Produzent Martin Heisler (l.) mit Produktionsbeteiligten seiner ARD-Komödie “Leichtmatrosen“ ©Flare Film
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„Produzent zu sein, ist ein Marathonlauf und kein Sprint“

Produzent Martin Heisler (l.) mit Produktionsbeteiligten seiner ARD-Komödie “Leichtmatrosen“ ©Flare Film
Produzent Martin Heisler (l.) mit Produktionsbeteiligten seiner ARD-Komödie “Leichtmatrosen“ ©Flare Film

Deutsche Produktionsfirmen gibt es viele – vielleicht sogar wie Sand am Meer. Manche machen Serien, andere TV-Produktionen, andere konzentrieren sich auf Kino- oder Dokumentarfilme, agieren national, international oder versuchen alles gleichzeitig in ihrem Portfolio zu bedienen. Doch was macht eine gute Produktionsfirma aus? Martin Heisler ist Produzent und Geschäftsführer der Berliner Produktionsfirma Flare Film. Im Interview sprach der 40-Jährige über Selbstständigkeit, Standortvorteile, Konkurrenzkämpfe und warum er seinen Beruf eher mit einer Langstrecke als mit einer Kurzstrecke vergleicht.

Von Alica Pfeiffer

Martin, seit mittlerweile neun Jahren gibt es Deine Firma. Wann war Dir klar, dass Du Dich selbstständig machen möchtest?

Wie so oft im Leben: Es kam anders als geplant! Während meines Studiums auf der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin war mir eigentlich klar, mich nicht sofort selbstständig zu machen. Ich hielt es für klüger, erst einmal Erfahrungen zu sammeln. Gerade in punkto Netzwerk, was in diesem Beruf entscheidend ist. Es hat sich jedoch so ergeben, dass ich für meinen Abschlussfilm eine Produktionsfirma gesucht habe. Das war die Firma Lichtblick Film GmbH in Köln. Aus diesem Projekt ist dann der Gedanke entstanden, dass ich eine Schwesterfirma in Berlin gründe. Zwei Standorte machten für die Finanzierung von Projekten absolut Sinn – die Filmförderung in Deutschland ist dezentral organisiert – und in Berlin sitzt generell viel Talent. Die Stadt hat für viele junge und spannende Autoren und Regisseure eine unfassbar hohe Anziehungskraft, vielleicht mehr als Köln oder München.

Mit der Selbstständigkeit gehen viele Herausforderungen und Verantwortung einher, die ein Angestellter vermutlich nicht hat. Welche Bedeutung hat sie für Dich?

Das ist wechselweise und tagesformabhängig. Grundsätzlich sehe ich das hohe Maß an Selbstbestimmung spannend und positiv. Im Prinzip kann ich mir überlegen, wie mein Arbeitstag aussieht und aussuchen, mit wem ich woran arbeite. Aber diese Freiheit ist endlich: Für Projekte brauche ich Financiers und Partner, wodurch wiederum ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht. Und hinzukommt, dass ich nicht alleine abhängig bin: Ich habe Verantwortung für meine Angestellten und denke immer für sechs Leute.

Im Mai waren die Internationalen Filmfestspiele von Cannes, eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt. Wie kann man sich das Treiben dort vorstellen und mit welcher Erwartungshaltung bist Du hingefahren?

Die Filmfestspiele von Cannes sind immer aufregend, aber auch anstrengend. Ich wollte einige Projekte vorantreiben. Da empfinde ich natürlich Druck. Es ist wichtig, die richtigen Leute zu treffen. Cannes ist eine riesige Messe, bei der man sieben Tage lang 18 Stunden täglich von A nach B und von C nach D hetzt und versucht, Deals zu machen. Da meine Firma verschiedenste Projekte hat, bewege ich mich dort in unterschiedlichen Welten: Die Dokumentarfilmleute sind anders als die Spielfilmleute, die Deutschen wiederum anders als die internationalen Filmleute. Es klingt immer so fancy, wenn man sagt, man fährt nach Cannes. Aber vor allem ist es Arbeit. Cannes ist eine gute Gelegenheit, sein Netzwerk auszubauen. Und unter der Sonne Südfrankreichs spricht es sich mit einem Filmredakteur einfach entspannter!

Was reizt Dich an deiner Arbeit am meisten?

Alles, was mit Inhalt zu tun hat – insbesondere die Entwicklung von Stoffen und deren Finanzierung. Spannend ist auch die Schnittphase nach dem Dreh, den wiederum viele Kollegen in meiner Branche als das Interessanteste empfinden. Doch dabei arbeitet man mit vielen Leuten zusammen, es ist viel Trubel und immer Halligalli. Im Schnittraum mit Cutter, Autor und Regisseur passiert noch einmal einiges: Hier entsteht wirklich erst der Film! Viele assoziieren Produzentsein mit der Drehsituation. Dabei fühle ich mich persönlich jedoch eher in der beobachtenden Rolle, beim Schnitt hingegen in einer prägenden.

Produzent Martin Heisler ©Flare Film
Produzent Martin Heisler ©Flare Film

Was ist Dein Leitmotiv, nach dem Du als Produzent agierst und arbeitest?

Unser Anspruch ist, immer über ein singuläres Projekt hinauszudenken. Wir wollen daher mit Leuten so arbeiten, dass wir im besten Fall den Rest unseres Lebens zusammen Filme machen können. Das gilt für jeden Regisseur und Autor, aber auch für jedes Teammitglied. Jeder Oberbeleuchter wird so behandelt, dass er sich darauf freut, auch in Zukunft mit uns zu arbeiten. Das ist in der Branche wegen des hohen Kostendrucks nicht immer selbstverständlich. Auch eine Filmförderung soll wissen, dass ihr Geld in guten Händen ist. Es ist ein bisschen der Gedanke an einen Marathonlauf und nicht an einen Sprint, der uns auszeichnet. Auch macht uns eine gewisse Unaufgeregtheit aus. Ich will gute Filme produzieren und nicht irgendwelche Eitelkeiten bedienen oder Grabenkämpfe ausfechten. Klar, mit Ellenbogen kann man vielleicht schneller weiterkommen. Und Leute, die ihr Ego vor sich her tragen, werden oft dafür gefeiert. Für uns geht unsere Einstellung aber total auf, weil wir einen großen Zulauf an Leuten haben, die mit uns arbeiten wollen. Wenn diese dann nicht nur gut sind, sondern auch nett, hat man doppelt gewonnen.

Vor kurzem konnte man eines Deiner Werke „Leichtmatrosen“ im Fernsehen sehen. Wie geht es Dir damit, wenn Du ein fertiges Produkt in den Händen hältst bzw. siehst?

Bei „Leichtmatrosen“ handelte es sich um eine reine TV-Produktion, die von vielen Menschen am Sendetag auf einmal gesehen wurde. Bei Kinoproduktionen sehen den Film zwar zunächst weniger Menschen, dafür bin ich öfter dabei: Es gibt eine Festival- und Kinopremiere, eine Kinotour durch verschiedene Städte oder Auftritte auf einer Bühne, bei denen man Rede und Antwort steht. Es gibt viel häufiger die Möglichkeit, mit einem Publikum das Ergebnis seiner Arbeit anzuschauen. Aber meistens brauche ich mehrere Gelegenheiten, bis ich mich freue, wenn der Film Erfolg hat. Es fällt mir manchmal schwer, mich für die oft jahrelange Arbeit zu belohnen und Kritik objektiv zu sehen. Wenn meine Eltern früher einen Film von mir kritisiert haben, konnte es passieren, dass ich pikiert war. Aber sie hatten ja eigentlich nicht über meine Arbeit befunden, sondern sich im Grunde nur auf den Film bezogen. Bei einem Raketenwissenschaftler ist das einfacher: Für ihn ist nur ein kleiner Kreis an Leuten eine Referenz, weil kein Normalsterblicher die Arbeit in der Regel beurteilen kann. Bei uns Filmmenschen wird die Arbeit nicht mitgedacht, was auch gut so ist. Es geht ja schließlich um Unterhaltung.

Was war das Besondere an „Leichtmatrosen“?

Schon mit dem Auftrag war klar, dass der Film Freitagabend zur Primetime laufen wird – er musste also die Anforderungen dieses Sendeplatzes bedienen. Das hat im Grunde geklappt, die Quoten waren gut. In Zukunft möchte ich aber auch andere Sendeplätze anstreben, wie zum Beispiel den Mittwochabend in der ARD. Dort werden oft gesellschaftlich relevante Themen verhandelt. Und wenn man sich die Frage nach der generellen Sinnhaftigkeit eines Films stellt, ist es durchaus ein Ziel für mich, damit zu einer gewissen Veränderung beizutragen.

Was sind Deine Pläne, Ziele und Wünsche für die Zukunft?

Generell möchte ich weiterhin Fernseh- und Kinoproduktionen machen, sozusagen den Gemischtwarenladen beibehalten: von Primetime-Fernsehfilmen bis ganz kleinen Dokumentarfilmen. Ein Wunsch von mir ist, einen Film zu machen, der auf einem großen Filmfestival läuft und so auch international wahrgenommen wird, wie etwa unsere bisherigen Filme „Houston“ (2013) oder „Morris aus Amerika“ (2016). Ein Ziel ist auch, Kinokomödien für den hiesigen Markt zu entwickeln, die über 500.000 Zuschauer haben. Ich möchte das Bisherige fortführen, nur eben die Fußabdrücke noch sichtbarer gestalten. Der Job ist ein bisschen wie eine Wundertüte und wenig berechenbar. Das ist aber auch das Spannende daran.

Auf welche Produktionen in nächster Zeit freust Du Dich am meisten?

Am meisten freue ich mich auf Projekte, die bald fertig werden: Das ist vor allem die Dokumentarfilmkomödie „Eingeimpft“ von David Sieveking. Sie kommt nächstes Jahr ins Kino und handelt von seiner Familie und dem Impfen. Im Juli steht das Münchener Filmfest an. Da wird der Spielfilm „LOMO – Language of Many Others“ von Julia Langhof Premiere feiern. Zudem steht die Postproduktion von zwei Dokumentarfilmen an: Einem über die katholische Kirche und einem über Berliner Türsteher. Auch kommen zwei tolle Drehs auf uns zu: Einmal „Avalanche“ von Bastian Günther, den wir komplett in Amerika auf Englisch drehen. Ein großer Schritt in der internationalen Ausrichtung der Firma. Dann ein Debütfilm von Barbara Ott, die einen starken Stoff im Ruhrgebiet spielend geschrieben hat. Man darf also gespannt sein.

Vielen Dank für das tolle Gespräch. Wer sich die Spielfilmkomödie „Leichtmatrosen“ von Stefan Hering anschauen möchte, kann dies bis Mitte August noch in der ARD-Mediathek nachholen.

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