Rafael und Inti von Memoria
Aktuelles Interviews Kultur

„Musik sollte politisch sein!“ – Im Interview mit Memoria

Die Frage, ob Musik politisch sein sollte, steht immer wieder im Raum.  Die Kölner Reggae-Band Memoria hat eine klare Meinung dazu.

Eine Reportage von Anna Kravcikova

Im heutigen Internet-Zeitalter kann sich jeder zu den verschiedensten Themen äußern – oder es auch lassen. Denn viele Menschen mit großer Reichweite bezeichnen sich als „unpolitisch“ und ziehen es vor, sich zu politischen Themen nicht zu äußern. Meistens hat das ökonomische Gründe, denn man könnte ja anders denkende Follower und Fans von der eigenen Seite vergraulen. Da die Reichweite von Künstlerinnen und Künstlern oft über die von der Presse hinausgeht, entscheiden sie über die Themen, die sie behandeln wollen. Dank ihrer finanziellen Freiheit müssen sie sich nicht mit unangenehmen Fragen auseinandersetzen wie in Zeiten, als Bands und Künstler noch auf die Presse angewiesen waren. Doch wäre es nicht gerade in der heutigen Zeit, geprägt von zunehmendem Rassismus und dem Aufstieg rechter Parteien, wichtig, sich zu positionieren? Muss Musik politisch sein oder muss sie gar nichts?

Um diese Frage zu beantworten, habe ich mich mit der Kölner Reggae-Band Memoria getroffen. Die achtköpfige Band macht neben Reggae auch noch Dancehall, Raggaeton, Latin und HipHop und hat schon im Kindesalter angefangen, zusammen Musik zu machen: „Die Jüngsten waren neun Jahre alt“, sagt Sänger Inti. Ich treffe ihn und den Bassisten Rafael nach einer Bandprobe im Kulturbunker. Sie sind hier in Köln-Mülheim aufgewachsen und fühlen sich dem Bezirk sehr verbunden. Durch verschiedene Projekte gestalten sie hier aktiv das kulturelle Leben: Inti hat zum Beispiel vor einigen Jahren die Mülheimer Reggae Night ins Leben gerufen, die im Mai zum 9. Mal stattfindet.

Wir werden diese korrupte Welt kaputt machen

Doch neben Köln haben die Bandmitglieder auch Wurzeln in Lateinamerika – Peru, Venezuela und Chile. „Wir sind alle so eine Multikulti-Konstellation und ich glaube, dass uns das ein Stück weit einen anderen Blick auf die Welt und eine andere Herangehensweise an Themen wie Korruption gibt“, sagt Sänger Inti. Er habe in verschiedenen Teilen der Welt prägende Dinge gesehen, die er in seinen Songs verarbeitet – Wie zum Beispiel das wiederkehrende Motiv der Korruption in seinem Song „Lucha conmigo“, in welchem er singt: „Vamos a cambiar este mundo / Vamos a romper este mundo corrupto“, was soviel heißt wie „Wir werden diese Welt verändern / Wir werden diese korrupte Welt kaputt machen“.

 

Wir spazieren zum Café des Bürgerhauses „MüTZe“, einem Sozial- und Kulturzentrum in Köln- Mülheim. Hier erzählt mir Inti, dass er sich früher als kleines Kind alte deutsche Omas und Opas geschnappt hat, um ihnen von Peru zu erzählen. Der Austausch über die verschiedenen Lebensrealitäten war ihm schon damals wichtig – Heute sind seine Songtexte sein Ventil. Rafael ist aus einem sehr politisch interessierten Haushalt, wo er schon früh für soziale und gesellschaftliche Themen sensibilisiert wurde.

Verantwortung durch Reichweite

In der heutigen Konstellation ist Memoria seit fast fünf Jahren. Durch ihre Auftritte auf großen Festivals wie dem Summerjam oder einer Barbados-Tour Ende letzten Jahres wächst auch ihre Reichweite stetig. Rafael findet, dass ein Künstler mit zunehmender Reichweite auch eine gewisse Verantwortung gegenüber den Hörern und dem Publikum hat: „Man sollte diese Verantwortung auch zu gewissen Zwecken nutzen. Natürlich gibt es immer auch Leute, die einfach Entertainer sind. Du musst dich nicht unbedingt mit deiner Musik oder deiner Kunst selber damit auseinandersetzen. Aber dann solltest du trotzdem Stellung beziehen können.“ Wenn sich also beispielsweise jemand nicht in seinen Songs mit politischen Themen auseinandersetzen möchte, sollte er es zumindest auf seinen Social Media Kanälen tun. „Wenn man als Künstler so eine Aufmerksamkeit hat, dann hat man auch eine gewisse Pflicht, sich mit Themen auseinanderzusetzen.“

Auch Inti appelliert an das Nutzen der eigenen Stimme und Reichweite: „Ich finde, dass sowas viel zu wenig passiert. Als die AfD ihren ersten Mega-Erfolg hatte, da haben sich zum ersten Mal Rapper hingestellt und gesagt: So kann das nicht weitergehen!“

Aus „Wir sind mehr“ wird „Wir werden weniger“

Doch danach sei es ruhig geworden mit Stellungnahmen zur Thematik. Inti und Rafael waren nach den Ausschreitungen 2018 beim „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz, jetzt sieht es dort eher nach „Wir werden weniger“ aus, meint Inti. Dabei sei es die Pflicht der Musiker gewesen, die Hörerschaft weiterhin aktiv zu überzeugen, gegen Rassismus und Ausgrenzung vorzugehen: „Die haben die Reichweite und die Hörerschaft und meistens sogar den direkten Kontakt zu den Wählern oder den nächsten Neuwählern.“ Dadurch könne man eine Gesellschaft direkt formen und leiten. Sowas gehe nur durch Kunst, glaubt Inti.

Memoria in Mülheim

Die richtige Vermarktung

Doch nicht nur die Künstler sind in der politischen Verantwortung, auch andere Bereiche der Musikindustrie: Angefangen bei Promotern über Labels bis hin zu Journalisten. Wenn diese nicht auf bestimmte Aussagen von Musikern eingehen und stattdessen versuchen, sie in ein bestimmtes Bild zu drängen, können wichtige Botschaften verloren gehen. Inti führt als Beispiel die jamaikanische Reggae-Ikone Bob Marley auf. Der Sänger werde erst jetzt richtig verstanden: „Die westliche Welt hat ihn komplett in Sonnenschein, Palmen, One Love und Gras rauchen vermarktet. Bob Marley, der schöne Rasta“. Sein selbstfinanziertes Konzert zur Befreiiung Simbabwes und seine Solidarität mit der haitianischen Bevölkerung während der Diktatur wurden in der westlichen Presse wenig thematisiert. Das ist auch ein Teil, der mitspielt – Welche Themen werden in den Medien gepusht? Inti nennt ein weiteres Beispiel: Das gemeinsame Album „Der Holland Job“ von Coup, einer Kollaboration der Rapper Haftbefehl und Xatar. Während die meisten Songs auf dem Album auf den ersten Blick unpolitisch sind, thematisiert das letzte Lied „AfD“ den Fremdenhass in der Gesellschaft. Einige HipHop-Journalisten kritisierten, dass er nicht auf das Album passen würde, und ob sie ihn nicht lieber auf ein anderes Projekt hätten packen sollen. „Das ist bescheuert!“, findet Rafael. „Lass sie ihren Scheiß machen, die sind ja auch Entertainer und lustig. Aber die haben trotzdem ihre Meinung und die zeigen die auch, lass sie das doch auf dem Album machen!“

Wer schon seit knapp zwanzig Jahren politische Musik macht, ist der Hamburger Rapper Samy Deluxe. Sein gesellschaftskritischer Song „Weck mich auf“ thematisiert unter anderem Rassismus, korrupte Politiker und die Perspektivlosigkeit der Jugend. Bis heute ist es seine erfolgreichste Single.

 

Das war ein Song, der hat krank funktioniert! Der war in den Charts, alles drum und dran. Das war krass politisch. Der wurde in Schulen durchgenommen, der hat überall Akzeptanz gefunden“, sagt Inti. Der Song hat für ihn und viele andere Rap-Fans HipHop-Geschichte geschrieben. Seitdem hat Inti keinen vergleichbaren Song mit demselben Effekt gehört – „Und bei einem 2:30 Song wird das auch nicht funktionieren!“ Durch die zunehmend kurzen Songs sei es laut Rafael auch immer schwieriger, eine komplexe Botschaft auf weniger als drei Minuten zu bekommen. Trettmann sei aktuell einer der wenigen Künstler, der mit politischen Themen Erfolge im Mainstream landet.

 

Ein Schmaler Grad

Man kann nicht sagen, dass der Mainstream per se unpolitisch ist. Neben Trettmann hat auch ein weiterer Rapper aus Chemnitz Ende 2019 die Spitze der Charts erlangt: Kummer, vorher bekannt als Sänger der Band „Kraftklub“. Auf seinem Album „KIOX“ hat er mit „9010“ einen persönlichen Song über rechte Gewalt während seiner Teenager-Jahre und das Aufeinandertreffen mit den Tätern von früher veröffentlicht. Die Reaktionen waren durchweg positiv, da die dargestellten Erinnerungen melancholisch und authentisch wirken. Der Song ist politisch, ohne zu stark den Zeigefinger zu erheben.

 

Ein weiteres Stilmittel neben persönlichen Erinnerungen ist die satirische Überspitzung, wie bei dem Berliner Rap-Trio K.I.Z. Doch die politischen Inhalte in den Texten seien auch nicht auf Anhieb jedem klar, meint Inti: „K.I.Z musst du auch erstmal verstehen. Damit du merkst, dass K.I.Z politisch sind, musst du schon ein paar Schritte im Kopf weiter sein.“

Dass die Texte trotzdem bei der breiten Bevölkerung ankommen, zeigt das Soloprojekt des Rappers Tarek K.I.Z: Sein Album „Golem“ erreichte Anfang Februar diesen Jahres auf Anhieb die Spitze der deutschen Album-Charts. Auch Künstlerinnen wie Nura, die Antilopengang oder Audio 88 & Yassin machen regelmäßig in Songs und auf ihren Konzerten auf gesellschaftliche und politische Themen aufmerksam. Wer sich mit HipHop auseinandersetzt merkt: Die meiste Gesellschaftskritik kommt genau aus diesem Genre.

Alles ist politisch

Die Frage, ob Musik politisch sein sollte, wird immer öfter diskutiert und ausgehandelt. Nach Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes ist die Kunst jedoch frei. Somit kann man von Künstlern nicht verlangen, sich zu positionieren. Musik ist nicht erst politisch, wenn der Text eine klare politische Botschaft oder Forderung beinhaltet. Was beim ersten mal Hören unpolitisch klingt, kann auch eine subtile politische Konnotation mit sich bringen. Viele Mainstream-Rapper haben zum Beispiel den thematischen Fokus auf Marken und Konsum. Wenn man sich die Charts und beliebte Playlists wie „Modus Mio“ bei Spotify anschaut, sieht man: Die Musik kommt vor allem bei der jungen Generation gut an. Das hat aber auch mit der Platzierung in den jeweiligen Playlists, in Radios und auf Social Media Kanälen zu tun. Die Musikindustrie, welche die Musik verbreitet, sendet somit auch eine politische Botschaft: Indirekt bewerben sie den Hedonismus und die Verankerung im Kapitalismus. Somit ist die Entscheidung, nicht auf gesellschaftliche oder politische Missstände hinzuweisen, auch politisch. Am Ende haben die Hörer die Wahl, welche Musik sie hören wollen: Im großen Pool an Musik findet sich für jeden was.

Wir trinken unseren Kaffee aus und spazieren noch ein wenig durch Mülheim. Ich überlege laut, ob es zunehmend politische Musik gibt, wenn die aktuelle gesellschaftliche Lage sich verschlechtert. Inti antwortet: „Ich glaube, dass es bisher keine „Alles ist gut“-Zeit gab“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.