Du denkst, Du kennst Dich in- und auswendig? Kennst all Deine Macken, Angewohnheiten und Eigenarten? Ja, das dachte ich auch, bis mich eine neue Erkenntnis eines Besseren belehrte: ich bin Synästhetikerin. Ist das gefährlich oder gar strafbar? Bericht einer Betroffenen.
Vor circa einem Jahr stand ich mit einer Kommilitonin am Bahnhof in Bonn. Wie sooft nach der Vorlesung, wollten wir mit dem Zug zurück nach Köln fahren. Eher beiläufig erzählte sie mir, dass sie durch einen Kurs an der Uni erfahren hat, dass sie Synästhetikerin ist. “Synäs-was? Noch nie davon gehört”, sagte ich. Sie erklärte mir, dass es eine besondere Form der Wahrnehmung sei, bei der sich mehrere Sinne miteinander verbinden.
Sie hat in dem Kurs ein Referat darüber gehalten, um mehr von ihrer besonderen Fähigkeit zu erfahren. Dann fragte sie mich kurzerhand: “Welche Farbe hat die Zahl 2?” Ich antwortete prompt “Gelb. Ist doch logisch, oder?!” Sie lachte und sagte: “Nein, eigentlich nicht. Herzlichen Glückwunsch, Du hast Synästhesie!”
Am nächsten Tag recherchierte ich im Internet. Synästhesie ist keine Krankheit, sondern eine psychologisch-neurologische Besonderheit, die die Wahrnehmung betrifft und vorwiegend bei Frauen auftritt. Bei Synästhetikern löst ein Sinnesreiz oft auch noch weitere Sinnesreize aus. So sehen sie zum Beispiel bei Zahlen, Wochentagen oder Monaten Farben oder empfinden bei einem Buchstaben bestimmte Emotionen. Es gibt viele Tests im Internet und sie waren alle eindeutig: ich habe tatsächlich Synästhesie.
“Herzlichen Glückwunsch, Du hast Synästhesie!”
Nur rund vier Prozent der Bevölkerung haben mindestens eine ausgeprägte Form der Synästhesie. Wenn es allerdings schon zwei Leute aus unserem Jahrgang haben, dachte ich, kann es ja nicht so selten sein – und das stimmt vermutlich auch. Viele Synästhetiker wissen gar nicht, dass sie eine außergewöhnliche Wahrnehmung haben. Für sie ist es eben normal, dass die Fünf grün ist. Daher wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen.
Die häufigste Form der Synästhesie ist das “Coloured Hearing”. Dabei werden einem Musikstück bestimmte Farben, Formen und Oberflächenstrukturen zugeordnet. Hört der Synästhetiker einen tiefen Bass, verbindet er damit etwa blaue und raue Oberflächen. Ein anderer hingegen kann bei dem gleichen Musikstück eine ganz andere Farbe und Struktur empfinden.
Dieses “Coloured Hearing” habe ich jedoch nicht. Bei mir beschränkt es sich auf einige Zahlen, Buchstaben, Monate und Wochentage. Aber auch die Worte “links” und “rechts” haben eine ganz bestimmte Form. Links ist ganz schmal und violett, während ich bei dem Wort “rechts” einen tiefroten Ball vor mir sehe.
Manch einer mag denken “Wie kann man denn einfach so einen Ball sehen?”. Es ist eher ein Empfinden. In etwa so, wie man mit bestimmten Menschen Charaktereigenschaften assoziiert oder Gerüche einen in die Kindheit zurückversetzen. Das kennt doch jeder! Man riecht zum Beispiel Griesbrei und sieht direkt seine Kindergärtnerin vor dem geistigen Auge. Oder geht es etwa doch nur mir so?
Das Wort Montag ist eben waldgrün
Und genau das ist der Grund warum Synästhetiker oft nicht wissen, dass sie eine besondere Gabe haben. Für sie ist es eben selbstverständlich, Gerüche mit Emotionen oder Formen mit Farben zu fühlen. So wie jeder bei David Hasselhoff sofort an Baywatch denkt, ist das Wort Montag bei mir eben waldgrün. Und jeder, der etwas anderes sagt, lügt.
Das ist sehr subjektiv gedacht, gebe ich zu. Aber sagt mir jemand, der Freitag ist Gelb und nicht Rot wie bei mir, empfinde ich es als eine Lüge. Um wieder das Beispiel David Hasselhoff zu bemühen, wäre es in etwa so, jemand würde uns weiß machen, David Hasselhoff wäre der Star in “ALF” gewesen. Unvorstellbar! Doch jeder Synästhetiker hat eigene Assoziationen, die nicht zwingend mit denen anderer “Farbenfühler” übereinstimmen.
Das Wort Synästhesie wird vom Altgriechischen abgeleitet und heißt so viel wie “mitempfinden”. Die Ursachen dieser besonderen Empfindungsfähigkeit sind kaum bis gar nicht erforscht. Aufgrund des gehäuften Auftretens der Synästhesie innerhalb von Familien, gibt es Vererbungstheorien, die jedoch nicht bewiesen sind.
Die Fähigkeit zur Synästhesie könnte angeboren sein
Der technische Fortschritt in den 1980er und 90er Jahren machte es möglich, immer mehr über die Funktionsweise des Gehirns herauszufinden. Richard Cytowic, Neurowissenschaftler und Synästhesie-Forscher an der Washington University, vermutet, dass jeder Mensch von Geburt an über solche Nervenverbindungen verfügt.
Die Fähigkeit zur Synästhesie sei demnach angeboren und nicht erlernbar. Untersuchungen an Neugeborenen zeigten, dass bei den meisten Menschen diese Nervenverbindungen bereits nach drei Monaten verkümmern oder ganz verschwinden – anders bei Synästhetikern, dort bleiben sie ein Leben lang erhalten. Deshalb sagen die meisten Synästhetiker auch “Der Dienstag ist gelb – schon seit ich denken kann”. So wird vermutet, dass Synästhesie in den Genen verankert sein könnte.
Jedes Mal wenn ich meine Kommilitonin treffe, tauschen wir uns über unsere neuesten Erkenntnisse aus. So war mir bis vor Kurzem nicht klar, dass der Buchstabe M bei mir dunkelblau ist. Es wird nur kritisch, wenn sie mir weiß machen will, dass der Buchstabe R gelb ist – denn bei Lügen hört die Freundschaft nun wirklich auf!

Bin auch Synästhetiker:
Montag – blaugrün, Dienstag – enzianblau, Mittwoch – weiß, Donnerstag – moosgrün, Freitag – dunkelgraugrün, Samstag – rot, Sonntag goldgelb.
1 – grau, 2 – weiß, 3 – grauweiß, 4 – grün, 5 – gelb, 6 – rot, sieben – graublau, 8 – kräftigblau, 9 – dunkelgrünlich.
Das Wort “Baum” ist bei mir grau, oval und weich mit unebener Oberfläche. Das Wort “Liebe” giftgrün-rot, gezackt, schmerzhaft.
Und so weiter … :-)