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Reportage: Netflix für das Radio

Comedy, Liebe, Wissen oder (wahre) Verbrechen: Podcasts decken so gut wie jedes Thema ab und sind Tag und Nacht abrufbar. Tarkan Bagci aus Köln ist Comedy-Autor – und seit gut einem halben Jahr nun auch Podcaster. Doch was macht die Audio-Dateien eigentlich so erfolgreich?  

Von Sabrina Szameitat

Die Karten für die Live-Show waren nach 90 Minuten restlos ausverkauft. „Das war wirklich absurd, ein bisschen beängstigend, aber auch sehr, sehr schön“, sagt Tarkan Bagci kurz vor dem Auftritt im Artheater in Köln-Ehrenfeld und greift zu seiner Tasse Tee: Es ist das erste Mal, dass der TV-Autor mit seinem Arbeitskollegen Christian Huber den gemeinsamen Podcast „Gefühlte Fakten“ beim „1Live-Podcastfestival“ live auf die Bühne bringt. „Wir haben uns wirklich fast in die Hosen gemacht, dass wir auf den Karten sitzen bleiben und am Ende nur vor Christians und meiner Mutter spielen“.

Vor gut einem halben Jahr hätten die zwei Autoren, die unter anderem für die Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann schreiben, niemals mit diesem Erfolg gerechnet. Am 6. Juni 2019 veröffentlichten sie Folge Nummer Eins mit dem Titel „Whatsapp-Gruppe mit Putin“ auf allen möglichen Musik-Streaming-Plattformen – aufgenommen von zwei Männern in einer Wohnung in Köln und zwei Mikrophonen. Worum es inhaltlich geht?: „Sehr, sehr seichte Unterhaltung. Der gesamte Anspruch ist es einfach, den Alltag ein bisschen unterhaltsamer zu machen“, erklärt Tarkan. Denn ähnlich wie das Radio sei ein Podcast ein Medium für nebenbei. Zum Beispiel, wenn man gerade die Wohnung putzt. „Es ist in allen Funktionen dasselbe wie Radio. Es ist für Radio das, was für Serien Netflix ist“, meint er.

Foto: Tommy Lopez/ Pexels
Foto: Tommy Lopez/ Pexels

Abrufbarkeit ist leichter geworden

Über 19.000 deutschsprachige Podcasts können mittlerweile auf der Streaming-Plattform Spotify abgerufen werden, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte. Weltweit seien es sogar über eine halbe Million. Doch ein neues Phänomen ist das „Radio on Demand“ bei weitem nicht: Die Audio-Dateien gibt es schon seit den 1990er-Jahren. Nun sei die Abrufbarkeit leichter geworden, erklärt Oliver Zöllner, Professor für Medienforschung an der Hochschule der Medien in Stuttgart: „Digitalisierung bedeutet auch immer Bequemlichkeit.“ Die wenigsten Studierenden setzten sich noch vor das Antennenradio, um auf eine bestimmte Sendung zu warten.

Nach Lust und Laune können sich Streaming-Nutzer ihre Lieblingssendung auf den verschiedenen Musikplattformen aussuchen – egal, ob es sich um nüchterne Nachrichten, Beziehungsprobleme, Liebe, Sex oder einfach Comedy handelt.  „Es ist wie ein Buffet, von dem man sich bedienen kann. Die Einfachheit erklärt den Erfolg“, sagt Zöllner dazu, der in Stuttgart auch das Hochschulradio „Horads 88,6“ leitet. Zudem werde durch Podcasts eine menschliche Grundkonstante angesprochen: das Zuhören. „Vielleicht steckt in Podcasts wieder die Rückbesinnung aufs Wort“, überlegt der Medienwissenschaftler. Den Angaben von Spotify zufolge sehnen sich viele Menschen auch nach mehr bildschirmfreier Zeit: „Durch Podcasts können sich Hörer*innen unterhalten lassen und gezielt über bestimmte Themen informieren, ohne dabei ständig auf einen Bildschirm zu schauen“, so das Unternehmen. Zu den beliebtesten Sendungen zählen Comedyformate wie „Fest & Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz und „Gemischtes Hack“ mit Felix Lobrecht und Tommi Schmitt, das Gesprächs- und Beziehungsformat „Paardiologie“ mit Charlotte Roche und Ehemann, aber auch (True) Crime Podcasts wie „Verbrechen“ von Zeit Online.

„Es ist wie ein Buffet, von dem man sich bedienen kann. Die Einfachheit erklärt den Erfolg.“ – Prof. Dr. Oliver Zöllner, Professor für Medienforschung an der Hochschule der Medien in Stuttgart

Was dieser kurze Ausschnitt der Charts zeigt: Die verschiedenen Podcasts-Genres sind im Ranking bunt durchmischt. Das geht auch mit einer neuen Machtdynamik einher: „Früher konnte RTL oder wer auch immer diktieren, was man sieht, weil es keine Auswahl gab, es gab nur die sechs Sender. Heutzutage kann das Publikum diktieren, was es sehen will“, vermutet Tarkan, der auch in Münster Kommunikationswissenschaften studiert hat.  Sowas wie eine Nische gibt es demnach kaum noch mehr, denn „jedes Produkt findet irgendwie sein Publikum.“

Podcast als Ventil und Ausgleich 

Und auch auf der Produktionsseite hat sich laut Oliver Zöllner das Erfolgsrezept der Einfachheit bewährt: Man müsse nicht live aufzeichnen und brauche dazu nur wenig Ausstattung. „Es hat die Hürden etwas hinuntergesetzt.“ Tarkan war vor der ersten Aufzeichnung von „Gefühlte Fakten“ dennoch nervös, sagt er rückblickend: „Allein die Gewissheit, da ist jetzt ein Mikrophon vor mir, lässt den Puls schon höherschlagen.“ Einmal pro Woche erscheint eine neue Folge des Duos, das sich beim Neo Magazin Royale kennengelernt hat. Die Idee, gemeinsam einen Podcast aufzunehmen, sei unter anderem bei dem Format „Young Böhmermann“ für die bis Ende 2019, im ZDFneo laufende Satire-Sendung gekommen, an dem die beiden zu zweit gearbeitet hatten. Der Podcast mache nicht nur Spaß, sondern sei gleichzeitig auch ein Ausgleich zur Arbeit: „Einfach als Ventil. Wenn man als Autor für jemand anderen schreibt, hat man häufig auch halbfertige Ideen im Kopf, die man nicht verwerten kann und man dann oft zurückstecken muss.“  Und so sprechen die beiden Arbeitskollegen mal über die perfekte Jogginghose, Menschen mit viel zu langen Armen, absurden Alltagssituationen oder was sie im Laufe der Woche erlebt haben. Daneben gibt es zwei bis drei wiederkehrende Rubriken, wie zum Beispiel „Sätze, die noch nie jemand gesagt hat.“ Der größte Teil in den Folgen sei aber improvisiert. Das mache den Podcast aus, erzählt Tarkan: „Ich glaube, ein mittelmäßiger Gag, der spontan kommt, ist tausendmal lustiger als ein guter Gag, der sehr unspontan kommt.“

Einmal in der Woche erscheint eine neue Folge des Comedy-Podcasts "Gefühlte Fakten" von Christian Huber (links) und Tarkan Bagci rechts) Foto: Gefühlte Fakten
Einmal in der Woche erscheint eine neue Folge des Comedy-Podcasts „Gefühlte Fakten“ von Christian Huber (links) und Tarkan Bagci rechts)
Foto: Gefühlte Fakten

Rückmeldungen gebe es viele – vor allem, wenn etwas mal nicht stimmt. Wie der Titel des Podcasts schon verrät, sei das aber auch nicht die Idee dahinter: „Wir wollten einfach was Kurzes, Griffiges. Und wo im Titel schon klar wird: Es ist nicht alles so fundiert“. Geklappt hat das nicht so ganz. Nach der ersten Folge hätten sich viele Hörer – die offensichtlich nur den Part „Fakten“ im Titel gelesen hatten – beschwert, dass die Inhalte nicht richtig recherchiert seien. „Das fand‘ ich so lustig. Niemand schreibt ja auch den Teletubbies, dass sie nicht fundiert über den Nah-Ost-Konflikt berichten. Das ist einfach nicht deren Aufgabe“, sagt Tarkan.

Aber es gibt auch Feedback anderer Art: Zum Beispiel Reaktionen auf private Infos, die im Podcast erwähnt werden. Als Tarkan einmal beim Wechseln einer Glühbirne einen Stromschlag bekam, hätten sich viele Hörer besorgt gemeldet und ihm geschrieben, dass er unbedingt zum Arzt muss. „Eigenartigerweise melden sich häufig Ärzte bei mir oder Medizinstudenten, wenn ich irgendwas erzähle und die dann Rückschlüsse ziehen, dass ich sehr ungesund bin.“ Er lacht. „Als leichter Hypochonder tut das echt nicht gut, aber es ist auch ganz lustig und schön, weil die sich halt ehrlich um einen sorgen.“

Und auch wenn er mal selbst nicht vor dem Mikro sitzt, ist der 24-Jährige privat ein Podcast-Fan. Allerdings: „Ich habe jetzt vor allem Angst, die Kollegen zu hören, weil ich denke: Oh scheiße, die sind viel besser.“ Dazu komme noch, dass man als Comedy-Mensch aufpassen sollte, wo man seine Geschichten aufgabelt: „Wenn man was hört und verinnerlicht und dann ausversehen selber wiedergibt, dann muss man immer drauf achten: Moment, ist das jetzt mein Gedanke oder hab‘ ich den irgendwo aufgeschnappt?“

Der Podcast „Gefühlte Fakten“ erscheint immer donnerstags auf allen möglichen Musikstreaming-Plattformen, darunter Spotify, Apple-Music und SoundCloud.

Tarkan Bagci ist Comedy-Autor für TV-Formate wie das „Neo Magazin Royale“. In Köln ist er beim Fernsehproduktionsunternehmen „bildundtonfabrik“ tätig und arbeitete für das funk-Format „Gute Arbeit Originals“.

Christian „Pokerbeats“ Huber ist Autor für TV, Online, Print, Bühne und Literatur. Zwei seiner bisher drei erschienenen Bücher landeten in der Spiegel-Bestseller-Liste. Vor seiner Tätigkeit als Autor war er als Musikproduzent aktiv, etwa für Rapper Casper.

Foto: Gefühlte Fakten

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