Seit Jahrzehnten ist die BRAVO eines der bekanntesten und meistgelesenen Jugendmagazine. Sie ist dafür bekannt, immer am Puls der Zeit zu sein und sich mit den aktuellen Interessen und Problemen Jugendlicher auf eine fortschrittliche, zukunftsorientierte Weise auseinanderzusetzen. Doch wie stark sich diese Interessen und das Weltbild junger Menschen im Laufe der Zeit verändert haben, musste ich erst vor kurzem erkennen, als ich bei mir zu Hause eine erstaunliche Entdeckung machte.
Um diese Entdeckung schildern zu können, ist an dieser Stelle eine kleine Retrospektive nötig. Wir schreiben das Jahr 2009, es ist Hochsommer. Ich befinde mich in einem sanierungsbedürftigen kleinen Schuppen, zu dessen Ausräumung ich im Zuge der Renovierung des nachbarschaftlichen Grundstückes verurteilt worden bin.
Unlängst bin ich damit beschäftigt, die komplette Holzwandverkleidung in diesem kleinen Raum, der vor vielen Jahren einmal das Jugendzimmer meiner inzwischen etwa fünfzigjährigen Nachbarin gewesen ist, herunterzureißen. Mental bereite ich mich gerade auf das Abschaben mehrerer Schichten hartnäckiger Retrotapete vor, als ich auf etwas ganz anderes stoße.
Ein Stückchen Geschichte
Nun gut, Tapete finde ich auch, aber obendrauf ist mit goldgelbem Tesafilm ein Poster geklebt, an dem offenkundig schon eine Weile der Zahn der Zeit genagt hat. Von diesem Poster starren mich nun vier pilzköpfige junge Männer an. Ihre Namen stehen in schwarzen Blockbuchstaben auf ihren Ärmeln: Keith, John, Pete und Roger. Ein Blick in die obere linke Ecke verrät mir: es handelt sich um ein altes BRAVO-Portrait von „The Who“.
Auf der Rückseite des gelblichen, dünnen Papiers sind noch Teile eines Aufklärungsreports und an die weiblichen Leser gerichtete Beziehungstipps zu lesen, bei denen Fragen wie „Ist Keuschheit altmodisch?“ diskutiert werden. Es wird eine nicht ganz eingetroffene Prophezeiung für das Jahr 1967 erwähnt, weshalb die Ausgabe, soviel lässt sich zumindest bestimmen, nach 1967 erschienen sein sollte.
„Lass ihn nie merken, daß Du in technischen Dingen versierter bist […] und mehr von Stereo-Anlagen verstehst“
An alle Mädchen: Wie man einen Jungen hält
Während ich mir die Artikel auf der Rückseite des Posters ansehe, bin ich ergriffen von Verblüffung über die doch eher prüde Wortwahl, die eine so jugendnahe Zeitschrift wie die BRAVO trifft, und sei sie auch noch so alt.
Obwohl Themen wie Verkehr vor der Ehe (der nach dem damals geltenden Gesetz noch als „Unzucht“ bezeichnet und sogar bestraft werden konnte) nicht mit erhobenem Zeigefinger angesprochen, sondern ernsthaft diskutiert werden, ist von Emanzipation für meinen Geschmack wenig zu spüren.
Der Umgang mit moderner Technik wird hier als „Männersache“ bezeichnet, in die man sich als Mädchen nicht mischen sollte, da man ansonsten den männlichen Stolz des Freundes verletzen könnte. Moderne Technik – das war zu dieser Zeit gerade die Stereoanlage.
Sexuelle Reizüberflutung
Die BRAVO schreibt zum Thema Aufklärung über den Zwiespalt der Jugendlichen zwischen ihrer eigenen sexuellen Mündigkeit auf der einen, und der „sittlichen Ordnung“ auf der anderen Seite, die nicht wolle, dass junge Menschen von ihren neuen Fähigkeiten Gebrauch machen.
Wenn ich da so an die Werbeclips auf MTV denke, die heutzutage nach 24 Uhr ausgestrahlt werden, komme ich zu dem Schluss, dass von der Jugend inzwischen sehr wohl erwartet wird, dass sie von ihren „neuen Fähigkeiten“ Gebrauch macht.
Und in Zeiten von Pornoberieselung via Internet, Iphone und Co., mit denen die Generation der Digital Natives heute aufwächst, kann ich mir kaum noch vorstellen, wie man mit Intimität vor der Ehe einmal so viel Staub aufwirbeln konnte.
Doch so wie ich Argumente dafür finde, dass es früher anständiger zuging, findet die BRAVO diese ebenfalls.I m Report heißt es nämlich, viele bedeutende Menschen seien davon überzeugt, dass die Menschheit früher sittlicher gewesen sei.
Die ewige Schuldfrage und die ewig gleiche Antwort
Die Schuldfrage, warum wir angeblich nicht mehr so „sittlich“ sind wie früher, klärt die BRAVO nun wie folgt: Die moderne Technik stumpfe unsere Seelen ab, der entnervende Einfluss des Großstadtlebens sei verantwortlich, die moderne Reklame und die Massenmedien überfluteten die Jugend mit sexuellen Reizen.
Ist jemandem die große Schnittmenge zu den heutigen Argumenten aufgefallen, die man vorgehalten bekommt, wenn man danach fragt, warum überhaupt „alles“ nicht mehr so gesittet ist wie früher?
Ob wir wirklich so stumpf geworden sind und ob die Zeiten damals besser waren, als noch nicht jedes dritte Kind seinen eigenen Computer oder Laptop hatte, kann ich nicht wirklich sagen. Aber ist es nicht beruhigend, dass sich zumindest die Verantwortlichen nicht ändern?
“ I hope I die before I get old (Talkin’ ’bout my generation)” (The Who – My Generation)Tweet



Bestürzend zu sehen, dass die Gleichberechtigung 1968+ noch nicht das Flaggschiff des Fortschritts “BRAVO” ergriffen hatte. Noch schlimmer: Die Tipps, wie man einen Jungen hält funktionieren wahrscheinlich heute noch. :D