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„Mein Alter war mir egal. Ich wollte Theater machen.“ – Ein Gespräch mit Musical-Regisseur Marco Krämer-Eis

Wer hat in seinem Bekanntenkreis nicht diesen einen Typen mit der abgewetzten Ledertasche und der fancy Retro-Uhr, der unbedingt Schauspieler werden will? Fast jeder kennt einen, der die Bühne zum Beruf machen möchte. Aber Regisseur werden? Mit Mitte 20? Das hört man seltener. Marco Krämer-Eis hat diesen Schritt gewagt – mit Erfolg. Heute ist er Theater- und Musicalregisseur.

Von Giulia Belfiore

Aber ein Regisseur, der muss doch Autorität ausstrahlen und über eine Menge Wissen verfügen. Und das geht schließlich nicht mit Mitte 20. Oder doch? Marco Krämer-Eis wollte mehr als schauspielern. Er wollte selbst kreieren, seine Ideen aus dem Kopf lassen, sie auf die Bühne bringen und nicht das umsetzen, was jemand anders will. Er fasste den Entschluss, es wenigstens zu versuchen, auch wenn er dafür sein damaliges Studium in Frankfurt hätte abbrechen müssen: „Das war mir alles viel zu theoretisch an der Uni, ich wollte Praxis und nicht im Hörsaal versauern.“
Ein ganz schön hochgestecktes Ziel für einen jungen Studenten aus der tiefsten Eifel irgendwo im Nirgendwo. Marco hat das nicht gekümmert: „Ich habe mich dann an verschiedenen staatlichen Schauspielschulen in ganz Deutschland beworben, an denen man Regie studieren kann.“ Als er bei besagten Schulen zwar immer in die letzte Runde kam, aber dann doch wegen seiner fehlenden Berufserfahrung abgelehnt wurde, dachte er sich: „Na gut, dann halt über Stock und Stein“. Aufzugeben kam für ihn überhaupt nicht in Frage – jetzt erst recht nicht. „Natürlich fand ich es schade“, gibt er zu, „aber im Nachhinein auch irgendwo gut, weil ich mich dadurch mehr reingehängt habe.“

Marco Krämer-Eis: 26, studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften im Hauptfach und Germanistik im Nebenfach in Frankfurt am Main. ©Alex Bach

Er brach sein Studium nicht ab. Tauchte immer tiefer in die Welt des Theaters ein, spielte auf kleineren Bühnen und knüpfte Kontakte. Schon nach kurzer Zeit zahlte sich sein Fleiß aus: Er bekam seine erste Stelle als Regieassistent. Darauf folgten Weitere. „Eigentlich bekommt man so einen Job erst nach einer entsprechenden Ausbildung. Klar war da auch viel Glück bei, aber eben auch harte Arbeit, die ich da reingesteckt hatte“, erzählt er mir mit ernster Miene. Das glaube ich ihm auf’s Wort. Denn nicht „ohne Grund sitzt er heute auf dem Regiestuhl.

Kurz bevor er das Theoriestudium beendete, hatte er auch schon seinen ersten richtigen Regiejob in der Tasche – und das mit Mitte 20. Geht also doch irgendwie. Was war das wohl für ein Gefühl, das erste Mal vor seinem Team zu stehen und zu wissen: ‚Hey, du hast jetzt hier das Sagen.‘ Ich stelle mir das total aufregend, aber auch ein bisschen beängstigend vor, weil ich die Befürchtung hätte, dass man mich wegen meines Alters nicht so ernst nehmen könnte. Marco sieht das anders.

„Autorität funktioniert meiner Meinung nach so, dass man in sich selber ruht und weiß, was man da tut. Das strahlt man dann auch aus, unabhängig von Statur und Aussehen.“

Und doch ist seine beachtliche Körpergröße von Zwei-Meter-Noch-Was mit Sicherheit kein Nachteil als junger Regisseur, gerade wenn es um Autorität geht. Der Schlüssel zum Erfolg ist das aber noch lange nicht.

Als Marco das Café betritt, in dem wir uns verabredet haben, scheint er mit seiner starken Präsenz und positiven Ausstrahlung den ganzen Raum einzunehmen. Sofort stelle ich mir vor, wie er sein Team um sich geschart hat und Regieanweisungen gibt – ‚Passt!‘, denke ich mir in dem Moment und stelle mich auf die Zehenspitzen, um ihn zu umarmen. „Ich habe das große Glück, sehr groß zu sein und eine sehr starke, dunkle Stimme zu haben. Ich glaube, das hilft wirklich und sorgt auf Anhieb für Autorität, die ich gar nicht erst produzieren muss“, sagt er und lächelt mich dabei verschmitzt an. Natürlich wisse er, dass das allein nicht ausreicht. Dass fachliches Wissen, Energie und Ausstrahlung genauso wichtig seien, um ihn auf dieser Ebene respektieren zu können. Und wenn man mal einen Blick auf ihn und seine bisherigen Projekte wirft, stellt man schnell fest, dass er das alles durchaus mitbringt.

„YAKARI 2 – Geheimnis des Lebens. Das neue indianerstarke Musical“ – Marcos aktuelles Stück

Zurzeit arbeitet er an der Fortsetzung des YAKARI-Musicals „YAKARI 2 – Geheimnis des Lebens“. Die Proben laufen bereits und ich bin gespannt, wie er die Story umsetzen wird. Ob seine Stücke wohl einen Wiedererkennungswert haben? „Als ich das Musical Flori gemacht habe, kam nach der Erstaufführung eine Kollegin zu mir und meinte ‚Lustig, Marco, man hat gesehen, dass es von dir ist‘. Das zu hören, fand ich in dem Moment super schön“, sagt Marco und seine Augen leuchten. „Ich glaube, es ist die Herangehensweise. Dass ich Dinge nie so nehme, wie sie sind“, überlegt der junge Regisseur laut und umklammert dabei seinen Mandelmilch-Cappuccino. Er versuche immer, mit Gegensätzen zu arbeiten, erklärt er weiter, und dabei möglichst oft Erwartungen zu brechen. Das scheint ihm auch sehr gut zu gelingen, denn all seine Stücke waren bisher ein großer Erfolg.

YAKARI 2 – Geheimnis des Lebens. Das neue indianer-starke Musical. ©Semmel Concerts

Kein Wunder, dass Kollegen und Fans große Erwartungen in den zweiten Teil des YAKARI-Musicals setzen. Ich habe mich bereits vor unserem Treffen etwas über den Inhalt informiert: Zu Ehren des Indianer-Mondgeistes wird der wertvolle und für den Stamm lebenswichtige Federschmuck des Häuptlings präsentiert. Im Laufe der Zeremonie bemerken die Indianer plötzlich, dass die Federkrone gestohlen wurde. Yakari, der mit Tieren sprechen kann und die Hauptfigur des Stücks ist, soll sie wieder zurückholen und macht sich auf den Weg ins neue Abenteuer. Da kann man sich als Regisseur bestimmt richtig austoben. Ob er lange nach der passenden Besetzung suchen musste?        

Yakari 2-Team ©Schwab Entertainment
Yakari 2-Team ©Schwab Entertainment

„Es war schon nicht einfach, Darsteller zu finden, bei denen alles passt. Die Energie ist mir an sich wichtiger als das Aussehen, aber in diesem Fall hatten wir ja bestimmte Vorgaben, da es sich um ein Lizenzprodukt handelt, basierend auf der gleichnamigen Fernsehserie.“ Deshalb konnte er sich nicht allein auf das Singtalent konzentrieren, sondern musste zusätzlich auch schauen, dass es optisch, von der Energie, und dem Tänzerischen her passt, erzählt er. „Sogar Kostüm- oder Bühnenideen musste ich den verantwortlichen Leuten nach Frankreich schicken, um mir ihr Einverständnis zu holen“.

„Mich hat es immer zum Theater hingezogen.“

Der Regisseurberuf ist eben nichts für zartbesaitete Künstlerseelen, das hat mir Marco nun deutlich vor Augen geführt. Da gehört schon eine große Portion Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen dazu, um in dieser Welt Fuß zu fassen und klar zu kommen – gerade bei jungen Berufseinsteigern. „Ich wusste nach dem Abi, dass ich was mit Theater machen will, war mir aber noch nicht so sicher, ob ich das durchziehe, weil das ja doch schon grundsätzlich erstmal eine brotlose Kunst ist.“ Dann habe er sich dazu entschieden, Theater-, Film- und Medienwissenschaft zu studieren, weil er der Ansicht war, damit wenigstens schon mal eine solide Grundlage schaffen zu können. Klingt nachvollziehbar.

Warum aber Theater bzw. Musical und nicht Film, möchte ich von Marco wissen. „Ich finde es einfach cool, dass man im Theater die Phantasie des Zuschauers benutzt, um die Welten zu erzählen. Film hat einen größeren Anspruch an die Realität. Man versucht die Wirklichkeit möglichst genau wiederzugeben, alles zu zeigen und zu beschreiben.“ Im Theater müsse man das gar nicht, erklärt er. Da könne man Dinge behaupten und den Zuschauer dazu bewegen, es sich einfach vorzustellen und das Bild so wahrzunehmen, wie man es selbst wahrnehmen möchte.

„Alle Genres sind eine Form von Kunst, auch wenn es nicht immer so gesehen wird.“

Ich denke die ganze Zeit darüber nach, was eigentlich der genaue Unterschied zwischen Theater und Musical ist. Oder vielmehr, ob Marco da überhaupt einen sieht? „Ich finde es schön, das mal so gefragt zu werden. Weil normalerweise kommt da immer ‚Warum machst du Musical und nicht Theater?‘“. Er versuche diesen Unterschied eben nicht zu ziehen. Klar, das Musical als Genre gebe ja schon vor, dass Musik darin vorkommen muss, aber das sei für ihn auch eigentlich schon der einzige große Unterschied.

„In Deutschland wird das Musical als Abwertung gesehen. Als Darstellungsform, die die Leute durchgehend wie auf Koks bespaßen muss“, berichtet Marco. Diese Meinung teile er allerdings nicht: „Die Oper ist für viele die Hochkultur, die größte Art der Darstellungskunst, das Sprechtheater versteht sich als eine Form des Geschichtenerzählens und der Meinungsäußerung. Und das Musical ist halt die kommerzielle kleine Schwester, die allen gefallen möchte.“ Ich muss über seine Formulierung lachen. Aber es stimmt. Das Musical spricht die breite Masse an, das Theater heutzutage hingegen weniger.

 „Wenn man zum Theater möchte und einen Plan B in petto hat, sollte man lieber den machen.“

Ich muss zugeben, dass mir persönlich die berufliche Sicherheit schon recht wichtig ist. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die darüber hinweg sehen, weil sie etwas gefunden haben, das sie unbedingt machen wollen. Trotzdem ist es doch eigentlich immer sinnvoll, einen Plan B zu haben, oder?

Marco sieht das kritisch. Insbesondere im Theaterbereich: „Wenn man sich vorstellen kann, etwas anderes zu machen, dann sollte man lieber das tun, weil dieser Beruf einem dafür viel zu viel abverlangt. Ich könnte mit Sicherheit andere Jobs ausüben, aber nichts würde mich so glücklich machen wie das hier und deshalb gibt es für mich keinen Plan B.“ Das sind klare Worte.

„Zurzeit habe ich einfach Bock darauf, Stücke auf die Bühne zu bringen, alles andere kommt danach.“

YAKARI 2-Proben ©Schwab Entertainment
YAKARI 2-Proben ©Schwab Entertainment

Mich erstaunt es im Laufe unseres Gesprächs immer wieder, mit wie viel Herzblut Marco dabei ist. Dennoch frage ich mich, wie er mit all dem umgeht. Das muss doch ein enormer Stress sein, nie zu wissen, ob man in der nächsten Zeit einen neuen Auftrag bekommt oder nicht? „Das ist immer so ein Phasending“, erklärt Marco achselzuckend. „Mal hast du eine Phase, wo du komplett ausgelastet bist, mal eine, wo du eben nichts hast. Man gewöhnt sich dran. Im Fall von YAKARI 2 ist man auf mich zugekommen, da ich ja bereits den ersten Teil umgesetzt hatte und der Produzent sehr zufrieden mit mir war.“ YAKARI 2 sei ihm aber auch tatsächlich ein Herzensprojekt gewesen, bemerkt er, weil er ja schon in diese Welt eingetaucht war. Deshalb habe er sich auch total gefreut, als die Anfrage kam, berichtet Marco zurecht etwas stolz.

Apropos Phasending. Bevor ich mich verabschiede, möchte ich noch eine Sache wissen: Wie sieht es eigentlich mit der Vereinbarung von Beruf und Privatleben aus? Marco denkt nicht lange nach: „Aktuell ist es mir das wert, privat etwas einstecken zu müssen oder nicht immer diese hundertprozentige Sicherheit zu haben, ob ich in der nächsten Zeit was kriege oder nicht. Ich weiß allerdings nicht, ob das für immer so sein wird.“ Aber das könne man ja heutzutage sowieso nicht mehr sagen, stellt er fest. Zurzeit wolle er einfach nur Theater machen.

Das nenne ich mal Leidenschaft für den Beruf. Manchmal muss man eben etwas wagen, um sein Ziel zu erreichen. Denn dass es sich trotz Umwege am Ende auszahlen kann, hat Marco mit seiner Geschichte ja eindeutig bewiesen.

 

 

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