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Senioren studieren die Jungen an die Wand

Von Almut Rademacher

Wenn jung und alt aufeinander treffen, führt das manchmal zu großen Missverständnissen. Auch an der Uni Bonn kommt es jeden Tag zu solchen Situationen. Gasthörer fortgeschrittenen Alters und die jüngeren Studierenden sitzen gemeinsam in Vorlesungen. Wir sehen nun beide Seiten der Medaille .Seniorstudis an der Uni Bonn

 Katja, 22 Jahre, 5. Semester

Ich komme abgehetzt mit Kaffee und Brötchen in den Händen in die Uni. War schon wieder alles zu viel. Ich setze mich neben meine Freunde in die hinteren Bänke des Hörsaales. Die Vorlesung beginnt. Ich kläre mit meinen Freunden die wichtigsten Neuigkeiten der Fakultät ab. Man muss ja auf dem Laufenden sein. Gleichzeitig aber versuche ich auch zu zuhören und mache fleißig Notizen. Ich will ja die Prüfung am Ende des Semesters bestehen.

Ein Skript wird ausgegeben. Hinten bei mir kommt nichts mehr an. Kann doch nicht sein, dass die schon wieder zu wenig gedruckt haben. Nein, haben sie auch nicht. Zumindest für uns normal eingeschriebene  Studierende gibt es genug. Unser Skript wird nämlich von den Studiengebühren bezahlt. Und es ist deswegen auch eigentlich nur für die da, die diese bezahlen.- Eigentlich! Wie kommen die Gasthörer dazu, sich einfach auch zu bedienen? Die zahlen eh schon viel weniger Geld als wir für das gleiche Wissen und haben doch eigentlich viel mehr Geld pro Monat zur Verfügung als wir. Jetzt muss ich wieder alles mit der Kopierkarte drucken.

Irgendwie sind diese Menschen mir sehr fremd

Kurze Zeit später stellt unser Professor die berüchtigte Frage: „Haben Sie dazu noch Fragen?“- Man kann sicher sein, dass mindestens einer der älteren Herren in den vorderen Bänken dringend etwas sagen möchte. „Ja also ich hab da mal ein Buch gelesen und in dem wurde eine ganz andere Meinung vertreten…“ oder „Also ich hatte das immer ganz anders verstanden…“. Sie demonstrieren ihr vermeintlich großes Wissen, was sich manchmal über viele, sehr lange Minuten hinzieht. Was wollen die da vorne eigentlich? Wem wollen sie was beweisen?

Manche von denen kenne ich schon lange. Die waren schon vor mir an der Fakultät und werden wohl auch noch da sein, wenn ich schon längst irgendwo anders bin. Aber grüßen tun sie nie. Immer wenn ich versuche sie freundlich anzulächeln sind sie irritiert und gehen griesgrämig weiter. So richtig weiß ich nie, wie ich mich ihnen gegenüber verhalten soll.

Hermann, 69 Jahre, Gasthörer

Noch einmal in die Universität gehen und studieren nach dem Berufsleben. Mich weiterbilden, bloß nicht einrosten. Das war meine Intention. Vielleicht einige Kontakte zu Gleichgesinnten knüpfen.

Natürlich lerne ich viel in den Vorlesungen, aber irgendwie fühle ich mich im Hörsaal unwohl. Ich sitze ganz vorne. Ich möchte gut hören können. Aber ich sitze auch alleine. Habe keinen Banknachbarn, weil ich die anderen Gasthörer fast gar nicht kenne. Wir haben ja keine Fachschaft oder gemeinsame Aktionen wie die jungen Leute.

So wie die sich benehmen, kann das alles gar nicht so schlimm sein

Apropos die jungen Leute. Die sind so unkonzentriert. Albern rum, schreiben sich Zettelchen. Wir sind doch nicht im Kindergarten. Haben die denn gar keinen Respekt vor dem Dozenten? Mich stört das beim Zuhören. Und dann jetzt in den letzten Wochen streiken die auch noch. Die haben doch alles. Undankbar finde ich das irgendwie. Die sagen, dass die Bologna-Reform sie überfordert und sie den Leistungsdruck nicht mehr aushalten können. Das wüsste ich aber. So wie die sich da hinten benehmen, kann das alles gar nicht so schlimm sein.

Am schlimmsten finde ich, wenn sie meine Beiträge mit Unmutsäußerungen kommentieren. Einmal hat sogar schon jemand gerufen, dass das nicht nur meine Vorlesung wäre. Aber Studium bedeutet doch auch nachzufragen und weiter zu denken. Davon haben die jungen Leute scheinbar noch nichts gehört! Die sollen mal lieber mehr arbeiten und fleißiger sein. Dann wird auch was aus ihnen.

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