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Love is not Tourism, is it? Fernbeziehungen in Zeiten der Pandemie

Wenn Franzi morgens aufwacht, ist das Erste, was sie wahrnimmt, eine WhatsApp-Nachricht von Christian. Er erzählt ihr von seinem Tag, bevor er ins Bett geht. Wenn Franzi zum Mittagessen in der Kantine sitzt, steht Christian gerade erst auf.

Von Laila Keuthage

Meistens schreiben sie noch kurz, außer Christian ist spät dran und muss schnell zur Arbeit. Den Rest des Tages hören die beiden wenig voneinander; Christian ist Lehrer und kann nur während der Freistunden auf sein Handy gucken. Bevor Franzi abends schlafen geht, schreibt sie ihm noch eine Nachricht, wünscht ihm einen schönen restlichen Tag und freut sich auf seine Antwort am nächsten Morgen. Bestenfalls telefonieren sie dreimal pro Woche, vier bis fünfmal im Monat verabreden sie sich zum Videocall. So geht das seit mittlerweile dreieinhalb Jahren. Franzi, 26, und Christian, 28, führen eine Fernbeziehung. Doch sie trennen nicht etwa Städte, Bundesländer oder nur Länder; Sie trennen Kontinente.

8000 Kilometer

Franzi lebt in Köln, Christian in Texas, USA. Dort haben sie sich 2010 auch kennengelernt, als Franzi, wie viele andere Deutsche Teenager, ein Auslandsjahr an einer amerikanischen High-School absolviert hat. Was damals als kurze Schwärmerei im aufregenden Year Abroad abgehakt wurde, blühte viele Jahre später wieder auf. 2016 treten sie wieder in Kontakt zueinander, denn beide wollen wissen, was aus der einstigen Jugendliebe geworden ist. Franzi reist ein Jahr später nach Texas, besucht ihre ehemalige Gastfamilie in Orange, einer Kleinstadt nahe Houston, und trifft Christian. Beide erwachsen, beide mitten im Studium, beide verliebt. Ineinander. Schnell sind sie sich sicher: Wir versuchen das. Wie viele Meilen sie in den kommenden Jahren auf der Strecke Frankfurt-Dallas, Dallas-Frankfurt sammeln werden, ahnen sie wohl trotzdem noch nicht.

Manche ihrer Freund*innen erklären Franzi für verrückt, andere sprechen ihr Mut zu, als sie von ihrem neuen, alten, aber vor allem weit, weit weg wohnenden Freund erzählt. Zwischen Euphorie und Mitleid bewegen sich die Reaktionen, schließlich scheint eine räumliche Entfernung von über 8000 Kilometern Luftlinie ein ziemlich großer Contra-Faktor zu sein. Doch mittlerweile hat ihr Umfeld gemerkt: Die meinen das ernst. Und die kriegen das scheinbar hin, erstaunlich gut sogar. Mindestens viermal im Jahr treffen sich Franzi und Christian, dann immer für mehrere Wochen. So war auch der Plan für dieses Jahr. Christian arbeitet an einer High School, ist Lehrer für amerikanische Geschichte und Basketball-Coach für die Schulmannschaften. Franzi fliegt in ihren Semesterferien zu ihm in die USA, er kommt nach Deutschland, wenn Schulferien sind. So auch diesen Februar – Spring Break.

“Unsere zweite Reaktion war dann eher positiv, beziehungsweise im Nachhinein betrachtet sehr naiv.“

Die beiden machen Mitte März Urlaub in Prag, als jeden Tag neue und immer schärfere Corona-Maßnahmen verkündet werden. Natürlich sind sie, wie der Rest der Welt, schockiert vom immer deutlicher werdenden Ausmaß der Verbreitung des Coronavirus. Doch Franzi gibt zu, dass sie ziemlich schnell auch andere Gedanken hatte: “Unsere zweite Reaktion war dann eher positiv, beziehungsweise im Nachhinein betrachtet sehr naiv, weil wir dachten: Naja, vielleicht bedeutet das ja, dass er, wenn er dann digital unterrichten muss, länger bleiben kann. So war es ja dann letzten Endes auch.” Christian bleibt statt zwei Wochen ganze zwei Monate bei Franzi. Jackpot, oder?

„Aber dann kam natürlich die Frage ins Spiel: Wie und wann sehen wir uns wieder?“

Als Fluggesellschaften den Verkehr zwischen Deutschland und den USA dann irgendwann fast komplett einstellen, wird klar: Christian muss sich um einen Rückflug bemühen, bevor er endgültig festsitzt. “Das hat irgendwann geklappt, aber dann kam natürlich die Frage ins Spiel: Wie und wann sehen wir uns wieder? Dann schlug das irgendwann in eine Ungewissheit und mittlerweile in Hoffnungslosigkeit um. Hoffnungslos ist vielleicht etwas zu hart, aber man hat irgendwann keinen Bock mehr auf diese Situation, das stellt in einer Fernbeziehung wirklich alles auf den Kopf.” Am 9. Mai fliegt Christian von Düsseldorf nach Chicago – einem der 13 Flughäfen in den USA, an denen man noch aus dem Ausland landen darf. Menschen, die sich in Deutschland aufhalten, dürfen nicht mehr in die USA, Amerikaner*innen zunächst auch nicht mehr nach Deutschland.

Im August tritt dann eine Regelung, die sogenannte Reiseerleichterung für unverheiratete Paare, in Kraft, die es festen Partner*innen aus Drittstaaten unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, nach Deutschland einzureisen. Zu spät für Christian, dessen Sommerferien da bereits vorbei sind. Franzi erzählt frustriert: “Wann wir uns das nächste Mal sehen, wissen wir nicht. Ich hatte Flüge für den 8. September gebucht, die ich jetzt aber absagen musste, weil ich aufgrund der Corona-Proclamation immer noch nicht in die USA einreisen kann. Das ist für Menschen aus dem Schengen-Raum erstmal weiterhin verboten.”

Love is not Tourism

Die Situation stellt Fernbeziehungen auf die Probe, denn nicht nur Flüge, sondern auch die Vorfreude auf ein Wiedersehen wird auf unbestimmte Zeit verschoben. “Man plant, freut sich dann auf ein Datum, was aber dann letztendlich doch nichts wird. Man guckt immer in die Nachrichten und hofft irgendwas zu lesen, was vielversprechend klingt. Aber es ist tatsächlich auch schwierig, verlässliche Informationen zu finden. Die Seiten vom Auswärtigen Amt und den Regierungen werden nicht so oft aktualisiert und wenn dann Verhandlungen stattfinden, wird das meistens richtig kurzfristig bekanntgegeben.”

„Man guckt immer in die Nachrichten und hofft irgendwas zu lesen, was vielversprechend klingt.“

So verhält es sich auch mit den strengen Einreisebeschränkungen der USA. Seit Wochen warten Franzi und Christian auf Lockerungen, durchforsten Regierungsseiten nach Infos, aber können nicht mal herausfinden, ob eine Änderung des Einreiseverbots überhaupt diskutiert wird. Deshalb fangen sie an, sich nach Möglichkeiten zu erkundigen, die ein Wiedersehen trotz der Verbote zulassen. Bei ihrer Recherche stößt Franzi auf Facebook-Gruppen mit Namen wie Love is not tourism oder Couples separated by travel bans. Dort tauschen sich bis zu 28.000 Mitglieder über ihre Erfahrungen aus, erzählen ihre Geschichten, geben Tipps an Leidensgenoss*innen weiter. Zum Beispiel an Franzi.

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Foto: Screenshot Facebook

“Ich habe auch schon von solchen Gruppen profitiert, weil ich darin lesen konnte, wie andere Deutsche es in die USA geschafft haben. Die haben da geschrieben, dass sie für die Ausreise 14 Tage vor Abflug in Länder außerhalb des Schengenraums gereist sind – dann ist die Einreise in die USA nämlich erlaubt. In den Facebook-Gruppen erzählen sie dann, welche Beweise sie für ihren Aufenthalt außerhalb des Schengenraums vorgelegt haben, welche Fragen die Grenzkontrolleure in den USA gestellt haben und sowas.”

Ohne die Erfahrungsberichte hätte Franzi sich wahrscheinlich nicht getraut, das Risiko, in den USA abgewiesen zu werden, einzugehen. Jetzt, wo sie weiß, dass es fast nur Erfolgsfälle gibt, hat sie sich entschieden, es bald über die Türkei zu versuchen, wo sie vor einigen Jahren auch ein Erasmus-Semester absolviert hat. Der Plan: “Ich werde sehr wahrscheinlich für zwei Wochen nach Istanbul gehen, damit ich für 14 Tage außerhalb des Schengen-Raums bin. Von da aus werde ich dann versuchen, in die USA einzureisen. Dort werde ich vier Wochen bleiben und dann sehen wir uns danach frühestens im Februar wieder. Das ist dann so.”

„Wenn ich zu Christian fliege, ist das nicht mein Sommerurlaub oder so.“

Auf den Aspekt des Verantwortungsbewusstseins angesprochen, erklärt Franzi, dass sie kein schlechtes Gewissen per se habe, in die USA zu reisen. Sie hält es da wie die Namensgeber der großen Facebook-Gruppe: Love is not tourism. „Wenn ich zu Christian fliege, ist das nicht mein Sommerurlaub oder so. Ich habe eher ein schlechtes Gewissen, dass ich jetzt erst nach Istanbul reisen werde. Dort gibt es mehr Neuinfektionen und weniger Tests als in Deutschland, deshalb finde ich das einfach nur total unlogisch, aber es ist im Moment meine einzige Option.“

Franzi weiß, dass sie und Christian sich im Vergleich zu anderen Paaren noch glücklich schätzen können, schließlich konnten sie Anfang des Jahres zwei Monate miteinander verbringen. Die Situation während der Pandemie zeigt beiden nochmal eindrücklich, dass sie auf Dauer Schluss machen wollen mit der Fernbeziehung, aber nicht miteinander. Wenn Franzi mit ihrem Master fertig ist, möchten sie zusammenziehen. Dann müssen sie sich hoffentlich nie wieder darüber Gedanken machen, ob sie sich zwei oder vier Mal im Jahr sehen können.

 

Beitragsbild: Screeshot Google Maps

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