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Reportage: Die Zukunft des Fernsehens

Hat die Übermacht von Streaming-Anbietern das klassische Fernsehen vollends verdrängt? Gibt es noch Hoffnung für lineares TV im Meer der Serien? Katja Rieger, Executive Producer des Fernsehsenders VOX, gibt Auskunft darüber, welche Chancen das Fernsehen hat, mit welchen Vorteilen es gegenüber Streaming-Diensten punktet und wie die Zukunft des Fernsehens aussehen könnte.

von Elena Stickelmann

Jedem, der schon einmal eine beliebige Streaming-Platform abonniert hat, sollte folgende Situation bekannt sein: man kommt müde und fertig von der Arbeit nach Hause und weiß, man sollte jetzt eigentlich besser schlafen gehen. Doch man möchte noch eben die neueste Folge der aktuell angesagten Serie bei Netflix anschauen, dabei kann man ja schließlich auch „abschalten“. Aber schalten wir dabei wirklich ab? Entspannen wir nach einem langen Tag, während wir uns Serien ansehen? Wenn es bei der einen Folge bleiben würde, wäre das vermutlich noch der Fall. Studien zeigen jedoch, dass es meistens zum sogenannten „Binge-Watching“ (engl. Binge = Gelage) oder auch „Komaglotzen“ oder netter: „Serienmarathon“ kommt. Es entsteht dadurch, dass Video-on-Demand-Anbieter wie Netflix oder Amazon Prime alle Folgen einer Staffel gleichzeitig veröffentlichen und verfügbar machen. Cliffhanger werden dabei größtenteils umgangen, sodass der Zuschauer gar nicht richtig bemerkt, wie eine Episode nach der anderen abgespielt wird. Vielleicht bemerkt man die Manipulation auch, ist aber schon so im Seriensog gefangen, dass es einen nicht mehr interessiert, wenn der Wecker um 6 Uhr klingelt.

Gruppenzwang befeuert Streaming-Dienste

„Binge-Watching“ hat zum großen Teil etwas mit Gruppenzwang zu tun. Man möchte mitreden, wenn die neueste Folge einer Serie am nächsten Tag in der Mittagspause im Büro oder bei der Verabredung mit Freunden diskutiert wird. Hat man die Episode jüngst nicht geschaut, kann man sich an hitzigen Diskussionen nicht oder nur schwer beteiligen und wird schlimmstenfalls noch gespoilert; dann macht auch das Nachschauen keinen Sinn mehr. Unsere Unterhaltungen handeln also davon, wer welche Serie wann bereits gesehen hat: „Schaust du auch `Game of Thrones´?“ „Das ist mit Abstand die beste Serie, die es je gab.“ „Wie du hast `Haus des Geldes´ nicht gesehen? Da verpasst du aber was.“ „Die neue Staffel von „The Big Bang Theory“ ist super, die habe ich total schnell durchgehabt, sind ja nur 20 Minuten pro Folge.“

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Mal abgesehen von Horrorserien, die an sich schon einen erhöhten Puls aufgrund ihrer Aufmachung verursachen, bereitet doch die Fülle an Serien, die man unbedingt gesehen haben muss, nur eines: Stress. Man versucht krampfhaft alle Episoden zu schauen, versucht hartnäckig alle Handlungsstränge bis zum Ende der Staffel zu verstehen und hofft, dass man sich alle Charaktere merken konnte, nur um festzustellen, das eigentlich seit gestern schon eine andere Serie die Spitze der Beliebtheit erklommen hat und der ganze Aufwand umsonst war. Auch wenn beispielsweise Netflix zu Beginn aufgrund seiner exklusiven und nischenhaften Serien als die ultimative Platform zum individuellen Ausgleich vom Alltag galt, verursacht die schiere Menge an Filmen, Serien und Dokumentationen heute genau das Gegenteil. Abschalten oder Entspannung kann man das nicht nennen.

Totgesagtes TV darf weiterleben

Hier kommt nun das lineare Fernsehen ins Spiel. Besagtes wird von vielen Menschen nach wie vor noch zur Entspannung genutzt und um vom hektischen Alltag abzuschalten. Zwar werden immer wieder Versuche unternommen, das Fernsehen interaktiver zu gestalten, doch der Großteil der Zuschauer greift auf diese Funktionen nur selten zurück. Gerne wird der Mediengattung TV der schleichende Tod prophezeit. Es gibt aber auch Stimmen, die den Tod des klassischen Fernsehens nicht in der näheren Zukunft sehen.

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Katja Rieger, Leiterin der Programmentwicklung des Fernsehsenders VOX, meint, dass der Verdrängungsprozess des klassischen Fernsehens durch Streaming-Dienste bestimmt noch einige Jahre andauern wird: „Die Zuschauer werden sich immer für interessante, attraktive Inhalte entscheiden und dafür, wann sie diese wie nutzen wollen. Mit dem linearen Fernsehen erreichen wir immer noch die meisten Zuschauer, auch wenn die Anzahl in den letzten Jahren sicherlich abgenommen hat. Das klassisches TV befindet sich in Wandel, dennoch profitiert es weiterhin von starken Marken und einer großen Reichweite. Insofern wird der Verdrängungsprozess bestimmt noch einige Jahre andauern.

Exklusivität für TV immer wichtiger – Live- und spektakuläre Events als Quotenbringer

Zudem gäbe es auch starke Argumente die für eine Nutzung des Fernsehens und gegen Netflix und Co. sprechen würden, berichtet Rieger: „Klassisches Fernsehen liefert bekannte, verlässliche, altbewährte Programme, die dem Zuschauer oft ein Zuhause beziehungsweise etwas Vertrautes bieten. Klassisches Fernsehen bietet viel öfter Inhalte mit lokalem Bezug im Gegensatz zu den internationalen Streaming-Diensten, die global unterwegs sind. Klassisches Fernsehen hat exklusive Inhalte, die es sonst nirgendwo zu sehen gibt. Exklusivität wird im TV immer wichtiger. Fernsehen kann mit Live-Events und spektakulären, überraschenden Einzelevents punkten. Streaming könnte man als extrem individualisierte Alltagsstilllegung bezeichnen – selbst gewählter Eskapismus. Lineares TV ist eher Alltagsvergewisserung und das Fenster zur Welt.“

Welche Zuschauergruppe schaut noch lineares TV?

Verständlicherweise sind es eher die älteren Zuschauer, die auf lineares TV zurückgreifen. Sie sind es einfach gewohnt und müssen erst lernen, ihr eigener Programmdirektor zu werden. Sicherlich ist es für ältere Menschen eine Anstrengung, alles selber heraussuchen zu müssen in der Flut and Serien und Filmen. Junge Menschen haben hingegen andere Wünsche: „Die jungen Viewer wollen ihr „Bewegtbildmaterial“ sehen, wo, wann und auf welchen mobilen Devices auch immer. Die Technik hat diese freie Wahl erst in den letzten Jahren ermöglicht, und die jungen Zuschauer kennen es gar nicht anders.

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Zudem sind junge Zuschauer mehr themenfokussiert und nicht sendertreu. Je jünger die Zielgruppe, desto selektiver ihr Sehverhalten und desto höher ihre Digitalnutzung. Aber auch ältere Zuschauer nutzen zunehmend das nonlineare TV“, so Rieger. Gleichwohl darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es sich bei dieser Gruppe um eine Minderheit handelt. Eine Studie der Hochschule Fresenius bestätigt ebenfalls worauf Rieger hinweist: mehr als zwei Drittel der 18- bis 24-Jährigen schauen grundsätzlich nur noch selten lineares Fernsehen. Stattdessen besitzt fast jeder junger Erwachsener mindestens einen Streaming-Anbieter auf mobilen Endgeräten. Aber: Streaming ist ein Trend – und jeder Trend hat den Gegentrend bereits in der Tasche.

Katja Rieger gibt zum Schluss noch einen Ausblick, wie das klassische Fernsehen und die Streaming-Dienst in Zukunft agieren könnten: „Jetzt und in Zukunft muss man lineares TV und Streaming-Dienste miteinander verzahnen, sprich: die Inhalte und Programme miteinander verbinden. Nur wer den Nerv seines Publikums trifft, kann überleben. Zudem man muss die Zuschauer dort abholen, wo sie sich aufhalten.“
Die Zukunft des Fernsehens liegt also in den Händen der Medienmacher – und darin, ob diese die Wünsche der Zuschauer erkennen und befriedigen können: getreu dem Motto „Survival of the Fittest“.

Quelle Beitragsbilder: unsplash.com

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