2016 April 2016: Humor

Netflix oder Uni-Abschluss?

Zwischen Selbstzweifeln und Netflix-Abo bleibt kaum noch Zeit für die Hausarbeiten – Warum schaffen wir es einfach nicht, uns zu konzentrieren?

Ich sitze auf einer mintgrünen Bürocouchgarnitur, mein Dozent in erhabener Haltung und erhöhter Sitzposition mir gegenüber. Noch im Wintermantel versuche ich meine eben zusammengebastelte Fragestellung durch starres Lächeln aufzuwerten. “Sie können also gar kein Russisch?” Es klingt nicht böse, eher resigniert. Auf dem Weg die Treppe runter habe ich vergessen, warum ich jemals geglaubt habe eine Masterarbeit schreiben zu können.

Es ist wieder soweit: Die ersten Kirschbäume knospen, der Rhein glitzert in der Sonne und in der ULB ist kein Platz mehr frei. Es ist die Zeit des Jahres, in der gestresste Studenten Saufabende gegen dekorative Bücherberge tauschen und ihre Nasen gegen flimmernde Bildschirme stupsen. Die Abgabefristen rücken näher. Hausarbeiten müssen geschrieben, Klausuren verschoben und Abschlussarbeiten ignoriert werden. Noch fünf Tage, zwei Arbeiten fehlen und ich habe eine neue Serie gefunden.

Prokrastination, das heißt Faulenzen auf bildungsbürgertümlich. Hinter klugen Begriffen und einem Klick auf den Ich-bin-an-kontroversen-Kunstausstellungen-Interessiert-Button auf Facebook wird die eigene Angst vor Unzulänglichkeit versteckt. Das Wissen in neun Semestern nichts gelernt zu haben, außer wann Schnitzeltag in der Mensa ist. Lieber mal ignorieren, dass eine frühzeitige Literaturrecherche und Lernen ohne Lücke gegen dieses Gefühl geholfen hätten. Nächstes Semester wird eh alles besser, da wird dann wirklichwirklich rechtzeitig angefangen, versprochen.

Und ich will was lernen! Denke ich, klicke die anspruchsvolleren Seminare auf BASIS an, ziehe meinen BH aus dem Pulliärmel und kuschel mich zwischen Wärmflasche und Laptop. Ich habe mir Silvia Plaths Biografie und ein Buch über den chinesischen Bürgerkrieg ausgeliehen, nur zum Spaß. Klang interessant. Die liegen jetzt gemütlich neben mir bis die Leihfrist überschritten ist, während Netflix mir erzählt, ob Jane und Rafael heiraten.

Warum mache ich das? Die Serie ist nicht mal gut, und eigentlich interessiere ich mich auch nicht für die Profilfotos fremder Menschen. Trotzdem habe ich heute schon mehr Zeit in sie investiert, als in meine Hausarbeit. Das pragreisende Facebookfoto ist meine neue beste Freundin, für die nächsten fünf Minuten – einzige Ablenkung vom Zählen fertiger Kapitel. Danach wird sie durch ein neues Gesicht ersetzt, ihren Namen weiß ich schon nicht mehr.

Es auf meine Versagensangst zu schieben, wäre zu einfach. Und faul. Es ist eher eine ungesunde Mischung aus Arroganz und Facebook, die mich vom Schreiben ablenkt. Versagensängste kommen später, wenn ich heimlich Google frage, ob in intellektuell wirklich vier L’s gehören und meine Freunde Promotionsangebote bekommen. Auf Facebook herzt ein Freund ein Waschbärvideo – sollte der nicht auch schreiben? Und auch in der ULB starren mehr Menschen in Whatsapp-Gruppen als in die Bücher neben sich. Misstrauisch scrolle ich noch einmal durch meine geschriebenen Seiten. Gar nicht so schlecht, denke ich, gut gemacht, und schaue kurz nach, wie es mit Rafael und Jane weitergeht.

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