Von Nicole Molitor
Endgültig vorbei sind die Zeiten, in denen der Nimbus der Unantastbarkeit über den guten, alten Gassenhauern schwebte. Evergreens sind längst dem Verblühen inbegriffen. Es sei denn, sie werden noch kurz vorm Welken ordentlich gepimpt und so auf die Bedürfnisse der modernen Masse zugeschneidert.
Die Bedürfnisse? Schneller, lauter, schriller natürlich. Und tanzbar, bitteschön! Wenn nicht komplett auf der Tanzfläche ausgerastet werden kann, hat sich für die Partypeople das Covern gar nicht erst gelohnt. Und auf Party kommt es natürlich an. Meistens. Denn es gibt ja auch noch das hemmungslose Hit-Recycling jenseits der Dancefloors dieses Planeten!
Nicht nur der R&B-Szene wird so beispielweise von einem Flo Rida gezeigt, wie man selbst von altbackenen Rhythmen noch ‚diskähnlich durch den Raum geschleudert’ werden kann. Nein, unter anderem bereicherte auch die Metal / Gothic-Fraktion die Welt mit zwei randvollen „Cover it up!“-Alben.
Spiel mir das Lied und du bist tot!
Erst neulich konnte ich mich auf dem Muse-Konzert in Köln wieder von den Folgeerscheinungen des Coverwahns überzeugen. Ganz unverblümt trat hier nämlich die mächtige Verwirrung unter den Konsumenten zutage, die mit der wüsten Abkupferungsmasche verbunden ist. Die charmante “Spiel Mir Das Lied Vom Tod”- Mundharmonikaeinlage auf der Bühne bereitete der Menge so einiges Kopfzerbrechen. Gut hörbar und mit Kennermiene lässt der Held nebenan daraufhin gleich mal verlauten: „Ey, das ist Supertramp!“
Das kam wie aus der Pistole geschossen und meine Kinnlade fiel mit ähnlicher Schallgeschwindigkeit herunter. Mhm. Supertramp und “Spiel Mir Das Lied Vom Tod”…! Eigentlich rasiermesserscharf kombiniert, wie mir dann auf den zweiten Blick bewusst wurde. Denn das gute Teil wurde tatsächlich irgendwann einmal von besagter Band in einem ihrer Songs verwurstet… NACHDEM es auch so schon lange lebende Legende war!
Bezeichnend genug, dass der Fan von Heute ähnlich um Ecken denkt, was die Identifizierung berühmter Lieder oder Melodien betrifft. Aber wen wundert’s, wenn derselbe Titel zuhauf in allen möglichen Formen und Farben vorliegt? Da ist die Orientierungslosigkeit gewissermaßen vorprogrammiert.
Loss of religion
Durchaus vom Glauben abfallen kann man schon mal, wenn man sich genauer im undurchsichtigen Coverwald umschaut. Besonders hübsch fand ich hier den Griff in die musikalische Mottenkiste von zwei Bands, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
So versuchten sich 2003 erst die Preluder Pop-Sternchen am R.E.M. Klassiker „Losing My Religion“. 2005 folgte – weniger bekannt – die eigenwillige Neufassung von den Black Metallern Graveworm. Natürlich scheiden sich hier die Geister. Mal wieder eine bunte Mischung, die dem Publikum da vor die Füße gerotzt wird. Interpretationsvorschläge en masse. Für so viel Liberalität gibt’s zumindest einen Gnadenpunkt.
Die Letzten werden die Ersten sein
Ziemlich blöd muss das Ganze auch für die Macher der Originale sein. Zuzusehen, wie das eigene Lied exzessiv verstümmelt wird, dürfte an die Nieren gehen. Zum Teil auch in den eigenen Geldbeutel. Trotzdem verdienen die Parasiten natürlich mehr an ihrem Covererfolg als der ausgebootete Urheber durch seine Tantiemen.
Immerhin lebt das Stück weiter, mögen jetzt sonnige Optimisten sagen. Aber als was, würde ich erwidern. Vom vielen Mund-zu-Mund-Reichen völlig ausgelutscht, geht jedem Original einmal der Sinn verloren. Die Seele verschwindet irgendwo zwischen Technobeats und brachialer Gitarrenschredderei. Und das ist ziemlich Pfui!
Die Geldfrage dürfte daher eher das geringere Übel sein. Was würde Ennio Morricone wohl dazu sagen, dass seine “Spiel Mir Das Lied Vom Tod”-Komposition schlagartig mit Supertramp assoziiert wird? Recht ärgerlich für den Vollblutmusiker von gestern, wenn sich statt seiner irgendeine Eintagsfliege von heute mit den Lorbeeren seiner Arbeit schmückt.
Und die Rechnung geht auf: Das Neue verdrängt das Alte allmählich aus unserem Gedächtnis. Hand aufs Herz, wer kennt schon noch die Originale in erster Instanz? Opi plus Konsorten, eingefleischte Hardcorefans oder gruselige Sammlernerds, die akribisch Liste führen? Nein, so streng muss man es auch gar nicht halten. Jeder wird wohl bei irgendeiner Hitvariation schwach. Bloß gegen das bitterböse Coverunwesen zu wettern, wäre ja wie Wasser predigen und Wein trinken.
Denn ab und zu fühlt man bei einigen Perlen der Covergeschichte tatsächlich echten Idealismus. Nicht immer ist die einzige Daseinsberechtigung so einer Fälschung der Kommerz. Die berühmten Ausnahmen eben. Aber – so viel Wasser gehört dann doch in den Wein – die musikalische Tieferlegung bleibt im Prinzip ein fieser Ideenklau.
Wie gesagt, im Prinzip…
