Weltkarte im Eingangsbereich der Kita Mini-Mäuse in Bonn. Foto: Julia Schulte
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„Mein Papa works in an office“ – mit drei Jahren bereit für den internationalen Arbeitsmarkt dank bilingualer Erziehung?

Jeder, der sich schon einmal für einen Job beworben hat, kennt den Satz, der inzwischen zur Standardfloskel vieler Stellenausschreibungen geworden ist: ‚Sehr gute Englischkenntnisse in Wort und Schrift, weitere Sprachkenntnisse wünschenswert‘. Wer mehrere Sprachen fließend spricht, hat im Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt einen klaren Vorteil. Viele Eltern wollen ihren Kindern deswegen schon früh ideale Möglichkeiten bieten und entscheiden sich für eine bilinguale Erziehung. Aber wie funktioniert diese überhaupt und was bringt sie?

von Julia Schulte

„Wer möchte alleine zählen?“, fragt Erzieherin Neda Arabpour. Ein kleiner hellblonder Junge meldet sich. „Auf welcher Sprache möchtest du?“ „Deutsch“, murmelt der Kleine und beginnt dann: „one, two, three…“. „Schatz, das ist Englisch. Aber egal, dann zähl ruhig auf Englisch“, ermuntert ihn Arabpour und der Junge zählt die Kinder aus seiner Gruppe ‚Mäusenest‘, die sich mit ihm zum Morgenkreis auf dem grünen Teppich zusammengefunden haben.

Die Wetteruhr mit englischen Begriffen im 'Mäusenest' wird jeden Tag von den Kindern eingestellt. Foto: Julia Schulte
Die Wetteruhr mit englischen Begriffen im ‚Mäusenest‘ wird jeden Tag von den Kindern eingestellt. Foto: Julia Schulte

In der Kindertagesstätte Mini-Mäuse in Bonn werden rund 190 Kinder ab einem Alter von drei Monaten bilingual – je nach Wunsch der Eltern deutsch-englisch, deutsch-französisch oder deutsch-chinesisch erzogen. Die Kinder kommen aus unterschiedlichen Familien: einige werden nur englischsprachig erzogen, in anderen Familien sprechen Mutter und Vater je nach Herkunftsland andere Sprachen und einige Eltern wünschen sich eine bilinguale Erziehung, reden aber selbst nur Deutsch mit den Kindern.
Die Sprachvermittlung bei den Mini-Mäusen erfolgt nach der Methode der Immersion, die der gemeinnützige Verein Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen (fmks) als das „derzeit erfolgreichste Sprachlernverfahren weltweit“ betitelt. Immersion, vom englischen Verb to immerse, meint so viel wie ‚eintauchen‘ in eine Sprache. Das bedeutet, die Sprache wird als Alltagssprache wahrgenommen und kann so von den Kindern ohne Druck und Überforderung erlernt werden. Am geeignetsten ist dafür die Regel one person – one language, die auch bei den Mini-Mäusen angewandt wird. „Das Prinzip ist eigentlich sehr einfach. Meine Kollegin spricht durchgehend Englisch mit den Kindern, ich nur Deutsch. Daran halten wir uns auch, wenn wir vor den Kindern miteinander sprechen“, berichtet Erzieherin Arabpour.

Über dreißig verschiedene Formen von Bilingualismus

Das Immersionsprinzip, wie es die Kita Mini-Mäuse in Bonn praktiziert, wird in vielen bilingualen Kitas angewandt. Eine andere Variante ist das Total Physical Response-Prinzip, bei dem die Kommunikation über physische Reize wie Bewegungen und Zeichen unterstützt wird, sich jedoch in der erworbenen Sprachkompetenz unterscheidet. Ein vorgegebenes pädagogisches Konzept gibt es für die Kitas allerdings nicht. Ebenso wenig eine klare Definition, was Bilingualismus überhaupt ist: „Es gibt Forscher, die über dreißig verschiedene Formen von Bilingualismus unterscheiden“, erklärt Dr. Pauline Schröter vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin. Unterschieden würde in der Wissenschaft am häufigsten zwischen dem frühen und späten Bilingualismus, der sich auf das Lernalter bezieht, sowie dem sequentiellen und simultanen Bilingualismus, der durch die Lernreihenfolge bestimmt wird. „Je nach Zusammenspiel dieser Faktoren formt sich dann entweder ein ausbalancierter Bilingualismus, bei dem beide Sprachen gleich gut entwickelt sind oder ein dominanter Bilingualismus, bei dem eine Sprache besser entwickelt ist und dementsprechend häufiger genutzt wird,“ sagt Dr. Schröter.

Die französische Erzieherin liest in der U3-Gruppe aus einem französischen Bilderbuch vor. Foto: Julia Schulte
Die französische Erzieherin liest in der U3-Gruppe aus einem französischen Bilderbuch vor. Foto: Julia Schulte

Der Zweitspracherwerb an sich verläuft bei Kindern ähnlich wie der Erstspracherwerb. „Wenn der Spracherwerb ausbalanciert ist, erwirbt das Kind in beiden Sprachen die gleiche Sprachkompetenz“, erläutert Dr. Paul Meyermann von der Abteilung für Interkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeitsforschung an der Universität Bonn. „Im Vergleich zu monolingual aufwachsenden Kindern kann die Sprachproduktion zeitlich etwas verzögert sein, die Spracherwerbsläufe gleichen sich jedoch bis zum Grundschulalter an.“ Im Gespräch der Kinder im Morgenkreis in der Kita Mini-Mäuse werden die unterschiedlichen Entwicklungsstände schnell deutlich: Ein Junge antwortet beispielsweise auf deutsche Fragen immer auf Englisch, ein Mädchen beantwortet die Frage nach dem Beruf der Eltern mit dem Satz: „Mein Papa works in an office.“ Ebenfalls verfügen bilinguale Kinder häufig über einen kleineren Wortschatz, weiß Dr. Schröter: „Das liegt daran, dass sie ihre Zeit auf zwei Sprachen aufteilen müssen und so naturgemäß weniger Übung in einer Sprache haben als monolinguale Kinder.“ Die Folge könne ein falsches Erlernen von Wörtern und die Vermischung der Sprachen sein, was sich aber mit der Zeit legen würde.

790 Euro monatlich

Die private Kita Mini-Mäuse befindet sich in unmittelbarer Nähe des PostTowers in Bonn. Viele Kinder der Mitarbeiter kommen hierher. Foto: Julia Schulte
Die private Kita Mini-Mäuse befindet sich in unmittelbarer Nähe des Post Towers in Bonn. Viele Kinder der Mitarbeiter kommen hierher. Foto: Julia Schulte

Der bilinguale Spracherwerb birgt allerdings auch immer ein gewisses Risiko. „Wenn im Falle eines sequentiellen Spracherwerbs die erste Sprache noch nicht altersgerecht entwickelt ist, dann aber schon eine zweite dazukommt, kann das in Einzelfällen zur sogenannten doppelten Halbsprachigkeit führen. Das heißt, keine der beiden Sprachen wird funktional beherrscht“, berichtet Dr. Schröter. Ein weiterer Nachteil – und kein Einzelfall – sind die hohen Kosten, die Eltern ausgeben müssen, um ihren Kindern den Besuch einer bilingualen Kita zu ermöglichen, denn das Konzept wird meistens nur an Kitas in privater Trägerschaft angeboten. Bei den Mini-Mäusen in Bonn fallen so zum Beispiel für eine 45-stündige Betreuung pro Woche bei unter 3-Jährigen 900 Euro pro Monat an, am dem dritten Lebensjahr 790 Euro monatlich zuzüglich eines einmaligen Aufnahmeentgeltes von 300 Euro. Die bilinguale Erziehung ist also bisher ein pädagogisches Konzept, das offensichtlich gehobenen gesellschaftlichen Kreisen vorenthalten ist.

Zwei Länder – zwei Sprachen

Praktisch, wer eine zweisprachige Erziehung ohne Zusatzkosten von Hause aus genießen kann. Wie Diana Becker-Gallardo, die eine spanische Mutter und einen deutschen Vater hat und in zwei Kulturen aufgewachsen ist. Bis zu ihrem 6. Lebensjahr hat Diana in Köln gelebt und einen deutschsprachigen Kindergarten besucht. Weil ihre Eltern dann berufsbedingt nach Barcelona ziehen mussten, wurde Diana dort in eine deutsche Schule eingeschult, in der auch einige Fächer auf Spanisch oder Katalanisch unterrichtet wurden. Mit dreizehn ging es dann zurück nach Köln, wo Diana und ihre ältere Schwester an einem deutsch-spanischen Gymnasium das Abitur absolvierten. Gerade ist Diana mit ihrem Bachelor in Medienkulturwissenschaft und English Studies an der Universität zu Köln fertig geworden. Wo sie ihren Master machen möchte, weiß sie noch nicht, vielleicht verschlägt es sie zurück in ihre zweite Heimat Spanien.

How do you feel today? - Hier können die Kinder jeden Tag ihren Gemütszustand markieren. Foto: Julia Schulte
How do you feel today? – Hier können die Kinder jeden Tag ihren Gemütszustand markieren. Foto: Julia Schulte

Anders als in vielen bilingualen Familien – und von den meisten Experten geraten – wurden Diana und ihrer Schwester die beiden Sprache nicht nach dem one person- one language -Prinzip vermittelt. „Meine Eltern haben die Sprache davon abhängig gemacht, wo wir gewohnt haben. Hier in Deutschland haben sie bewusst nur Spanisch gesprochen, in Spanien nur Deutsch und das auch in der Öffentlichkeit oder vor Bekannten und Freunden“, berichtet Diana. Obwohl beide Elternteile die Sprache des Anderen nicht auf Muttersprachenniveau beherrschen, sieht Diana viele Vorteile in dieser Vorgehensweise: „Wenn ein Elternteil beruflich bedingt nicht so häufig zuhause ist, lernen die Kinder dessen Sprache schwieriger. Zwar war meine erste Sprache Spanisch, in Köln habe ich aber sehr schnell Deutsch gelernt, weil die Familie meines Vaters, die Erzieher und Kindergartenfreunde nur Deutsch gesprochen haben.“ Die Umzüge hätten darüber hinaus begünstigt, dass sie beide Sprachen akzentfrei spricht und über einen großen Wortschatz verfügt. Der einzige Nachteil sei, dass man beide Kulturen vermisse, wenn man gerade nicht dort ist, meint Diana. Dennoch ist sie sich sicher, dass ihr die bilinguale Erziehung viele Vorteile gebracht hat und das auch in Zukunft noch tun wird. Ihre eigenen Kinder will sie später auf jeden Fall auch zweisprachig erziehen.

Bilinguale Erziehung ist kein Muss

Unbedingt notwendig ist eine bilinguale Erziehung in keinem Fall – auch nicht für sehr ambitionierte Eltern, die nur das Beste für ihr Kind wollen. Dr. Schröter rät sogar dazu, eine zweite Sprache erst zu lernen, wenn die erste sicher beherrscht wird. Wenn das Kind nicht aufgrund der unterschiedlichen Muttersprachen der Eltern von Hause aus bilingual aufwächst, reiche es völlig, sich einer zweiten Sprache langsam zu nähern. Dass Erwachsene eine Sprache schlechter lernen als Kinder, ist übrigens ein Mythos, denn der Schlüssel zum erfolgreichen Sprachenlernen ist die authentische Kommunikation: „Je notwendiger es ist, sich eine Sprache anzueignen, weil man sich sonst nicht verständigen kann, desto schneller wird man sie implizit lernen. Kinder haben hier einen enormen Vorteil, weil sie darauf angewiesen sind, dass die Erwachsenen sie verstehen, um elementare Bedürfnisse zu befriedigen.“ Der Erwachsene würde jedoch im Gegensatz zum Kind durch die Erstsprache eine Menge metalinguistisches Wissen, beispielsweise über Syntax oder Phonologie, mitbringen. Den Vorteil der Kinder könnten Erwachsene dann dadurch ausgleichen, dass sie besser explizit lernen können, erklärt Dr. Schröter.

Wer also weder in eine bilinguale Familie geboren wurde, noch seine Kindheit in einem bilingualen Kindergarten verbracht hat, muss sich also trotzdem keine Sorgen machen. Der Erwerb einer zweiten oder dritten Fremdsprache im Studenten- oder Erwachsenenalter ist mindestens genauso gut möglich wie als Kind und in den meisten Fällen auch weniger kostenintensiv. So steht der nächsten Bewerbung und der Motivation, einen Sprachkurs oder einen Auslandsaufenthalt zu beginnen nichts mehr im Weg. Oder wie wäre es zunächst mit einem Sprachtandem?

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