„Ans Meer müsste man reisen. Nach Marseille vielleicht?“ Eines kalten Abends im Frühling wird die Sehnsucht nach Sonne und Meer in den Köpfen von Sylvana, Martin, Sascha und Jenny geweckt. „Kein Problem, dann planen wir mal den nächsten Urlaub!“ würden die meisten sagen. Bei den Marburger Studierenden ist dies allerdings nicht so einfach, denn alle haben körperliche Einschränkungen; Muskelatrophien bzw. eine Spastik. Sie sind auf elektrische Rollstühle angewiesen. Aufgrund ihrer Behinderungen benötigen sie außerdem eine 24 Stunden-Betreuung.
Lange Strecken mit dem Auto zurückzulegen ist für die vier Studierenden eine Tortur. Fliegen ist wegen der großen und 200 kg schweren Elektro-Rollstühle sehr aufwendig. Und wer schon einmal als Rollstuhlfahrer mit dem Zug reiste, der weiß wie viel Nerven das kostet. Zu verständnislos und zu unspontan reagiert die Bahn auf die Notwendigkeit einer Rampe. Spontaneität ist Rollifahrern verboten. Die Gesellschaft ist leider nicht gut genug auf Behinderte eingestellt.
In vielen Gebieten werden sie einfach vergessen. Gibt es keine Treppe ohne Rampe, können sie das Gebäude nicht betreten. Gibt es keine Absenkung des Bürgersteigs, können sie nicht die Straßenseite überqueren. Und ohne die extrem seltenen Behinderten-Toiletten sieht es erst recht düster aus, wenn man längere Zeit unterwegs sein möchte. Sie sind auf ihre Art „draußen“.
Auf ihre Art und Weise “raus”
Sylvana, Martin, Jenny und Sascha kennen es nicht anders. Seit ihrer Geburt sind sie körperlich behindert und auf Hilfe angewiesen. Ohne elektrische Rollstühle wären sie, mit Ausnahme von Sylvana, nicht einmal in der Lage, sich selbstständig fortzubewegen. Glücklicherweise sind die Rollstühle mittlerweile technisch ziemlich ausgereift und bieten viele wichtige Funktionen. Mit einer Akkuladung kann man ungefähr 20 Kilometer zurücklegen. Nach Marseille, um die Idee vom Anfang noch einmal aufzugreifen, sind es ca. 1100 Kilometer. Und da fällt den Vieren eine simple Lösung ein: „Wir machen eine Reise. Wir fahren mit den Rollstühlen nach Marseille. Zu Fuß sozusagen!“ Der März 2008 wird zum Geburtsmonat einer verrückten Idee.
Was nach einer Bierlaune klingt, ist tatsächlich auch eine. Doch in den Folgemonaten arbeiten die Marburger Studis wie wild an ihrem unglaublichen Vorhaben. 1100 Kilometer zurückzulegen stellt eine enorme Belastung da. Für die Reisenden, aber auch für das Material. Außerdem ist im Fall der vier Freunde eine aufreibende Planungsarbeit von Nöten. Betreuung brauchen sie natürlich nach wie vor. Ohne fremde Hilfe funktioniert das nicht. Aber das gesteckte Ziel ist eine Reise ohne öffentliche Verkehrsmittel. Und davon lassen sie sich nicht abbringen.
Zu Fuß sozusagen
Saschas Vater arbeitet als Orthopädietechniker bei einer der wenigen Rollstuhlwerkstätten Deutschlands. Er stellt ein Team an Technikern zusammen, die dem Projekt zur Verfügung stehen. Die vier Initiatoren fragen Familie, Freunde und Bekannte, ob sie das Projekt als Betreuer unterstützen möchten.
Die Bierlaune bekommt einen Namen, der perfekter nicht sein könnte: „Rolli Rallye Marburg-Marseille. Wir überrollen Ländergrenzen“. Ein Slogan, der das Zeug hat, die Aufmerksamkeit zu erzeugen, die das Wagnis auch verdient. Das Projekt verschreibt sich dem Fingerzeig auf Missstände bezüglich Behindertentauglichkeit in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das Projekt soll gehört und gesehen werden. Es soll Beachtung finden.
Die Planungen werden mit der Zeit immer konkreter und die Vorfreude steigt. Die Medien interessieren sich für die Idee. Das ZDF dreht einen Beitrag, Lokalsender und Zeitungen fragen an. Die eigene Internetpräsenz entsteht und startet Spendenaufrufe, denn das Projekt wird viel Geld benötigen. Mitten in der Euphorie wird fast das Studium vergessen.
Dann im November 2009 ein grauenvoller Rückschlag. Martin erliegt seiner Muskelkrankheit. Eine starke Erkältung ist zuviel für sein schwaches Herz und reißt ihn von uns. Fassungslosigkeit im Team. Nun sind sie nur noch zu dritt. Sylvana, Jenny und Sascha beschließen: Wir fahren für Martin. Die Rolli Rallye wird ihm gewidmet und die Trauer schlägt in Motivation um.
Die Probefahrt
Ein Benefizkonzert wird für Januar 2009 geplant und soll die erste Finanzspritze liefern, damit das Projekt ins „Rollen“ kommt. Es wird ein voller Erfolg. Der Marburger Club, in dem namhafte Bands aus der Region auftreten, platzt aus allen Nähten. Kurz darauf findet sich das Team erstmals annähernd komplett zusammen, um eine Probefahrt rund um Marburg zu starten. Diese soll keinen Schongang darstellen, sondern einen ernstzunehmenden Test. Auf welche Probleme könnten wir stoßen, mit denen wir noch nicht rechnen? Ist das Vorhaben tatsächlich realistisch?
Konkret sieht die Karawane folgendermaßen aus: Ein Team an Radfahrern fahren mit Funkgeräten und Landkarten bewaffnet voraus, um die Strecke auszukundschaften, die am geeignetsten für die Rollstuhlfahrer ist. Zwei Begleitfahrzeuge bilden eine Klammer um die Abenteurer und die drei weiteren Radfahrer, die vorzugsweise links neben Sylvana, Sascha und Jenny fahren. Entgegenkommende Autofahrer könnten ansonsten die kleinen Rollstuhlfahrer übersehen. Auf diese Weise wurden die 50 Kilometer entlang getuckert. Zehn Kilometer pro Stunde ist die maximale Geschwindigkeit der E-Rollis. Die Strecke dauert ungefähr sieben Stunden und ist härter als angenommen. Das Wetter an diesem Tag ist ein Glücksgriff. Sowieso spielt das Wetter eine sehr wichtige Rolle. Leichte nieselige Schauer können ausgehalten werden – starke Regenfälle nicht. Regentage bedeuten somit Totalausfälle, also verschenkte Zeit.
Kurt Beck als Schirmherr
Als Sponsor und uneingeschränkten Unterstützer des Vorhabens gewinnen wir den Verein „Philipp & Freunde, SMA Deutschland e.V.“. Dessen Vorsitz sorgt mit seinen Kontakten für viel PR und gewinnt den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck als Schirmherren für die Tour. Dieser soll während der Tour eine noch größere Rolle spielen, als erwartet.
Eine weitere gute Nachricht erreicht das Team: Dass die Übernachtungen größtenteils auf Campingplätzen stattfinden, ist bereits sicher. Dass wir zwei behindertentaugliche Wohnmobile zur Verfügung haben nicht. Diese werden angemietet und erleichtern die Aufgabe ungemein. Man ist plötzlich unabhängig und kann pausieren, wo es notwendig ist. Wenige Tage vor Tourstart erreicht uns eine weitere tolle Nachricht: Ein Dokumentarteam wird uns permanent begleiten. Die Profi-Filmer fanden starken Gefallen an der Idee und wollen diese komplett dokumentieren. Von Anfang bis Ende.
Die Fahrt und ihre Highlights
Am 15. August 2009 fällt der Startschuss in Marburg. Die Station Friedberg wird anvisiert und es wird drauflos gerollt. Die Aufgabenteilung wird immer gleich bleiben: Die Wohnmobile fahren vor und bereiten für das ca. sieben Stunden auf der Strecke befindliche Team alles vor, damit sie sich den Rest des Tages erholen können. Es geht hier in erster Linie um das Erledigen von Einkäufen und Kochen. Allerdings ist auch immer eine belastbare Stromleitung von Nöten, um die Akkus aufzuladen. Während der Tagesetappen muss der Akku jedes Rollis mindestens einmal aufgeladen werden. Wird des Nachts keine Möglichkeit gefunden, dies zu tun, muss die Etappe entsprechend verkürzt oder abgebrochen werden.
Schon am ersten Tour-Tag ist klar: Petrus ist ein Rolli-Rallye-Fan. Das Wetter ist herrlich warm und trocken. Bis auf einen einzigen Tag in Salon de Provence soll es so bleiben. Ein ungemeines Glück für die Rolli Rallye. Eine Auswahl an Highlights aus der Tour soll hier kurz Erwähnung finden: In Mainz finden wir keinen Campingplatz, woraufhin Schirmherr Kurt Beck kurzerhand verlauten lässt, dass wir auf dem Gelände der Mainzer Staatskanzlei unsere Zelte aufschlagen dürfen. Hier lässt es sich aushalten. Wir bekommen einen Schlüssel für das Gebäude, haben Duschmöglichkeiten, Toiletten und sogar eine Spülmaschine!
Eine Runde auf dem Hockenheimring
Die Nacht darauf- in Heidelberg- verbringen wir in einem Freibad, was auch eine tolle Erfahrung ist. Des Weiteren dürfen wir mit den Fahrrädern und Rollis eine Runde auf dem Hockenheimring drehen. Leider verpassen wir, den offiziellen Rollstuhl-Rundenrekord aufzustellen, da wir vergessen, es anzumelden. Das ist deshalb schade, weil die Bestzeiten sämtlicher Gefährte in dem Rennstreckenmagazin stehen. Und wir waren gar nicht mal so langsam!
Die Tour ist anstrengend aber im Großen und Ganzen stellt sie sich als hervorragend geplant heraus. In Karlsruhe und Lyon werden wir herzlich empfangen. Die Einfahrt nach Marseille war einzigartig. Ein bergiges Gelände, von dessen Spitze aus man einen herrlichen Blick auf die einstige Ganovenhochburg hat.
Das Ziel
In Marseille angekommen hilft uns die deutsche Botschaft, eine wunderschöne Geste vollziehen zu können. In einem Park direkt an der Küste dürfen wir für unseren Freund Martin ein Olivenbäumchen pflanzen. Es ist ein überwältigender Augenblick. Außerdem treffen wir auf die Association des Paralysées de France und lernen viele französische Rollstuhlfahrer kennen, deren Situation wesentlich schlimmer ist als bei uns. Wir sind wirklich schockiert, wie perspektivlos und unselbstständig ihre Leben insgesamt sind, bzw. aufgrund der Umstände sein müssen. Das liegt in erster Linie am Ansehen Behinderter in Frankreich und den daraus folgenden, nicht behindertengerecht geplanten Städten. Auch für sie ist diese Tour mit Hoffnungen verbunden, Aufmerksamkeit zu erregen und die Situation zu verbessern!
Die “Rolli Rallye Marburg Marseille” entpuppt sich insgesamt als unglaubliches Erlebnis mit mutiger und wichtiger Botschaft von überraschender Reichweite. Weitere Infos auf http://marburg-marseille.eu/.

[...] Hallo, es gibt mal wieder was neues von uns, dank unserem Tourmitglied Thomas. Er hat einen Artikel … [...]