern lässt sich in seiner Entwicklung auch an markanten Ereignissen und Katastrophen messen. Der Irakkrieg, der Tsunami im Pazifik Ende 2004, die Bombenanschläge in London im Juli 2005 oder der Hurrikan in New Orleans im selben Jahr steigerten die Popularität von Blogs als Instant-Berichterstatter.

Augenzeugenfotos auf den Titelseiten

Viele Bloggerinnen und Blogger veröffentlichen ihre Bilder oder Videosequenzen allerdings nicht nur auf dem eigenen Blog, sondern stellen sie auch diversen Offline- oder Online-Nachrichtenredaktionen – sozusagen exklusiv – zur Verfügung. Bei den Bombenanschlägen in London bestand der Großteil der bildlichen Berichterstattung in der Presse und bei den Fernsehsendern aus Fotos bzw. Videoaufnahmen von Bürgerreportern. Innerhalb einer Stunde nach dem ersten Anschlag erhielt die BBC über 50 E-Mails mit Bildern und Videoclips von Augenzeugen. Auch die meistgelesenen englischen Boulevardzeitungen The Sun und The Daily Mirror zeigten am nächsten Tag nur Augenzeugenfotos auf den Titelseiten.

Die Blogger selbst erhoffen sich durch die Veröffentlichung in den Massenmedien eine Steigerung ihres Bekanntheitsgrades. Jede Erwähnung und jeder Link – besonders von viel gelesenen Medien – lässt die Reichweite des eigenen Blogs ansteigen. Ruhm, Glory und man selbst der neue Opinion Leader in der Blogosphäre – YES!

Für die Medien bietet sich  im Gegenzug durch die Einbettung bürgerjournalistischer Inhalte die Möglichkeit, ihr Repertoire zu erweitern und dem in der heutigen Zeit hochgepriesenen Credo zu folgen: „den Rezipienten mit einbeziehen“. Dieser wird dann so ganz Web 2.0-like zum Produzenten (oder wir Axel Bruns sagen würde: zum Produser).

Blogs noch vor den Onlinezeitungen auf Google

Die Weiterentwicklung dieser friedlichen Komplementarität zeigt sich dann spätestens im Google Page Ranking: Stark verlinkte und oft rezipierte Weblogs landen hier nicht selten vor den bekannten Newssites oder Onlinezeitungen, was das „Bedrohungsszenario“ erst anheizt. Weitere Faktoren, die das Blog zum Feind der professionellen Nachrichtenmedien machen sind vor allem seine vermeintliche Aktualität, die Kostengünstigkeit (in Nutzen und Produktion) und die hohe Glaubwürdigkeit (jede Falschmeldung wird in der Blogosphäre sofort enttarnt und gegenargumentiert). Blog-Enthusiasten sehen in der durch Links und Kommentare generierte Meinungsvielfalt den Hauptgrund, warum Weblogs den Massenmedien oft vorgezogen werden. Es wird argumentiert, der professionelle Journalismus distanziere sich mit seiner objektiven Sicht der Dinge von der Gesellschaft und vermittle so den Eindruck einer Außenseiter-Institution ohne Verbindung zum Publikum.

In der Expertendiskussion bleibt es strittig, ob Weblogs im Sinne des Bürgerjournalismus eine positive, also bereichernde, oder bedrohliche Schnittstelle zum professionellen Journalismus  darstellen. (Den Umstand, dass viele professionell ausgebildete Journalistinnen und Journalisten selbst auch bloggen, lassen wir hier jetzt mal unberücksichtigt). Doch verweist allein die Tatsache, dass sich bereits ein eigenes Tätigkeitsfeld, eben das des Bürgerjournalismus, gebildet hat, auf eine Parallelität beider Kommunikationsformen. Außerdem – und das ist das Hauptargument für ein komplementäres Verhältnis von Blogs und Profijournalismus – sind beide Formen jeweils für sich stehend: die subjektive Art der Berichterstattung in den Blogs und die professionelle Objektivität im Journalismus. Beide haben ihre Berechtigung.

3 comments to Bürgerjournalisten vs. Profis: Ende mit dem Entweder-Oder-Paradigma?

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