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Reportage: „Willkommen an der Ahr“

Wie kommt ein Wein überhaupt in die Flasche? Wie arbeitet ein Winzer? Nur 30 Kilometer südlich von Bonn, an der Ahr, kann man das alles – und noch viel mehr – herausfinden. Zum Beispiel bei einer wandernden Weinprobe.

von Clarissa Kurth

Es ist 11.30 Uhr an einem Freitagvormittag. Bei 3°C Außentemperatur und leichtem Regen treffen sich ungefähr 50 Teilnehmer vor einem Hotel in Rech an der Ahr. Das Vorhaben des heutigen Tages ist eine geführte Wanderung inklusive Weinprobe. Zusammen mit Andreas Weiter von der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr startet die Gruppe in das Ereignis. Ausgestattet mit Winterjacke, Mütze und Schal, festem Schuhwerk und Rucksack. Das Ziel: Der Keller der Winzergenossenschaft in Mayschoß, etwa zwei Kilometer entfernt.

Wandernde Weinprobe - Foto: Clarissa Kurth
Wandernde Weinprobe – Foto: Clarissa Kurth

Diese ist die älteste Winzergenossenschaft der Welt. Bereits vor über 150 Jahren, im Jahr 1868, wurde sie von 14 Winzern gegründet. Ihr Motto damals: Was wir allein nicht schaffen, schaffen wir zusammen. Der Grund des Zusammenschlusses war ganz einfach: Alle Winzer konnten ihre Trauben hervorragend zu Wein verarbeiten – jedoch haben sie es allein nicht geschafft, diesen Wein auch zu vermarkten oder hatten nicht die finanziellen Mittel, um ausreichend Fässer zur Lagerung finanzieren zu können. Unter diesen Voraussetzungen war ein Zusammenschluss die beste Möglichkeit. Heute zählt die Winzergenossenschaft ganze 444 Mitglieder, wovon etwa die Hälfte aktive Mitglieder sind. Das Konzept von damals scheint heute immer noch zu funktionieren.

Sport ist Mord – aber wird belohnt

Die Wanderung startet in Rech. Die erste Etappe auf dem Weg nach Mayschoß ist zwar nicht besonders lang, aber dafür umso steiler. Man hört schon die ersten Teilnehmer schnauben und schwer atmen, doch ein weiterer Mitarbeiter der Winzergenossenschaft hat schon für alle Wanderer Wein, Wasser, Traubensaft und Salzbrezeln vorbereitet. Der erste Wein, der bei der Weinprobe probiert werden darf, ist ein Riesling Spätlese in halbtrocken, welcher direkt in den Weinbergen getrunken wird.

„Ein halbtrockener Wein kann bis zu 18 Gramm Restsüße haben, ein trockener geht bis 9 Gramm und der liebliche geht dann bis 45 Gramm Restsüße. Also über die Angabe trocken, halbtrocken oder lieblich wird die Süße des Weines deklariert“, erklärt der Fachmann.

Der erste Wein - Foto: Clarissa Kurth
Der erste Wein – Foto: Clarissa Kurth

Mit einem „Willkommen an der Ahr“ wird daraufhin mit dem sehr leckeren und fruchtigen Riesling angestoßen.

Der Ausblick von ein paar höheren Höhenmetern ist schon nach zwei Minuten Fußweg beachtlich – trotz des weniger schönen Wetters. Inmitten von Weinbergen zu stehen, ist durchaus faszinierend. Daher schießen alle Teilnehmer permanent Fotos von der durchaus beeindruckenden Landschaft geschossen.

Die Ahr ist eines der kleinsten Weinanbaugebiete Deutschlands.

„Wir haben ein halbes Prozent der deutschen Weinbaufläche“, erklärt Andreas Weiter.

Dem Experten zufolge ist die Ahr besonders für Rotwein, der ungefähr 85 Prozent der Fläche ausmacht bekannt, obwohl in Deutschland der Weißwein mit 70 Prozent dominierend ist. Dennoch kommt der Weißwein auch an der Ahr nicht zu kurz. Eine bedeutende Beachtung wird hier dem Riesling, der berühmtesten deutschen Rebsorte, geschenkt. Beim Rotwein liegt der Schwerpunkt auf dem Spätburgunder.

Klasse statt Masse

Was während der Wanderung ebenfalls auffällt, ist, dass es an der Ahr wirklich sehr steil ist. Besonders in den Weinbergen an sich. Dadurch kann in diesem Weinanbaugebiet ausschließlich mit der Hand gearbeitet werden. Dementsprechend viel Arbeit sind die Winzer an der Ahr gewöhnt. Aber dadurch ist es auch zu erklären, dass die Ahrweine auch mal ein paar Euro teurer sein können als die Weine anderer Weinanbaugebiete in Deutschland. Das Motto der Ahrwinzer: Klasse statt Masse.

Andreas Weiter erklärt - Foto: Clarissa Kurth
Andreas Weiter erklärt – Foto: Clarissa Kurth

Nachdem Andreas Weiter spaßeshalber die halbe Gruppe in die falsche Richtung hat gehen lassen, sind schließlich alle auch auf dem richtigen Weg Richtung Mayschoß. Diese Etappe dauert etwas länger als die erste, welche ja relativ kurz aber dafür ziemlich steil war. Jetzt ist es zum Glück nicht so anstrengend, unter anderem weil der Marsch von einem kurzen Stopp in den Weinbergen für Fotos unterbrochen wird. Dennoch merkt man nach einiger Zeit die kalten Füße und auch ein wenig den Rücken, der keine Lust mehr hat, den Rucksack zu tragen. Um kurz nach 13.00 Uhr kommt nun endlich die nächste Zwischenstation, an der Wein Nummer zwei und drei der Weinprobe verköstigt werden können. Dazu gibt es eine kleine Stärkung in Form von frisch belegten Brötchen, was dem kleinen Hunger wirklich sehr gelegen kommt. Auf zwei kleinen Holzbänken kann man dann auch kurz den Rucksack abstellen und die Füße entspannen. Der erste Wein, den man hier probieren kann, ist ein trockener Spätburgunder Rosé. „An diesem Wein ist besonders, dass die Schalen der Traube wenige Stunden mit der Frucht vergoren und danach direkt abgepresst werden. Dadurch bekommt der Rosé dann seine besondere, hellrote Farbe, da sich die Farbstoffe der blauen Traube in der Schale und nicht in der Frucht befinden.“ Nach dem Rosé folgt dann ein Glas eines klassischen Spätburgunders von der Ahr, welcher auch trocken ausgebaut wurde und von der Winzergenossenschaft auf den Namen „Gründerwein“ getauft wurde. Auf dem Etikett der Flasche ist ein Foto der Gründer aus dem Jahre 1868 zu sehen.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde wird es langsam sehr kalt und windig und die Gruppe verspürt den allgemeinen Drang, sich wieder etwas mehr zu bewegen und nun die letzte Etappe zur Winzergenossenschaft anzutreten. Es sind zwar ungefähr 10°C, es fühlt sich jedoch höchstens wie 3 Grad an. Außerdem ziehen erste dunkle Regenwolken auf, die ebenfalls dazu beitragen, mal wieder einen Zahn zuzulegen. Unterwegs werden wieder viele Gespräche geführt, wodurch sich die Strecke von etwa einem bis zwei Kilometern überhaupt nicht zieht, sondern es plötzlich ganz schnell geht.

Eine Schatzkammer im Weinkeller

Um 14.30 Uhr schließlich ist das Ziel erreicht und es besteht glücklicherweise direkt die Möglichkeit, sich aufzuwärmen oder auch mal eine Toilette aufzusuchen, was unterwegs, besonders für die weibliche Fraktion, nicht ganz so einfach war. In der Winzergenossenschaft geht es dann weiter mit einem Sektempfang, bei dem ein Rosé-Sekt probiert wird. Es folgt eine Kellerführung, bei dem zusätzlich kleine Filme abgespielt werden, die das Jahr des Winzers von der Arbeit im Weinberg über die Traubenlese bis hin zur Arbeit im Keller und bei der Abfüllung, über das gesamte Jahr hinweg, erklären. Durch anschauliche Grafiken und Filmmaterial bekommt man sogar als absoluter Wein-Nichtkenner einen durchaus interessanten Überblick über die gesamte Arbeit in der Genossenschaft und kann sich in etwa vorstellen, welche Reise eine Traube vom Rebstock bis in die Flasche zurückgelegt hat.

Besonders sehenswert im Weinkeller der Winzergenossenschaft ist die Schatzkammer, weil dort alte und sehr hochwertige Weine gelagert werden.

Schatzkammer - Foto: Clarissa Kurth
Schatzkammer – Foto: Clarissa Kurth

Außerdem wird der Wein in Mayschoß nicht nur in den klassischen Holzfässern gelagert, wie man vielleicht vermuten würde. Zusätzlich gibt es ein ganzes Tanklager, in dem vor allem die Weißweine in großen Edelstahltanks gelagert wird. Die Holzfässer gibt es in verschiedenen Größen –

Weinkeller der Winzergenossenschaft Mayschoß - Foto: Clarissa Kurth
Weinkeller der Winzergenossenschaft Mayschoß – Foto: Clarissa Kurth

„Die kleinen können 225 Liter fassen und die großen Fässer haben ein Fassungsvolumen von 1.700 oder 2.600 Litern“, erklärt Andreas Weiter.

Abschließend geht es nach der Kellerführung in einen Kellersaal, der sich „Römergewölbe“ nennt. Hier gibt es nun noch die letzten beiden Weine zum Probieren. Zunächst einen trockenen Frühburgunder. Diese Rebsorte ist, wie der Name schon vermuten lässt, früher reif als ein Spätburgunder. Zum Schluss kann sich jeder noch aussuchen, ob er lieber einen trockenen oder einen lieblichen Spätburgunder testen möchte. Passend dazu gibt es abschließend noch ein Buffet, bei dem noch einmal kräftig zugelangt werden kann. Nach der langen Wanderung und der Kälte für alle eine wahre Wohltat. Der perfekte Abschluss, um den Tag gemütlich ausklingen zu lassen und sich angeregt über das Erlebte auszutauschen.

Wer ebenfalls eine wandernde Weinprobe oder eine ähnliche Veranstaltung in der Winzergenossenschaft Mayschoß besuchen möchte, kann sich als Gruppe dafür anmelden oder bei einer der vielen Veranstaltungen, die über das ganze Jahr verteilt angeboten werden, teilnehmen. Alle Infos gibt es auf der Homepage der Winzergenossenschaft.

Beitragsfoto: Clarissa Kurth

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