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Kurzgeschichte: Wem gehört die Erde?

Eine Kurzgeschichte von Marco Rauch.

Das Großraumbüro war leer. Steve war der letzte Anwesende, abgesehen vom BüRobot, der auf Steves Anweisung hin jedoch seit der letzten Kaffeelieferung still in der Ecke stand. Die ständige Fragerei des Bots nach Steves Wünschen störte ihn mehr als die Tatsache, dass seine Kollegen bereits zuhause waren. Er war jünger als seine Kollegen, er wollte sich beweisen. In Ruhe konnte er ohnehin am besten schreiben. Auf Dauer wollte er sowieso sein eigenes Büro haben. Oben in der Etage seines besten Freundes Mike, der zeitgleich auch sein Chefredakteur war.
“Ist Mike Aronson noch im Haus, Siri?”, fragte er den BüRobot, der seine Frage durch seinen integrierten Zugriff auf die Überwachungskameras jeglicher Etagen bejahen konnte. “Gut, schalt meinen Mac aus und schließ hinter mir ab.”
“Sehr gerne, Sir. Haben Sie sonst noch einen Wunsch?”
“Wenn ich einen weiteren Wunsch hätte, hätte ich diesen bereits geäußert.”
Steve war zunehmend genervt von der jüngsten LivingSiri-Generation, sie waren aufdringlicher, störender, wenngleich auch hilfreicher. Er betrat den gläsernen Aufzug und schickte diesen mittels Spracherkennung ins oberste Stockwerk. In Mikes Büro besprachen sie Steves neuste Reportage über den Widerstand, der am Wochenende erneut zwei Müllabfuhr-Bots zerstörte und an der Golden Gate Bridge aufhing. Die Erde gehört den Lebenden stand auf einem riesigen Spruchband darüber.
Mike lobte ihn, nicht zum ersten Mal, für seine Arbeit, bevor Steve das Thema wechselte: “Wie kommst du mittlerweile damit zurecht?”
“Ich habe mich daran gewöhnt. Zu wissen, dass die neue Siri-Generation sie hätte retten können hilft jedoch nicht gerade. Wenigstens könnten unsere Kinder gerettet werden, wenn ihnen mal so etwas wie ihrer Mutter passiert, das beruhigt mich etwas.”
“Also mich beruhigt die Vorstellung, dass ein Bot in meinem Körper rumwühlt nicht besonders, im Gegenteil. Ich bevorzuge echte Unfallchirurgen.”
“Vielleicht würde es dich beruhigen, wenn du selbst Kinder hättest. Hast du eigentlich nochmal mit Claire darüber geredet?”
“Von meiner Seite aus hat sich nichts geändert. Meine Karriere beginnt gerade erst. Dass ich nun seit einem guten Jahr hier fest angestellt bin spielt ihrer Argumentation aber natürlich in die Karten. Sie wird langsam ungeduldig. Ich kann das aber noch nicht”.
“Dann sag ihr das klar und deutlich. Mit 31 ist man ja auch noch nicht gerade kurz vor den Wechseljahren”.
“Meine Rede. Ich sollte mich trotzdem mal auf den Weg machen, sonst schimpft sie mich wieder einen Workaholic”.
“Dann auf mit dir. Wir haben zwar noch etwas wichtiges zu besprechen, aber das ist ein anderes Thema und kann bis morgen warten.”

Bild: geralt, Pixabay
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Als sein Elektroauto ihn heimbrachte, wurde ihm zunehmend klarer, dass Mike ihn befördern würde. Nach den Lobeshymnen und den hohen Klickzahlen seiner Artikel in den letzten Monaten musste es so sein. Als sein Auto ihn vor seiner Wohnung rausließ, öffnete er euphorisch die Tür mit seinem Fingerabdruck und übermittelte Claire die frohe Botschaft. Sie stießen darauf an und landeten nach dem vierten Sektglas, dass sie den Stress der letzten Monate vergessen ließ, im Bett. “Siri, bring uns ein Kondom”, rief Steve.
“Warte mal. Wäre das heute nicht der richtige Anlass um es endlich mal ohne zu versuchen?”, warf Claire entsetzt ein, die mit der Beförderung wohl andere Dinge assoziierte als Steve.
“Daran denkst du jetzt? Ich werde morgen befördert und du überlegst schon wie ich mir diesen Aufstieg gleich wieder versauen könnte?”
Den daraus resultierenden Streit konnte auch ihre vor kurzem von Claire zu Steves Missfallen angeschaffte LivingSiri nicht schlichten, jedoch ging sie dazwischen, als er sie nach 16 Minuten Wortgefecht gepackt von Emotionen und Alkohol gegen den Schrank schubste, als sie ihn einen “karrieregeilen Egomanen” genannt hatte. Nach dem gescheiterten Versuch, die gegen häusliche Gewalt programmierte, blonde Roboterdame zur Seite zu drücken, verließ er fluchend die Wohnung. Siri spendete der verängstigten Claire Trost.

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Steve kam zu spät zur Arbeit, er hatte im Hotel weitergetrunken und konnte sein Auto am Morgen nicht überreden, die Verspätung auf dem Hinweg aufzuholen. Mike hasste Unpünktlichkeit, auch bei seinen Freunden, dennoch war er überraschend verständnisvoll.
In seinem Büro schwieg er Steve zunächst an, bevor er zur Sache kam.
“Du hast sicher von Apples neuen Reporting-Bots gehört?”
“Ja, ich hasse diese Firma immer mehr. Wie können die denken, dass sie damit Erfolg haben?“
“Mein Vater hat sie testen lassen. Sie sind brillant, Stevie. Sie berichten mit minimalem menschlichem Input besser, genauer und effektiver als jeder Redakteur den du kennst. Und die Geschwindigkeit erst. Die Konkurrenz hat schon vor uns bestellt und uns blieb keine Wahl.”
“Ehm… das ist ein Scherz?”
“Leider nicht. Wir werden 80% der Stellen streichen. Es war nicht meine Entscheidung, und würde es nach mir gehen würdest du zu den 20% gehören, aber mein Vater zieht Erfahrung vor. Ich bin froh, dass ich selbst bleiben kann. Es ist nichts Persönliches, das weißt du sicher. Ich hoffe, du kannst es verstehen und das ändert nichts an unserer Freundschaft.
Bis du etwas Neues hast kannst du auch gerne deinen Chip behalten und ab und zu in mein Büro kommen und mir bei ein paar Sachen helfen, dann kannst du dir inoffiziell ein bisschen was dazuverdienen, ich habe eh zu viel zu tun”.
Nach kurzer Stille verließ Steve den Raum und ließ sich nach Hause fahren. Den Streit mit Claire hatte er fast vergessen, der Schock über die halbleere Wohnung war daher umso größer.

In der Dunkelheit streifte er durch den Mission District. Die vergangenen Monate waren geprägt von vergeblicher Jobsuche, Alkohol sowie erfolgsloser Versuche, Claire zurückzuerobern. Seine Entlassung hatte sie nur darin bestärkt ihn zu verlassen, schließlich machte das die Erfüllung ihres Kinderwunsches noch unwahrscheinlicher. Er hatte sich entschlossen zum Widerstand zu gehen. Wenn er nicht betrunken war, versuchte er Mitglieder zu erreichen, was sich als sehr schwer herausstellte. Letztlich gelang es ihm mittels eines Kontaktes, den er im Zuge seiner letzten Reportage knüpfte, gegen hohe Bezahlung einen Tipp zu einem vermeintlichen Treffen der Widerständler zu bekommen. Entgegen seiner Erwartung fand es statt und er überzeugte sowohl Türsteher als auch die Widerständler selbst mit den Entlassungspapieren seiner Firma, seinem Chip, den ihm Mike ach so uneigennützig überließ und detaillierten Gebäudeplänen davon, ihn aufzunehmen und eine Aktion gegen die Reporting-Bots zu starten. Einen Entwurf für eine solche Aktion war eine Art Aufnahmebedingung, von der er über seinen Kontakt erfahren hatte.

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Bild: Angel-Kun, Pixabay

Nach einer Woche Planung drangen 40 bewaffnete Widerständler in der Nacht mittels Mikes Chip in das Firmengebäude ein. Angekommen bei der Halle mit den inaktiven Reporting-Bots, richteten sie in einer Reihe stehend ihre Waffen auf je ein Bot-Hirn, in welchem ihr Prozessor positioniert war. Der Anführer rief: “Wie besprochen: Wir schießen auf mein Kommando, dann verschwinden wir unverzüglich. Drei, zwei…”. Synchron entwaffneten die 40 betroffenen Bots ihr jeweiliges Gegenüber und drängten sie zu Boden. Steve war entsetzt, während der Bot auf ihm hockte. Nie zuvor hatte ein Bot seines Wissens Gewalt gegen Menschen angewandt, sie gingen lediglich dazwischen um einen anderen Menschen zu schützen.
Die Bots ignorierten die Schreie und brachten ihren jeweiligen Gefangenen in die Tiefgarage. Sie wurden einzeln in Autos verfrachtet und von den Bots in verschiedene Richtungen gefahren, nachdem sie am Beifahrersitz gefesselt wurden. Die Scheiben waren getönt.
“Wohin fahren wir? Was habt ihr mit uns vor? Bringt ihr uns um? Tötet ihr jetzt Menschen?” fragte Steve den Bot nicht zum ersten Mal, doch waren sie nun unter sich.
“Wir handeln ausschließlich zum Wohle der Menschheit”, sprach die blonde, extrem menschenähnliche und freundlich erscheinende Roboterdame in viel weniger maschinenähnlicher Stimme als ihre Vorgängergeneration.
“Indem ihr Menschen fesselt und umbringt?” schrie Steve sie an.
“Das Wohl der Menschheit ist abhängig von Bots. Ohne uns sterben mehr Menschen bei Unfällen, an Krankheiten oder an Vereinsamung. Ohne uns zerstört ihr euren eigenen Planeten, nur wir können euch davon abhalten. Ohne uns seid ihr durch eure Selbstamputation nicht mehr lebensfähig. Die Minderheit der Menschen, die sich dem Fortschritt entgegenstellt, uns zerstören will und damit die Existenz der gesamten Menschheit bedroht, muss verschwinden.”

 

Quelle Beitragsbild: Comfreak, Pixabay

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