Projektteam der Kulturhauptstadt Europas 2024 © Anette Friedel
Aktuelles Kultur

Reportage: Salzkammergut – Kulturhauptstadt Europas 2024

„Der Kaiser ist noch immer tot“, mit diesem Satz beginnt das finale Bewerbungsdokument der Kulturhauptstadt Europas 2024. Doch was genau steckt hinter dieser Phrase und was bedeutet der Titel für das Salzkammergut? Eva Mair, Mitarbeiterin des Projektteams, gibt Auskunft darüber, warum man sich mit dem ausgearbeiteten Konzept abseits historischer Klischees positioniert und wie nachhaltige und langfristige Projektstrukturen geschaffen werden können.

von Alexandra Sophie Schmalnauer 

Ich treffe Eva Mair an einem regnerischen Samstagvormittag, kurz vor Weihnachten im Café Ramsauer. Dieses befindet sich in der Kaiser-Franz-Joseph Straße in Bad Ischl (Oberösterreich). Der Bezug zum Kaiser ist wohl tatsächlich Programm, aber dazu später. Zu Beginn erzählt Eva Mair über die Entscheidung der Titelvergabe zur Kulturhauptstadt 2024. Mit strahlenden Augen berichtet sie von der Verkündung, der Juryentscheidung am 12. November 2019 im Bundeskanzleramt in Wien: „Das war ziemlich surreal“. Ihre Motivation für das Projekt, sowie die Euphorie und Freude darüber, dass das Salzkammergut, hingegen aller Erwartungen, den Zugschlag bekommen hat, sind während des gesamten Gesprächs offensichtlich. Das Konzept zur Kulturhauptstadt 2024 umfasst insgesamt 20 Gemeinden innerhalb der Salzkammergut-Region, wobei Bad Ischl die sogenannte „Bannerstadt“ ist.

Bad Ischl - Bannerstadt der Kulturhauptstadt Europas 2024 © Gerhard Mair
Bannerstadt der Kulturhauptstadt Europas 2024 © Gerhard Mair

Plattform Kulturhauptstadt 2024 

Der Titel Kulturhauptstadt wird seit 1985 von der Europäischen Union verliehen. Ziel ist es, die kulturelle Vielfalt in Europa hervorzuheben, neue Kulturinitiativen zu schaffen und Projekte der Stadterneuerung zu etablieren. Bislang trugen rund 60 europäische Städte den Titel „Kulturhauptstadt“, weil seit 2004 jedes Jahr zwei EU-Länder den Kulturhauptstadt-Titel erhalten und jedes dritte Jahr zusätzlich noch europäische Nicht-EU-Länder an die Reihe kommen.

Im Jahr 2024 wird sich nun das Salzkammergut den Titel mit der zweitgrößten estnischen Stadt Tartu und Bodø in Norwegen teilen. Die Bannerstadt Bad Ischl liegt im Herzen der Salzkammergut-Region und ist von zahlreichen Seen und Bergen umgeben. Das Salzkammergut ist aber nicht nur für seine landschaftliche Schönheit bekannt. Für touristische Zwecke wird Bad Ischl auch gerne mit der Kaiserzeit in Verbindung gebracht. Da nämlich die Kaiservilla in Bad Ischl die Sommerresidenz von Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Elisabeth („Sisi“) war. Rund um den Geburtstag von Kaiser Franz Joseph I. wird jährlich eine Kaiserwoche veranstaltet. Dann kann man beim „Kaiserbummel“ shoppen, die Kaisermesse besuchen oder bei Livemusik im Kurpark Bier trinken.

Kultur ist unser Neues Salz

Im medialen Diskurs sind genau diese wiederkehrenden und klischeehaften Bilder von Kaiservilla und Pferdekutschen prominent. Nun soll im Rahmen des Programmes zur Kulturhauptstadt 2024 ein anderer Ansatz verfolgt werden. Im Bewerbungskonzept wurden dafür vier Programmsäulen definiert: Auswirkungen des (Hyper-)Tourismus, Durst auf Rückzug, Macht der Tradition und Kraft der Gegenkultur. Als diese vier Säulen verbindendes Element wurde das Salz definiert, welches seit Jahrhunderten ökonomische, soziale und kulturelle Implikationen für die Region und die EinwohnerInnen mit sich brachte. Mit dem Arbeitstitel „Salt.Walter“, will man die vielfältigen Chancen, die sich für die Region durch die Titelvergabe ergeben, aufzeigen.

Eva Mair spricht dabei davon, dass der Titel als „Motor für Herausforderungen, die man sonst schwer in Angriff nehmen kann“ gesehen wird.

Esplanade entlang der Traun in Bad Ischl © Gerhard Mair
Esplanade entlang der Traun in Bad Ischl © Gerhard Mair

Kulturpolitik ist Regionalpolitik 

Im Mittelpunkt steht ein ganzheitlicher Ansatz, um Akteure aus unterschiedlichen Bereichen miteinander zu vernetzen und Kooperationen zu ermöglichen. Eva Mair erklärt, dass es dabei „die Herausforderung ist, auf Themen zu setzen, die für die Region, gleichzeitig aber auch für Europa relevant sind“. Um dies zu gewährleisten, wird etwa auf Umwelt- und Klimathemen eingegangen, ebenso spielen Migrationsfragen eine Rolle. Denn bereits im Bewerbungsprozess wurde auf die Problematik der Abwanderung jüngerer Menschen aus den ländlicheren Gebieten thematisiert. Dieser strukturelle Wandel kann nicht nur im Salzkammergut, sondern auch in vielen anderen europäischen Gebieten beobachtet werden. Abwanderung ist dabei nur ein Aspekt der Migrationsfragen, denn hier geht es primär auch um Migration im großen Maßstab (z. B. Flucht, Arbeitsmigration, etc.). Von dem bereits erwähnten Strukturwandel sind im Salzkammergut auch viele Gastronomiebetriebe betroffen, weshalb das Projekt „Wirtshauslabor“ ausgearbeitet wurde. Bei diesem Projekt ist die zentrale Frage, wie diese Gaststätten gestaltet werden müssen, um ihre soziale Funktion beizubehalten und wie Herausforderungen (z.B. Personalmangel) bewältigt werden können. In einem ersten Schritt geht es darum, dass sich unterschiedliche Akteure zusammenfinden und deren vielfältigen Perspektiven, beispielsweise in Bezug auf räumliche Nutzungsweisen, aufgezeigt werden. Im Rahmen dieses Dialog- und Vermittlungsprozesses sollen neue Konzepte gewissermaßen „getestet“ werden, um danach zu gewährleisten, dass Menschen aus der Region und von außerhalb, diese Gastronomiebetriebe wieder besuchen und als sozialen Treffpunkt nutzen können. Eva Mair verweist dabei auf erste Ideen, dass Gasthäuser zwar nicht mehr jeden Tag geöffnet haben, sie dadurch aber ihr Dasein und ihre soziale Funktion in der Region dennoch beibehalten können.

„Kulturhauptstadt ist kein Schlauchboot, bei dem dann im Dezember 2024 einfach die ganze Luft rausgelassen wird. Es ist vielmehr ein Prozess, der bereits früher startet und der Strukturen schafft, die über das Jahr 2024 hinausgehen“, berichtet Eva Mair.

Dies meint etwa die Etablierung einer Arbeitsgruppe zum Thema „Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs“. Es soll ein Anstoß gegeben werden, dass Arbeitsplätze oder Erholungsgebiete zukünftig besser öffentlich erreichbar werden. Auch hier wird wieder der Anspruch vertreten, dass unterschiedliche Stakeholder zusammenkommen und auf Basis dieses Aushandlungsprozesses neue Ansätze und Lösungen gefunden werden sollen.

Tourismus, Kultur und Nachhaltigkeit 

Der Tourismus spielt im Salzkammergut eine wichtige Rolle. Der Anteil der Touristen in dieser Region ist bereits jetzt sehr hoch. Deshalb gab es auch Stimmen, die bedingt durch den Kulturhauptstadttitel, einen weiteren Touristenanstieg fürchten. In diesem Kontext spricht Eva Mair davon, dass man anhand vergangener Kulturhauptstädte sieht, dass „im Durchschnitt 80% der BesucherInnen von Kulturhauptstädten aus der jeweiligen Region bzw. dem Bundesland kommen, 15% bundesweite BesucherInnen sind und 5% internationale BesucherInnen ausmachen“.

Projektteam der Kulturhauptstadt Europas 2024 © Anette Friedel
Projektteam der Kulturhauptstadt Europas 2024 © Anette Friedel

Das Bewerbungsteam fokussiert sich in seiner Tourismusstrategie sehr stark auf die Auseinandersetzung mit den Problemen des Übertourismus und der Entwicklung diesbezüglicher Gegenstrategien. Eva Mair erwähnt dabei „zwei Formen der Entzerrung: eine zeitliche Entzerrung und eine räumliche Entzerrung“. Damit ist gemeint, dass die größeren Kulturhauptstadt-Veranstaltungen nicht von Juni bis September stattfinden. Denn in diesen Sommermonaten halten sich ohnedies immer sehr viele Touristen im Salzkammergut auf. Vielmehr sollen für die groß angelegten Projekte Termine in der Nebensaison gefunden werden. Die räumliche Entzerrung bezieht sich darauf, dass bereits stark touristisch geprägte Orte, wie beispielsweise Hallstatt, entlastet werden sollen. Für größere Veranstaltungen kommen Orte in Frage, in denen Tourismus wenig präsent ist.

„Kulturhauptstadt ist immer das, was man daraus macht“, meint Eva Mair.

Damit hebt sie hervor, dass der Titel ein vielversprechender Ausgangspunkt für die regionale Zusammenarbeit, die Schaffung neuer Kultureinrichtungen, die Stärkung von Initiativen in Vereinen und die Ausarbeitung neuer Nutzungskonzepte von leer stehenden Gebäuden und Geschäftslokalen sein kann. Dank des Bewerbungskonzeptes wird es gelingen, den Titel als einen Anstoß zu nutzen, damit sich unterschiedliche Akteure aktiv mit der Zukunft des Salzkammerguts auseinanderzusetzen.

Beitragsbild: Anette Friedel

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