Schneller schreiben, schneller verschicken, schneller verstanden werden. Digitale Buchstaben haben Vorteile. Gerade wir Redakteure des Medienblick wissen sie zu schätzen, denn ohne sie könnte unser Online-Magazin nicht existieren. Aber nichtsdestotrotz lohnt ein Blick hinter die Digitalität in eine analoge Welt voll Schönheit und Präzision: In die Welt der Kalligrafie.
Von Nadine Preibisch
Wer stundenlang im Internet surft, seine E-Mails checkt, Newsletter löscht, Studivz-Nachrichten schreibt, Neuigkeiten twittert und Spiegelonline durchstöbert, wird blind für dasjenige, was hinter dem Inhalt steckt. Man mag behaupten: Wir sehen die Buchstaben vor lauter Wörtern nicht. Zugegeben: Warum sollte man sich auch mit dem Text an sich, den Formen von Buchstaben auseinander setzen? Die Schriftarten im Internet sind ohnehin zu großen Teilen auf Verdana oder Times beschränkt. Varianz ist kaum auffindbar in den Weiten des WWW.
Unser Auge ist blind geworden für Schrift
Schade. Denn der Buchstabe als kleinster Teil eines Textes, kann sehr wohl unserem Auge gefallen. Dafür bedarf es aber Zeit. Buchstabenanschläge in der Minute beeindrucken niemanden in der Kalligrafie. Ich will euch nicht den Wind aus den Segeln nehmen, doch ist Geduld das A und O. Ein Kalligraf kann nicht erst den Text niederschreiben und nachher formatieren oder wenn nötig, die Schriftgröße skalieren.
Gut Ding will Weile haben
Der Kalligraf muss seinen Vorgang im Vorfeld gründlich planen: Er überlegt sich, wie viele Worte er auf eine Zeile schreiben wird und wie viele Zeilen daraus entstehen sollen. Dann wird mit Bleistift und Lineal ein dünnes Hilfslinienraster aufgezeichnet, damit die Buchstaben geradlinig verlaufen. Niemand möchte ein Endergebnis erhalten, das aussieht, als sei es von einem Grundschüler gezeichnet, sondern es soll eine anspruchsvolle Niederschrift entstehen.
Zu Recht trägt die Kalligrafie den Beinahmen „Kunst“. Planung, Ausführung und Nachbearbeitung sind wesentliche Arbeitsschritte, die uns durch Computersoftware im alltäglichen Schriftverkehr so nicht mehr beschäftigen.
Kalligrafie als Liebe am chinesischen Schriftzeichen?
Aber wieso praktiziert man noch Kalligrafie? Sie raubt doch Zeit und ist mühsam. Liegt es an der Beliebtheit Chinas, der Faszination des Fremden? Nicht nur, aber auch. Tatsächlich gibt es zahlreiche Kurse, die ihren Teilnehmern das Zeichnen chinesischer Schriftzeichen lehren. Doch auch das Deutsche bietet eine Unmenge von Schriftgruppen, Schriftarten und letztlich Schriftschnitten. Die Medienblickkalligrafie (rechts) wurde mit Tusche und Feder in einer Gotischen Schriftart gezeichnet, so wie auch die Mönche in Klöstern früher geschrieben haben.
Die Liebe zur Fremdheit ist aber nur die eine Seite der Medaille. Der zweite Grund, warum es sich lohnt, eine Handschrift zu erlernen, ist das Staunen. Man macht dem Empfänger einer mit Kalligrafie verzierten Karte eine große Freude und drückt seine Wertschätzung aus. Wer sich so viel Arbeit macht, der hat mich gern. Besonders gut ist die Kunst des Schönschreibens für Geburtstagskarten oder Einladungen geeignet oder einfach für zwischendurch, um den besten Freund zu begeistern. Probier es aus! Aber bring Zeit mit.
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