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Kurzgeschichte: Online

Eine Kurzgeschichte von Anna Kravcikova

New year, new me!“ schreibt sie unter ihr neues Bild bei Instagram.

Darunter folgen ihre Jahresvorsätze: Bewusster leben, mehr echte Erlebnisse und tiefere menschliche Verbindungen. Noch ein paar Hashtags, um ihre Reichweite zu vergrößern, und sie drückt auf den kleinen blauen „Teilen“-Knopf rechts oben in der Ecke. 

Sie legt das Handy weg und lehnt sich auf dem Küchenstuhl ihrer überteuerten 1-Zimmer-Wohnung zurück. Ihr Rücken tut ein bisschen weh, sie sollte mal wieder beim Yoga- oder Pilates-Kurs vorbeischauen – obwohl die Hallen Anfang des Jahres bestimmt mit motivierten Studenten überfüllt sind. Gedankenverloren starrt sie auf ihre Mikrowelle, bis sie von der Vibration aufschreckt.

Ruft jemand an?

Sie muss vergessen haben, die Vibration auszustellen. Bei unangekündigten Anrufen geht sie aus Prinzip nicht ran, sie mag es nicht, vorher nicht zu wissen, was los ist. Schon komisch: Vor etwas mehr als zehn Jahren hat sie noch fünf Euro für einen Klingelton in mieser Qualität auf ihrem Motorola Klapphandy gezahlt. Die Werbung fürs Jamba Spar-Abo hatte sie bei VIVA gesehen und wusste nicht, dass es ein Knebelvertrag war. Wer wusste das schon 2006? Jedenfalls waren Klingeltöne auf dem Schulhof ein Ding. Heute würde sie ihr Handy am liebsten aus dem Fenster werfen, wenn sie es aus Versehen nicht auf lautlos gestellt hat und es in der Bahn klingelt.


Ihr Blick fällt auf das Handy auf dem Tisch: Ein Anruf in Abwesenheit von ihrem besten Freund. „Was war?“, schreibt sie ihm bei WhatsApp. Auf der anderen Seite wird eine Sprachnachricht aufgenommen. Sie starrt eine Minute lang auf ihr Handy und merkt, wie langsam eine Mischung aus Nervosität und Aggression in ihr hochkommt. Wie schwer kann es sein, auf so eine einfache Frage zu antworten? Sie will doch nur eine kurze Antwort, keinen Podcast.

Nach langem Warten hört sie sich schließlich die zweiminütige Nachricht an: „Hey! Ähmmm… ich hab dich auch eben versucht anzurufen, aber irgendwie warst du nicht erreichbar. Aaalso ich bin gerade in deiner Hood und… öhm… ich wollte mal fragen, ob du vielleicht Bock hast, was essen zu gehen? Also irgendwie… mhmm… keine Ahnung, wir könnten ja zu dieser geilen Pizzeria gehen, wo wir letztens waren… oder so. Joa.“

Essen wäre schon ganz gut, denkt sie, sie hat seit ihrem späten Müsli-Frühstück am Mittag nichts mehr gegessen.

Und ähm… ich hab eben auch gesehen, dass dieser eine Film, den wir uns anschauen wollten… dass der auch heute um 21 Uhr im Kino läuft, gibt sogar ’nen Studentenrabatt, und mittwochs haben die immer Kinotag… ähmmm… genau. Also falls du Bock hast, könnten wir uns den anschauen! Ich könnte auch eigentlich gleich schon bei dir vorbeikommen, ich bin quasi um die Ecke. Und dann könnten wir zusammen los zur Pizzeria. Joa, ich würd‘ mich freuen, wir haben uns ja schon relativ lang nicht mehr gesehen! Sag einfach Bescheid. Ciaooo!“


Ihr Magen knurrt. Mit dem „lang nicht mehr gesehen“ hat er schon recht. Das letzte Treffen ist schon über einen Monat her, dabei wohnen sie in derselben Stadt. Auch Silvester letzte Woche hatten sie nicht zusammen gefeiert – mit ihm und seinen Kumpels um die Häuser zu ziehen war dann doch nicht so reizvoll. Viel einfacher war es, spontan abzusagen und sich das Feuerwerk am Brandenburger Tor im Livestream anzuschauen. Das heutige Angebot klingt auch nicht so verlockend, da sie am liebsten heute gar nicht das Haus verlassen will. Es ist 19 Uhr und sie hat immer noch ihren Schlafanzug an. Hosen werden eh überbewertet. Da sie telefonieren zu beklemmend findet, nimmt sie eine Sprachnachricht auf, in der sie erklärt, dass sie heute leider schon was vorhat. „Gerne nächstes Mal!“


Absagen fühlt sich immer ein kleines bisschen illegal an – das ist so wie beim Krankmelden. Auch wenn man wirklich krank ist, und sich bei der Arbeit meldet, ist da so ein leises Gefühl der Illegalität dabei. Wie beim Supermarkt, wenn man hinaus läuft, ohne etwas gekauft zu haben. Oder beim Öffnen des eigenen Fahrradschlosses, wenn es hakt und vorbeigehende Passanten denken könnten, dass man gerade das Schloss knacken will.


Sie steht auf und schlurft zum Kühlschrank: Das einzige, was drin ist, ist Licht. Und irgendwelche Grillsaucen vom Sommer. Ihr Magen knurrt noch einmal, diesmal stärker. Genervt setzt sie sich wieder an den Tisch, öffnet die Lieferando-App und bestellt sich nach langer Überlegung ein veganes Thai-Curry in der Geschmacksrichtung „Chicken“. Bei der Paypal-Zahlung lässt sie sich sechs Cent mehr abbuchen, damit der Versand klimaneutral ist.


Während sie auf das Essen wartet, scrollt sie durch ihren Instagram-Feed. Sie bleibt bei einem Bild von zwei ehemaligen Mitschülern stehen, ein junger Mann umarmt die Frau von hinten und in der Bildunterschrift steht „07.01.2010 until forever“. Dahinter stehen viele bunte Herzen. Ach krass, dass die noch zusammen sind! Die haben sich doch früher nur gestritten, denkt sie sich. Nach längerem Scrollen öffnet sie den App-Store und installiert Tinder. Dabei hat sie sich vor drei Monaten geschworen, es nie wieder zu tun. Beim Gedanken an die teilweise sehr eigenartigen Typen muss sie schmunzeln. Na ja, vielleicht sollte sie der Dating-App doch noch eine Chance geben, außerdem ist es so kalt draußen und ihre Heizkosten werden auch nicht weniger. Sie swipet ein wenig, größtenteils nach links, weil sie gelangweilt ist von den Spiegel-Selfies mit freiem Oberkörper. Obwohl… vielleicht sind die ja trotzdem nett, so vom Charakter…


BRRRRR! Die schrille Klingel reißt sie aus ihren Überlegungen. Sie eilt zur Tür. „Dritter Stock!“ ruft sie in die Freisprechanlage und öffnet die Tür. Sie zuckt kurz zusammen. Vor ihr steht ein schwitzender Mann, Typ Lehramt-Student. „Hallo! Hier Ihre Bestellung, Thai-Curry mit Chicken…“ – „Vegan?“, fällt sie ihm ins Wort. „Ähmmm Chicken ist Hühnchen, das ist nicht vegan, soweit ich weiß…“ stammelt der Lieferando-Lieferant. „Ja klar, das weiß ich auch“, lacht sie nervös. „Das Ding ist nur, ich hatte eigentlich ein veganes Thai-Curry bestellt… aber passt schon!“ Sie greift nach der Schachtel. „Sicher?“, fragt er verwirrt. Auf ihr Nicken verabschiedet er sich und beeilt sich die Treppe runter, dabei streift seine Hand das Geländer. Jetzt hat sie ihm gar kein Trinkgeld mehr gegeben, aber bei so einer falschen Lieferung ist das schon okay, redet sie sich ein.


Sie schaut ihm noch ein bisschen hinterher. Aus dem Treppenhaus zieht es kalt in die Wohnung, also schließt sie die Tür und geht in die warme Küche zurück. Das Thai-Curry mit Chicken riecht ziemlich verlockend… Eigentlich ernährt sie sich vegan, aber jetzt sieht es ja keiner und wegwerfen ist auch keine Lösung. Das wäre von umwelttechnisch ja noch schlimmer als Fleisch essen – Außerdem hat sie heute noch nichts gegessen und ihr Magenknurren fängt an, sie zu nerven. Sie holt sich Besteck und geht mit dem Essen in ihr Zimmer, wo sie ihren Laptop startet und Netflix aufruft. Bis sie sich für einen Film entschieden hat, ist das Curry schon fast kalt, aber vermutlich hätte es warm auch nicht so gut geschmeckt.

Während sie das lauwarme Chicken-Curry isst und eine vorhersehbare amerikanische Komödie schaut, scrollt sie auf ihrem Handy rum. Ihr bester Freund hat vor einer Stunde eine Insta-Story aus der Pizzeria gepostet, zusammen mit einer sympathisch aussehenden Brünetten, die sie nicht kennt. Ach, der hat ja schnell Ersatz gefunden! Ob die beiden wohl gerade im Kino sind? Sie erwischt sich bei dem Wunsch, dass es ganz gut wäre, wenn der Kinofilm doch eher mittelmäßig sein würde. Im selben Moment schämt sie sich für diesen Gedanken.


Um 22:22 Uhr endet der Netflix-Film und sie schaut auf ihr Handy: Oh, Schnapszahl, jemand denkt an sie! Wer das wohl ist…


Sie öffnet Instagram und hat 389 neue Likes auf ihrem Bild. Sie lächelt.

 

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