
Sealand aus der Luft
Das Setting: ein paar rostige Quadratmeter Eisen mitten in der Nordsee. Der Hauptdarsteller: ein Ex-Soldat mit einer Vision. Die Handlung: Revolutionen, geheime Festplatten und Showdowns im Hubschrauber. Das klingt nach einem handfesten Actionfilm. Dass die verrücktesten Storys aber mal wieder das Leben schreibt, zeigt die Geschichte von Paddy Roy Bates und dem Fürstentum Sealand.
Sieben Meilen vor der britischen Küste liegt Fort Roughs, eine ehemalige Verteidigungsstation der Royal Airforce gegen deutsche Nazibomber. Nach Abzug der Truppen 1956 wurde die auf zwei Hohlsäulen ruhende Plattform nicht, wie viele andere ihrer Art, versenkt. Sie wurde einfach dem Ozean überlassen und niemand interessierte sich mehr dafür. Niemand – bis auf britische Piratensender, die dem Rundfunkgesetz durch die Stationierung in internationale Gewässer entgehen wollten.
Zu solchen Radiopiraten gehörte auch Paddy Roy Bates, ein ehemaliger Major, der die Station 1967 enterte und mit seiner Familie bezog. Die Pläne für einen Musiksender gab er bald wieder auf. Bates erklärte Fort Roughs aber trotzdem unter dem neuen Namen Sealand zu seinem Eigentum und sich und seine Frau zu den fürstlichen Regenten. Bald wurde die Mikronation Anlass politischer Ärgernisse.
Kampf um Unabhängigkeit und Herrschaft
Als Bates Warnschüsse abgab, um Militärboote zu vertreiben, wurde er vor Gericht zitiert. Dieses erklärte sich jedoch für nicht zuständig, da Sealand außerhalb des britischen Hoheitsgebiets liege. Damit hatte die Unabhängigkeit des “Fürstentums” indirekt politische Anerkennung gewonnen. Die Bewohner weigerten sich fortan, Abgaben an das Vereinigte Königreich zu zahlen. Auch wenn sich weitere solcher Unklarheiten ereigneten, hat die britische Regierung Sealand bis heute offiziell nicht anerkannt. Das hielt Paddy Roy Bates aber nicht davon ab, 1975 eine Verfassung zu proklamieren. Auch eigene Briefmarken, Pässe und die Währung “Sealand Dollars” wurden eingeführt.

Flagge Sealands
Schon zuvor hatte sich aber ein Intrigant in die Mikronation eingeschleust, der bald das Vertrauen der Bates-Familie genoss. Der Deutsche Alexander Achenbach hatte eigene Pläne für Sealand, die er mit einem Putsch durchzusetzen versuchte. Im Zuge seiner Revolte setzte er den Sohn der Bates fest, während die Eltern sich auf dem Festland aufhielten. Mithilfe eines Hubschrauberpiloten und einiger bewaffneter Männer gewann das Fürstenpaar aber die Herrschaft über ihr Reich zurück und erklärten die Aufständischen zu Kriegsgefangenen. Als sich daraufhin die deutsche Regierung zur Intervention gezwungen sah, feierte Sealand dies als erneute indirekte Anerkennung seiner staatlichen Souveränität.
Eine neue Geschäftsidee
1999 übertrug Paddy Roy Bates aus Altersgründen die offizielle Herrschaft an seinen Sohn Michael. Noch im selben Jahr gründete Michael die Firma HavenCo Ltd., gemeinsam mit dem Verschlüsselungsexperten Ryan Lackey. Ihre Vision: Aus Sealand einen Datenhafen zu machen. Wegen der Abgelegenheit und der politischen Ungebundenheit der Plattform sollte sie der ideale Ort sein, um dort Serverplatz für sensible Daten anzubieten. Bis auf Kinderpornografie und Massen-Spamming war alles erlaubt und bald kamen die ersten Kunden. Schon zu Beginn gab es aber Schwierigkeiten mit Datentransfer und Hackerangriffen. Zwei Jahre später war der Traum dann fast geplatzt. Als Michael Bates öffentlich verkündete, im politischen Ernstfall natürlich die Daten seiner Kunden herauszugeben, sprangen sowohl einige dieser Kunden als auch Mitbegründer Ryan Lackey ab. Seit 2008 scheint die Firma ihre Tätigkeit eingestellt zu haben, auch wenn es darüber keine offiziellen Auskünfte gibt.
Ungewisse Zukunft
Ebenfalls seit dieser Zeit ist es still geworden um Sealand. 2006 hatte ein Feuer wichtige Teile der Plattform zerstört, allerdings kamen keine Personen zu Schaden. Die Familie Bates hatte sich, hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen, aufs Festland zurückgezogen. Obwohl die Renovierungsarbeiten bald größtenteils abgeschlossen waren, sind weitere Pläne für Sealand nicht bekannt. Die Mikronation bleibt jedoch weiterhin eine der spannendsten Ideen von Autonomie und Gesellschaftsausstieg, wie auch die vielen Fans weltweit beweisen, die für den Wiederaufbau gespendet haben. Und was die Ähnlichkeit mit einem Actionfilm angeht, sollte es einen nicht wundern, wenn eines Tages ein Hollywoodproduzent an die Tür der Bates klopfen würde.
Weiterlesen auf der offiziellen Homepage von Sealand
Tweet