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Der Flashmob-Boom - Soziologische Annäherung an ein Phänomen

Ein neuer Trend erobert Städte auf der ganzen Welt. Wildfremde Leute verabreden sich via Internet, um dann den öffentlichen Aufstand zu proben. Von Massenkissenschlachten über ausgelassene Tanzgelage bis hin zur Stürmung eines Kaufhauses, die Palette der so genannten Flashmobs ist groß. Doch was veranlasst Menschen dazu, ein scheinbar sinnloses Massenspektakel zu veranstalten?

Offensichtlichster Grund für die Teilnahme an einem Flashmob ist sicherlich der Spaß und die Ausgelassenheit, die mit dem Ereignis verbunden sind. Das Ganze hat etwas Kindlich-Spielerisches, dass uns auch im Erwachsenalter ein Stück Kindheit zurückzubringen scheint. Doch reicht dieser Grund aus, um den regelrechten Flashmob-Boom der letzten Monate in Deutschland zu erklären?

Die soziologische Betrachtung der Flashmobs steckt noch in den Kinderschuhen, rückt aber zusehends ins Blickfeld wissenschaftlicher Untersuchungen. So widmete sich auch die Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im Rahmen des Hauptseminars Visuelle Soziologie im Sommersemester 2009 dem neuen Forschungsfeld. Die Seminarteilnehmer konzipierten eigens einen Flasmob, der im Juli auf der Hofgartenwiese in Bonn stattfinden sollte. Das Ergebnis des Ideenprozesses war der Flashmob Der rote Teppich wird ausgerollt…, bei dem, wie der Namen schon sagt, ein roter Teppich als Ort der sozialen Inszenierung im Hofgarten ausgelegt wurde.

Die Hofgartenwiese als ,,Mikrokosmos des sozialen Lebens“, so Kathrin Rosi Würtz, die Dozentin des Seminars, eigne sich hervorragend, um sich dem Flashmob in soziologischer Hinsicht zu nähern. Untersucht wurde dabei insbesondere, wie sich die Akteure spontan inszenieren, wenn ihnen mitten im Alltagsleben ein roter Teppich ausgelegt wird. ,,Die Art und Weise, wie sich Menschen auf und um den roten Teppich benehmen, ist das Entscheidende für uns. Welche Wechselwirkungen zwischen den Akteuren können wir beobachten? Bilden sich Gruppen, wer interagiert mit wem? Welche Kleidung, Frisuren etc. tragen unsere Flashmob-Teilnehmer? Wie schlüpfen Unbeteiligte spontan in die Star- oder Publikumsrolle? Welche Körperbewegungen können wir beobachten?“, so Würtz zu den Untersuchungsgegenständen des Flashmobs.

70 Minuten Video, über 600 Fotos

Um dabei möglichst umfangreiche Ergebnisse zu erzielen, wurde das Spektakel mit 10 Kameras aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen. Jede Kameraposition hielt einen bestimmten Aspekt wie beispielswiese Mimik und Gestik der Teilnehmer oder den Übergang von der Publikums- zur Starrolle fest. Bei dem siebenminütigen Flashmob entstanden ca. 70 Minuten Videomaterial und über 600 Fotos.

Nach Ansicht von Kathrin Rosi Würtz kommen Flashmobs in erster Linie auch ,,aufgrund eines Verlangens nach gemeinschaftlichen Erlebnissen und Gefühlen zustande. Aber nicht jeder Flashmob ist nur auf das reine Erlebnisgefühl ausgerichtet.“ So können Flashmobs ihrer Meinung nach auch durchaus ,,hybride Mischformen“ annehmen.

Motivation für eine Teilnahme ist somit sicherlich auch der Umstand, Teil etwas Großes sein zu können, und das, ohne viel Aufwand oder Zeit dafür aufbringen zu müssen. Aufmerksamkeit ist den Teilnehmern schließlich beim Flashmobbing garantiert. So entdecken auch immer mehr Unternehmen den Flashmob für kommerzielle Zwecke: Eines der größten und dabei auch erfolgreichsten Ereignisse war eine Aktion von T-Mobile, bei der einige Hundert Menschen im Liverpooler Hauptbahnhof für einen Werbespot der Firma aus heiterem Himmel zu tanzen begannen.

Weit über reinen Spaß hinaus

Flashmobs können also weit mehr als reine Spaßveranstaltungen sein. Für die Einen sind sie pures Vergnügen, für Andere hingegen schlummert in ihnen ein soziales bzw. politisches Potential, welches man sich zu Nutzen machen kann.

So thematisierte der amerikanische Medientheoretiker Howard Rheingold bereits 2002 in seinem Buch Smart Mobs: The Next Social Revolution die soziale Funktion des Internets und in diesem Zusammenhang auch der Flashmobs. So gibt der “Blitzlauf“ dem Medium Internet eine neue Komponente, indem er die Fähigkeit besitzt anonyme, virtuelle Gemeinschaften in die Realität zu transformieren. Dies alles geschieht zudem mittels des Web 2.0 in rasender Geschwindigkeit und mit unglaublicher Flexibilität.

Der Reiz der Flashmobs liegt somit nach Kathrin Rosi Würtz in ,,der Verzahnung von multimedialen Praxisfeldern der Kommunikation, wie etwa Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten über studiVZ.net oder facebook und der daran anknüpfenden Real Life Face-to-Face-Interaktion im öffentlichen Raum wie beispielsweise in der Fußgängerzone.“

Howard Rheingold prägte in seinem Buch auch den Begriff des so genannten Smart Mob, bei dem sich Gruppen mittels Internet oder SMS zusammenschließen, um gesellschaftliche oder politische Ziele zu erreichen oder um bessere Verhältnisse zu schaffen. So haben sich im Januar 2001 Hunderttausende auf den Philippinen zu einer Spontandemonstration versammelt, um den korrupten Präsidenten Estrada zu stürzen.

Mehr oder minder klare Abgrenzung

Die Motivation an einem Flashmob teilzunehmen hängt so sicherlich auch von dessen Form ab.  So unterscheidet man zwischen dem oben thematisierten Smart Mob und dem klassischen Flash Mob, den man auch als Artistic Mob bezeichnen kann.

Beide haben scheinbar nicht wirklich viel gemeinsam, sind Flashmobs doch ausdrücklich spielerisch und unpolitisch und entsprechen vielmehr einer Art Performance-Kunst. Doch auch im Spaßmob schlummert ein gewisses soziales Potenzial, welches aber bislang nicht vollends genutzt wird. Das mag daran liegen, dass der politisch und revolutionär motivierte Mob durch unruhige und unsichere Gesellschaftsverhältnisse begünstigt wird. Der Artistic Mob wird von unserer Spaßgesellschaft eher um seiner Selbst Willen gefeiert. Dennoch wirken auch bei dieser Art des Spaß-Mobs unbewusste Kräfte, die Menschen zur Teilnahme verleiten.

Im Sinne des amerikanischen Soziologen Erving Goffman könnte man die Flashmobs auch als eine Verletzung der Interaktionsordnung sehen, welche geltende Normen für kurze Zeit außer Kraft setzen können. Den Flashmobbern ermöglicht der “Blitzlauf“ somit einen Ausbruch aus dem Alltag und dem festen Korsett bestehender Regeln. Vielleicht boomt auch gerade deswegen seit geraumer Zeit das chaotische Flashmob-Fieber im sonst stets geregelten und ordentlichen Deutschland. So kann man sich schließlich in der Masse verstecken und Dinge tun, die man sonst nicht machen wurde. Flashmobs können so als eine Art Ventil zur Kompensation von Unterdrücktem fungieren.

Einer erfolgreichen Zukunft der Flashmobs dürfte also eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Schließlich gibt es eine Vielzahl an Gründen, sich zu beteiligen. Doch wie bei jedem Boom kann man nie genau wissen, wie lange dieser anhält. Vielleicht stirbt der Flashmob also auch wieder genauso schnell aus, wie er gekommen ist. Doch noch bleibt Zeit, das Phänomen weiter zu untersuchen. ,,Interessant für uns ist, welche innovativen Ideen die aktiven Flashmobber in der Zunkuft umsetzen werden und welche flashmobartigen Interventionen öffentliche, soziale Räume auf welche Art und Weise beeinflussen werden“, so Kathrin Rosi Würtz, die weitere Flashmobs zur Untersuchung soziologischer Sachverhalte nicht ausschließt.

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