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Kurzgeschichte: Geburtstagskind

Eine Kurzgeschichte von Chiara Pas

Der Tag, den Jakob von nun an als seinen neuen Geburtstag bezeichnen würde, war ein Dienstag.

Gut, seine grauen Augen waren immer noch umgeben von dunklen Schatten, seine ohnehin schon blasse Haut war beinahe gespenstisch bleich. Aber er sah besser aus. Definitiv. Mit verschränkten Armen betrachtete er das Bild von sich, das sich in der Glastür der Schule spiegelte.

Heute würde er endlich zurückkehren. Der erste Tag in der Schule seit Monaten. Nach einer langen Zeit, die er zur Erholung gebraucht hatte. Tief atmete er ein und aus. Ab heute würde alles wieder besser werden. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Spiegelbild aus. Er war endlich zurück. Und Gott, er freute sich darüber. Freute sich auf seine Kumpels, auf seinen Alltag – und vor allem auf sie. Alea, seine Freundin.

Er schenkte seinem Spiegelbild nochmal ein aufmunterndes Nicken. Dann langte er nach dem Türgriff und schwang die Tür auf.

***

Wenn sie alle nur aufhören würden, ihn so anzusehen.

Genervt sah Jakob in die Runde, beobachtete, wie ein paar von ihnen plötzlich in eine andere Richtung sahen. Er atmete tief ein und aus und schüttelte den Kopf. Dass seine Mutter ihn so besorgt ansah – okay. Aber seine Freunde? Er hatte gedacht, dass sie sich freuen würden, ihn wiederzusehen. Doch kaum einer traute sich, ein Wort mit ihm zu wechseln.

„Leute, ein Autounfall ist nicht ansteckend, ihr könnt schon mit mir reden“, stieß er bitter aus.

Ja, der Unfall im Januar war schrecklich gewesen, das wusste er selbst. Er war auf dem Rückweg von einer Party gewesen, war eine dunkle Landstraße entlanggefahren, als es passierte. Jakob hatte nicht getrunken, das tat er nie. Aber er hatte den LKW, der auf dem glatten Asphalt den Halt verloren und hinter einer Kurve quer über der Straße zum Stehen gekommen war, zu spät gesehen. Er hatte sich nicht retten können. Ein schrilles Quietschen, dann ein metallenes, ohrenbetäubendes Scheppern. Jakob schwirrte das Geräusch immer wieder durch den Kopf, ließ ihn nicht vergessen, was passiert war.

Entschlossen schüttelte er sich. Er würde heute nicht daran denken. Heute war sein Geburtstag. Und das sollten seine Freude auch verstehen. So schrecklich es gewesen war, er war wieder da.

„Das wissen wir doch, Jakob“, antwortete Matteo – sein bester Freund und anscheinend der Einzige, der seine Stimme wiedergefunden hatte. Doch auch aus seinen Worten konnte er Besorgnis heraushören. Verflucht, er wollte ihr Mitleid nicht. Er wollte wieder ein normales Leben. Was verstanden sie daran nicht?

„Ach, lasst mich doch alle in Ruhe.“ Es reichte ihm endgültig. Er hatte keine Lust mehr, angestarrt zu werden. „Ich geh‘ Alea suchen.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und ignorierte das aufgeregte Murmeln, das hinter ihm anschwoll. Sollten sie sich doch alle das Maul über ihn zerreißen.

Fluchend schritt Jakob über den Schulhof und hielt nach einer gewissen, braunen Lockenmähne Ausschau. Sie hatte nicht auf ihn gewartet. Aber das war normal, Alea war kein Mädchen, das auf jemanden wartete. Mit wachsender Vorfreude suchte Jakob nach ihr – und fand sie nirgends. Genervt zog er schließlich sein Handy hervor und verfasste eine Nachricht an sie.

Ich bin in der Schule. Wo bist du? Ich will dich sehen.

Er steckte sein Handy wieder in die Tasche, als ein Läuten das Ende der Pause ankündigte. Grübelnd schritt er durch die Korridore. Wo konnte sie nur sein?

***

Foto: Pixabay
Foto: Pixabay

Sie hatte seine Nachricht immer noch nicht gelesen.

Nachdenklich kickte Jakob einen Stein, der auf dem kleinen Waldweg lag, vor sich her. Nach der Schule hatte er sich für einen Spaziergang entschieden, um den Blicken der anderen zu entgehen. Er wollte allein sein – und nachdenken.

Wo steckte sie nur? Seufzend versuchte er, sich zu erinnern. Alea hatte solche Dinge schon oft gemacht. Verrückte Schnitzeljagden, Rätsel, die beinahe unlösbar waren, Aufgaben, die ihn irgendwo hinführen sollten. Sie liebte Geheimnisse. So sehr. Wie schreib es John Green in einem seiner Romane noch gleich? Maybe she loved mysteries so much that she became one.

Jakob schüttelte den Kopf. Er musste dieses Rätsel knacken.

Suchend ließ er seinen Blick durch die Bäume streifen. Doch alles war wie immer. Und so senkte er seinen Blick wieder gen Boden und schlenderte langsam den Weg entlang – bis er es plötzlich sah.

Einen Pfeil. Er war mit Kreide auf das Pflaster gemalt und zeigte in den Wald hinein. Ein aufgeregtes Kribbeln ergriff Besitz von seinem Körper und plötzlich wurde ihm ganz warm. Konnte er das sein? Der Hinweis, auf den er gewartet hatte? Es wäre nicht das erste Mal, dass Alea Kreide benutzte, um ihn auf die richtige Spur zu locken.

Foto: Pixabay
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„Hey Jakob“, riss ihn eine Stimme plötzlich aus seinen Überlegungen. Er wandte sich um – und erblickte Matteo, der auf ihn zu kam.

„Matteo?“, fragte Jakob verwirrt. Was wollte er hier? Er sah wieder hinunter zum Pfeil. Konnte es sein, dass Alea ihn schickte? Dass er ihn leiten sollte? Diebisch grinste er, als er zu seinem Kumpel aufblickte, der nun neben ihm zum Stehen kam.

„Was zur Hölle machst du hier?“, entgegnete dieser.

„Ich suche Spuren“, antwortete Jakob und beschloss nun, dem Pfeil zu folgen. Weiter in den Wald hinein.

„Spuren?“, fragte Matteo, der ihm nachsetzte. „Was für Spuren denn?“

„Du weißt genau, was ich meine“, antwortete Jakob, ohne sich beirren zu lassen. Sie konnten ihn nicht hinters Licht führen.

„Nein, weiß ich zufällig nicht“, stöhnte sein Freund genervt.

Jakob seufzte und blieb nun stehen, um seinem Kumpel in die Augen zu sehen.  „Ich weiß, was hier gespielt wird. Ihr plant irgendwas. Alea hat wieder Spuren gelegt und ich soll das Rätsel lösen. Deswegen wart ihr heute auch alle so verhalten und sie war nicht da.“

Bevor Matteo irgendetwas antworten konnte, war er bereits weitergegangen. „Ich muss sie finden“, murmelte er leise für sich. Denn das musste er wirklich. Vielleicht liebte auch er Geheimnisse so sehr, dass er immer wieder seinen Weg zur ihr zurückfinden würde.

Und deshalb kämpfte er sich durch das Dickicht, ignorierte Matteos mahnende Worte, die ihn aufhalten wollten. Er suchte nach Spuren, fand sie schließlich in einem schlaffen Luftballon, weiteren Kreidezeichen und andere Dingen, die sicher nicht zufällig hier im Wald lagen. Jakobs Aufregung stieg. Er wusste, dass er ihr auf der Spur war.

Matteo war schließlich verstummt, folgte ihm aber weiterhin. Bis Jakob schließlich aus dem Wald heraus auf einen gepflasterten Gehweg stolperte. Er hatte es geschafft! Hier musste sie sein!

Fragend sah er sich um, während Matteo neben ihm auf dem Gehweg ankam. Er erblickte eine kleine Kapelle, eine Art Park und viele Kerzen, deren Lichter im Wind leicht flackerten. Und Grabsteine. Viele Grabsteine. Er war auf dem Friedhof. Was zur Hölle suchte er auf dem Friedhof?

„Das ist mal eine originelle Idee“, witzelte er und sah Matteo an. „Wollt ihr mir Angst einjagen?“

Matteo antwortete nichts. Sah ihn einfach nur an. Jetzt war Jakob jedoch mit seiner Geduld am Ende. Er wollte nicht mehr warten. Er wollte nur zu ihr.

„Raus mit der Sprache. Wo hat sie sich versteckt? Und wo sind die anderen?“

Matteo seufzte und rieb sich die Augen. Mit einem Mal sah er sehr müde und viel älter aus. Dann blickte er seinen besten Freund wieder an. „Ich bringe dich zu ihr.“ Langsam ging Matteo voran, schritt an den Grabsteinen vorbei, bis er schließlich rechts abbog und durch eine der Reihen ging. Aufgeregt schaute Jakob sich um. Was hatten sie nur mit ihm vor? Auf eine solch verrückte Idee war Alea bisher noch nicht gekommen.

Foto: Pixabay
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„Hier ist sie“, seufzte Matteo schließlich und blieb inmitten einer Reihe plötzlich stehen. Verwirrt sah Jakob sich um. Hier war niemand.

„Verarsch‘ mich nicht, Matteo“, sagte er genervt und blickte seinen besten Freund an, der ihn aber völlig ernst ansah. Jakob bemerkte, dass er auf etwas deutete und folgte seinem Arm, bis er sah, worauf Matteo zeigte.

Auf einen Grabstein. Einen Grabstein mit einem Namen. Alea Klein.

Jakob verstand gar nichts mehr. Wieso stand ihr Name auf diesem Grabstein? Er schlug die Hände vor sein Gesicht. Er wollte das nicht sehen. Was für ein übler Scherz war das? Sein Herz raste unkontrolliert in seiner Brust, er spürte, wie sich Kälte in seinem Brustkorb ausbreitete. Seine Kehle schmerzte, das Luftholen fiel ihm schwer.

„Sie ist tot, Jakob”, erklang plötzlich wieder Matteos leise Stimme. „Sie saß neben dir, sie war Beifahrerin, als der Unfall passiert ist. Während du nur knapp überlebt hast, hat sie –” Seine Stimme brach. Matteo atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand an die Nasenwurzel. Dann sah er Jakob wieder an, seine Augen glitzerten. „Nachdem du aus dem Koma aufgewacht bist und dich ein wenig erholt hattest, da haben wir es dir gesagt – doch du wolltest es nicht glauben. Du warst davon überzeugt, es sei wieder ein Rätsel, dass du knacken solltest. Ich dachte, jetzt, nachdem du so lang in Behandlung warst, hättest du es verarbeitet. Ich dachte, du wüsstest es und es ginge dir besser. Aber kaum warst du heute in der Schule, ging alles wieder von vorne los.“

Jakob spürte, wie sein bester Freund näher an ihn herantrat, und seine Arme um ihn legte. „Und ja, wieder hast du das Rätsel gelöst, Jakob. Du hast sie gefunden.“

Jakob hörte seine Worte kaum, doch sie ließen seine ganze Welt in sich zusammenfallen. Zitternd lehnte er sich gegen seinen Freund, während die Erinnerungen auf ihn einprasselten. Bilder, die vor seinem inneren Auge aufflackerten und dann wieder verschwanden. Ihr strahlendes Gesicht und die kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, als sie sich lächelnd und leicht angetrunken in sein Auto setzte. Ihr friedliches Gesicht, als sie nach wenigen Minuten eingeschlafen war – wie immer, wenn sie im Auto mitfuhr. Wie er den LKW entdeckte und mit aller Kraft panisch auf die Bremse trat. Seinen Schrei. Ein schrilles Quietschen, dann ein metallenes, ohrenbetäubendes Scheppern. Dunkelheit.

Nein, heute war nicht sein Geburtstag. Heute war der Tag, an dem sein Innerstes starb.

Beitragsbild: Pixabay

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