
Ob bei Bündnis 90/Die Grünen, den Sozialdemokraten, den Christdemokraten, der FDP oder der Linken: Gezwitscher kommt von allen politischen Flügeln. Seit der Mikrobloggingdienst Twitter und das iPad den Weg in den Bundestag gefunden haben, werden Grundsatzdiskussionen über die Zulassung von elektrischen Geräten im Bundestag laut. Eine sonderbare Diskussion um deren legitime Verwendung nimmt ihren Lauf.
Der Deutsche Bundestag gilt als das Zentrum der Macht. Hier wird Politik gemacht. Doch die Neuen Medien verändern die Spielregeln der Politik. Ob E-Democracy, E-Government oder die Macht des im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf exemplifizierten „grassroots-movements“ – im Zeichen des E’s verändern das Internet und die sozialen Medien das Zustandekommen politischer Entscheidungen fundamental. Doch inwiefern elektronische Geräte im Bundestag überhaupt benutzt werden dürfen steht auf einem ganz anderen Blatt.
Einfacher war’s mit einem Mikrofon
Zu Zeiten Adenauers, als es neben dem Mikrofon nur den Sprecher und das Plenum gab, als von Handys, Smartphones, iPad und Personal Computer nicht die Rede sein konnte, war die Welt noch in Ordnung. Hintergrundgespräche fanden in den zugehörigen Hintergrundzimmern statt, vielleicht schob mal der eine Abgeordnete dem anderen verstohlen einen Zettel zu. Damals gab es im Bundestag keine Kameras – und das sollte auch bis 2002 so bleiben. Erst mit dem Umzug nach Berlin wurden Kameras im Bundestag zulässig. Zu früheren Zeiten konnte ausschließlich das schriftliche Protokoll bemüht werden.
Um im Internetzeitalter anzukommen, schlug die Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner kürzlich vor, tragbare Computer im Bundestag zuzulassen, unter anderem, damit man „mal zwischen zwei Tagesordnungspunkten wichtige Unterlagen abrufen“ könne. Telefonieren solle allerdings weiterhin verboten bleiben.
Dabei werden Kommunikationsformen wie SMS bereits seit Langem von den Abgeordneten (“live im Bundestag”), sozusagen unter der Hand, toleriert.
Das iPad-Verbot im Bundestag aufgebrochen
Erheblichen Anteil an der Aufarbeitung dieses Themas hat Jimmy Schulz, parlamentarischer Abgeordnete der FDP und Mitglied und Obmann der im März diesen Jahres initiierten Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“.
In der Bundestagssitzung vom 10. Juni 2010 las er seine Rede vom iPad ab. Laut Geschäftsordnung ist im Bundestag allerdings lediglich das Ablesen von Papier erlaubt. Ausgenommen sind von dieser Regelung nur Journalisten. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ließ den Redner gewähren, wies im Anschluss aber auf eine nachgeordnete Untersuchung des Vorfalles hin. Schulz selber sagt, er wolle „einfach einmal ausprobieren, was damit geht“ und setzt sich für eine Überarbeitung der geltenden Bestimmungen ein. Was aus Sicht des Bundestages allerdings mit dem iPad „geht“ berät zurzeit der Bundesgeschäftsausschuss.
Zeitung auf Papier gleich Zeitung digital?
Was als ein politisches Beiwerk interpretiert werden kann, sehen andere, vor allem technologieaffine Blogger, als einen revolutionären Angriff auf veraltete Regulierungen. Das gute alte Papier, das bis dato als einziges Medium zugelassen ist und laut der Geschäftsordnung die „Würde des Hauses“ schützen soll, erhält nunmehr zunehmend Konkurrenz von den elektronischen Medien.
Die Digitalisierung der Medienlandschaft muss auch für den Bundestag ein vorrangiges Thema werden; erste, unsichere Schritte auf einem noch schmalen Pfad sind bereits zurückgelegt. Tatsache ist, dass die Bundesregierung sich mit der Analyse der Neuen Medien befasst, um Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft prognostizierbarer zu machen. Vor allem Fragen zu Informationsfreiheit, Datenschutz, Medienkonvergenz- und kompetenz, stehen auf der Liste der zu behandelnden Themen ganz oben.
Dabei ist die Klärung solcher Fragestellungen längst überfällig. Diskussionen zum digitalen Urheberrecht, zum gesetzlich regulierten Umgang mit Personen- und Nutzerdaten schwelen in Diskussionsforen im Internet schon seit Langem. Die Liste der Fragen an die Gesetzgebung ist lang. Es wird Zeit, sie engagiert anzugehen – das Internet schläft nicht.

