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Meghan & Harry: Die Royal Wedding als ein Phänomen der Popkultur

Als Prinz Harry und Meghan Markle sich am 19. Mai, 2018 da Ja-Wort geben wird von DEM gesellschaftlichen Ereignis des Jahres gesprochen. Halb Hollywood ist eingeladen. Hinzu kommen mehr als 100.00 begeisterte Fans in Windsor allein. Die Royal Wedding löst eine Faszination aus, die oft nur schwer nachzuvollziehen ist, aber auch verdeutlicht, was Fan-Sein heute für uns bedeutet.

Von Phillip Engelhardt

In der St George’s Chapel ist es mucksmäuschenstill. Alle Augen sind nach vorn gerichtet – hin zum Altar. Bei dem Versprechen, das Justin Welby, der Erzbischof von Canterbury, dem Brautpaar da gerade abverlangt, geht es um Liebe, Treue und Gegenseitigkeit. Reichlich unspektakulär, möchte man meinen. Geheiratet wird schließlich jeden Tag und überhaupt, gibt es nicht wichtigere Probleme, denen man sich widmen könnte? Trotzdem sind neben den 600 Gästen in der Kirche auch hunderttausende Fans in England, ganz Großbritannien, ja, überall auf der Welt furchtbar angetan von dem, was da passiert, von dem, was die Fernsehkameras übertragen – von der Royal Wedding. In Scharen schauen sie sich die Hochzeit live im Kino an, verkleiden sich als Prinz und Prinzessin und jubeln dem Brautpaar begeistert zu – aber wie kommt es überhaupt, dass alle plötzlich so glühende Anhänger einer Institution werden, die politisch eigentlich längst obsolet ist? Zeit dem nachzugehen. Marius P., der mit seinem Kamerateam für das ZDF live bei dem königlichen Festakt vor Ort war, soll dabei helfen.

Mark Jones, Prince Harry and Meghan Markle on Christmas Day 2017, CC BY 2.0
Prinz Harry und Meghan Markle, Weihnachten 2017 © Mark Jones (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Prince_Harry_and_Meghan_Markle_on_Christmas_Day_2017.jpg), „Prince Harry and Meghan Markle on Christmas Day 2017“, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Fan-Sein zwischen Zerstreuung und Pathologie

Wenn man so drüber nachdenkt, sind Fankulturen an sich ziemlich eigentümlich. Absonderlich, wenn man so möchte, streckenweise auch regelrecht bizarr. Da tapeziert man die eigenen Zimmerwände mit Postern, stellt sich das Regal mit Merchandise-Artikeln zu und investiert Unsummen in Konzerttickets, Kinokarten und T- Shirts, nur um sich dem Lieblingspromi ein bisschen näher zu fühlen. „Der Skurrilität“, so Marius P. über die Outfits der Fanmassen bei der königlichen Hochzeit, „waren in der Hinsicht keine Grenzen gesetzt. Dem zugrundeliegenden Fanatismus auch nicht.“ Dabei trägt diese Form der Begeisterung nicht wirklich dazu bei, dass es uns tatsächlich besser geht. Wir lernen nichts daraus, den Lieblingsfilm zum x-ten Mal anzuschauen, profitieren nicht davon, die halbe Nacht wach zu bleiben, um bei der Oscar-Verleihung die Outfits der Stars auf dem roten Teppich zu studieren und wir haben ganz sicher nichts davon, uns vor lauter Zuneigung zur Lieblingsfußball-Mannschaft, krankenhausreif schlagen zu lassen. Trotzdem würde aber niemand sagen, dass an ein bisschen Zerstreuung so viel falsch sein kann – solange man sich denn im Griff hat. Aber wie kommt es denn, dass wir uns zu den Reichen, Schönen und Berühmten hingezogen fühlen, ja, sogar emotionale Beziehungen aufbauen können? Der Duden spricht von ‚begeisterten Anhängern‘, aber wovon sind wir denn begeistert?

Von alle dem, was wir selbst nicht haben und gerade deswegen haben wollen, lautet die einfache, nicht gerade originelle Antwort. Ruhm, Geld, Sexappeal und Erfolg – all das oder zumindest einiges davon hat jeder Promi, jeder, der in der Öffentlichkeit steht. Man könnte von einer irgendwie verqueren Vorbildfunktion sprechen, die da auf die Promis übertragen wird. Statt moralischer Autorität oder Bildung nachzueifern, träumen wir davon beliebt zu sein, begehrt zu werden und endlich die Anerkennung zu erhalten von der wir glauben, dass wir sie verdient haben. „People do it everyday. They talk to themselves, they see themselves as they’d like to be.” – was für Brad Pitt, Verzeihung, Edward Norton in Fight Club in paranoider Shizophrenie endet, können wir jeden Tag an uns selbst beobachten. Unsere Wünsche offenbaren sich an den Prominenten, deren ‚begeisterte Anhänger‘ wir sind. Psychologisch gesehen schrammen wir dabei in vielen Fällen nur knapp an der Pathologie vorbei. Aber hey, ist es noch pathologisch, wenn es alle tun? Wünsche zu haben ist für uns vollkommen normal, also muss es auch normal sein, denjenigen nachzueifern, die sind, was wir gerne sein wollen, haben, was wir gerne hätten. Ein Bedürfnis, wie Marius P. bestätigt, dass gerade bei der Royal Wedding in Erscheinung tritt: „Das eigentlich politische Ereignis stand am Hochzeitstag eher im Hintergrund. Die Fragen, die sich die meisten Leute stellen, betreffen in erster Linie das Brautkleid, die Reaktionen des Paares und ihren Angehörigen während der Trauung und welche Stars zu den geladenen Gästen gehören.“

King George VI. – der stotternde Monarch gegen den Faschismus

Und genau das gilt auch für Prinz Harry und Meghan Markle. Den jüngsten Spross des britischen Königshauses, am ehesten bekannt für seine wenig königlichen, nächtlichen Eskapaden und die US-amerikanische Schauspielerin, bekannt durch ihre Rolle als Rachel Zane in der Fernsehserie Suits. Zusammen sind sie Duke und Duchess, Herzog und Herzogin, of Sussex, der Grafschaft im Süden Englands. Aber was bedeuten diese Titel heute überhaupt noch? Wie viel Staatsgewalt steht der Monarchie des Vereinten Königreichs anno 2018 noch zu? Offen gesagt, so gut wie gar keine. Dem Gewohnheitsrecht folgend, übt die Queen ihre Hoheitsrechte nur noch gemäß der Vorgaben von Parlament und Regierung aus. Die politische Funktion von Elisabeth und Co. besteht in rein offiziellen, zeremoniellen und repräsentativen Aufgaben. Das Königshaus ist zur Institution britischer Tradition, mehr noch – britischer Identifikation geworden. Und ob man es glaubt oder nicht: die Autorität und der Einfluss der Königin und ihrer Staffel an Prinzen und Prinzessinnen ist nicht zu verachten. Man nehme etwa ein historisches Beispiel hinzu. Als die deutsche Luftwaffe zwischen Sommer 1940 und 1941 in der Luftschlacht um England nicht nur Manöver gegen die britischen Streitkräfte flog, sondern auch massiv zivile Ziele wie London selbst angriff, verloren über 27.000 Briten ihr Leben, mehr als 32.000 wurden verletzt. London lag zu großen Teilen in Schutt und Asche. Hinzu kam, dass deutsche U-Boote die Versorgungskonvois für das Festland angriffen und Lebensmittel rationiert werden mussten. Die britische Königsfamilie teilte das Leid, dass sich in London breit machte.

König George VI. und Königin Elizabeth, 1939
König George VI. und Königin Elizabeth, 1939

Sie hungerten mit der Zivilbevölkerung, mussten die Beschädigung des Buckingham Palace mitansehen und hatten sogar selbst Opfer zu beklagen – Prinz George, Duke of Kent, jüngerer Bruder des Königs und Onkel der heutigen Monarchin Elisabeth II. verlor bei einem Flugzeugabsturz sein Leben. Wie reagierte der britische Monarch, König George VI., der zuvor kaum in Erscheinung getreten war und darüber hinaus auch sein Leben lang – gerade bei öffentlichen Auftritten – immer wieder ins Stottern geriet? Er engagierte sich öffentlich für das Wohl der Londoner Bürger. Der König, der sich um seine Untertanen kümmert. Ihr Leid teilt, sich ihre Geschichten anhört und genau das durchmacht, was alle durchmachen und so zur symbolischen Figur des britischen Widerstandes gegen den Faschismus wurde. Nicht schlecht für jemanden, der in der Praxis eigentlich keine Entscheidungsgewalt besitzt.

Meghan und Harry inmitten von #NeverAgain und #MeToo

„Sicherlich ist mit dieser Hochzeit aber auch ein politisches Signal unter anderem gegen Rassismus verbunden, welches allerdings keine unmittelbare Wirkung hat, sondern richtungsweisend an die Bevölkerung appellieren kann.“ Was Marius P. hier beschreibt, bringt es auf den Punkt. Schon der Zeremonie an und für sich kann eine gewisse repräsentative Wirkung unterstellt werden. Dabei ist das erst der Anfang. In die Fußstapfen von König George VI. tritt jetzt Prince Henry Charles Albert David, die neuerdings ganz brave, aber immer noch schelmisch grinsende Nummer sechs in der Thronfolge. Trotz seines Rufes als Badboy unter den Royals, wurde er doch immerhin sein Leben lang auf das vorbereitet, was jetzt auf ihn zukommt. Etikette, Verantwortung und humanitäre Gestik wurden ihm vorgelebt. Nicht zuletzt von seiner Mutter, Lady Diana. Doch wie steht es mit Meghan Markle? Wird sie ihrer Rolle gerecht werden? Wirft man einen Blick auf das Wappen der Herzogin von Sussex, so wird schnell klar, mit welchen Erwartungen sie sich konfrontiert sieht. Ein Schild, blau wie der Pazifik an der Küste ihrer Heimat Kalifornien, ok. Zwei goldene Streifen für die heißen Strahlen der Sonne, der Meghan ihr Leben lang ausgesetzt war, so weit so gut. Und drei Federn. Warum drei Federn? Ganz treffend schießt hier ein Zitat in den Kopf, das gerade heute, in Zeiten von Twitter, Facebook und Instagram, in Zeiten der Kardashians und Donald Trumps, wohl die Rolle der modernen Prominenz auf den Punkt bringt: „The pen is mightier than the sword.“ – „Die Feder ist mächtiger als das Schwert.“

© Arms: Mr. Thomas Woodcock (Garter King of Arms and Senior Herald in England), file: ElSeñorDeLaNoche (elements by Sodacan) This vector image was created with Inkscape., Coat of Arms of Meghan, Duchess of Sussex, CC BY-SA 3.0
Wappen von Prinz Harry, Duke of Sussex und Meghan, Duchess of Sussex © Arms: Mr. Thomas Woodcock (Garter King of Arms and Senior Herald in England), file: ElSeñorDeLaNoche (elements by Sodacan) This vector image was created with Inkscape. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Coat_of_Arms_of_Meghan,_Duchess_of_Sussex.svg), „Coat of Arms of Meghan, Duchess of Sussex“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

Prominente werden heutzutage mit gewissen Erwartungen konfrontiert, ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden und bei gesellschaftlichen, sozialen und politischen Problemen eine Führungsrolle einzunehmen, Stellung zu beziehen. Nie zuvor galt Problemen wie Rassismus, Sexismus oder Populismus so viel Aufmerksamkeit wie heutzutage. Nie zuvor ist es so leicht Millionen von Followern weltweit zu erreichen. Wer etwas zu sagen hat, wird auch gehört. Gatekeeper ist nicht mehr. Jeder kann zum Meinungsführer werden, wenn denn nur ausreichend Leute zuhören und die Angelegenheit brisant genug ist. So wurde Emma Gonzalez zum Gesicht der Schülerproteste nach dem Schulmassaker von Parkland und Alyssa Milano konnte durch den Hashtag #MeToo zur Leitfigur des Kampfes gegen sexuelle Belästigung werden. Und genau das ist es, was das britische Königshaus, die britische Öffentlichkeit von Meghan erwarten: die Kommunikation der Probleme, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert wird. Und das in ganzer performativer Bandbreite. Meghan wird ermutigen, trösten, aufmuntern, schimpfen, anprangern, warnen und auffordern und ihre Fans werden ihr zuhören.

© Genevieve (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meghan_Markle_(Paley_Center_'Suits')_01_(cropped).jpg), „Meghan Markle (Paley Center 'Suits') 01 (cropped)“, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode
Meghan im Gespräch © Genevieve (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meghan_Markle_(Paley_Center_’Suits‘)_01.jpg), „Meghan Markle (Paley Center ‚Suits‘) 01“, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode

Nur eines wird sie, dafür sorgt eben die britische Verfassung, nicht mehr tun: befehlen. Ihr Wort ist nicht Gesetz. Aber das muss es auch nicht sein. Fankulturen haben sich gewandelt. Wir erwarten Führung von denen, die in der Öffentlichkeit stehen. Denn wer in der Öffentlichkeit steht, repräsentiert und steht in der Verantwortung. Eine Verantwortung, die es nicht nur zu schätzen, sondern auch wahrzunehmen gilt. Wer also begeistert die Royal Wedding verfolgt hat, der hat sich vielleicht auch gefragt: wer ist das, der sich da anschickt, uns zu repräsentieren? Uns zu führen? Eine berechtigte Frage, nochmal: in Zeiten der Kardashians und Donald Trumps. Fan-sein ist heute mehr als nur Zerstreuung, mehr als mein Eifer nach Oberflächlichkeiten. Mein Fan-sein ist Ausdruck meiner Suche nach Orientierung, nach Anleitung und nach Vorbildern.

Hinter Meghans und Harrys Hochzeit steht nach den schönen Kleidern, dem Eheversprechen und jeder Menge Pfingstrosen eine verschärfte Form dessen, was heute die alltägliche Erwartungshaltung an Prominente ist. Das britische Königshaus steht in einer Tradition, die mehr als eintausend Jahre in die Vergangenheit reicht. Führung hat in all den Jahren viele Formen angenommen: vom militärischen Despotismus, über religiöse Unabhängigkeit und dem British Empire bis hin zu dem, was heute der Status quo ist: die britische Monarchie als Phänomen der modernen Popkultur. Führung über die Feder, Repräsentation und Identifikation mit Meghan und Harry. Spätestens mit der letzten Royal Wedding wurde ein neues Kapital für die britische Monarchie aufgeschlagen. Von wegen politisch obsolet…

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