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Kurzgeschichte: Eis und Sonne

Ein Tag, der schon nicht gut anfängt. Übermüdet durch den dicken Nebel im zugefrorenen Auto zur Arbeit fahren. Doch dann nimmt der Tag eine unerwartete Wendung und wird zum Schönsten seit langer Zeit. Aber war das alles nur ein Traum?

Eine Kurzgeschichte von Anika Peltzer

Der Wecker riss mich aus einem tiefen Traum. Ich war gerade in einem Gespräch mit meiner Chefin gewesen – sie hatte mich dafür kritisiert, dass ich seit Wochen keine kreativen Einfälle für neue Geschichten mehr hätte. So ganz weit weg von der Realität war der Traum ja nicht gewesen. Was für ein toller Start in den Tag. Müde rieb ich mir den Schlaf aus den Augen und überwand mich langsam aufzustehen. Der Blick auf die Uhr: 6:30 Uhr. Um diese Uhrzeit sollten Menschen noch nicht wach sein. Das war gegen die Natur. Zumindest fühlte es sich so an. Ich hatte die ganze Nacht kaum geschlafen, viel zu viele Gedanken hatten mich wach gehalten und waren dann in Träume übergegangen – Alpträume, die mich wiederum erneut aus dem Schlaf gerissen hatten. Ein Teufelskreis, der mir den Schlaf raubte. Eigentlich wie jede Nacht in letzter Zeit. Und jetzt musste ich todmüde und mit Kopfschmerzen zur Arbeit fahren. Eigentlich wie jeden Tag in letzter Zeit. Schnell noch unter die Dusche springen und dann nichts wie los.

Ich riss meinen Mantel von der Garderobe und eilte zum Auto. Nur um festzustellen, dass es in der Nacht scheinbar zugefroren war. Also erst mal kratzen. Na super – dafür hatte ich jetzt eigentlich überhaupt keine Zeit mehr. Genervt kramte ich den Eiskratzer aus meinem Handschuhfach und fing an, die Windschutzscheibe vom Eis zu befreien. Die stechende Kälte ließ meine Finger schnell taub werden. Hätte ich mal an Handschuhe gedacht. „Würdest du überhaupt mal an etwas denken,“ sagte die Stimme in meinem Kopf. Dieselbe Stimme, die mir schon seit Wochen Vorwürfe machte. Ein kleines Loch hatte ich auf der Fahrerseite freigekratzt. Das musste reichen. Für mehr war wirklich keine Zeit mehr. Außerdem glaubte ich langsam, einige meiner Finger zu verlieren, wenn ich noch weitermachte. Also ab ins Auto und nichts wie los. Ich wollte ja schließlich nicht schon wieder fürs Zuspätkommen einen Anschiss kassieren.

Ich bog auf die Landstraße ab, die ich jeden Morgen zur Arbeit entlangfuhr. Um diese Uhrzeit war es hier meistens etwas nebelig. Aber heute schien es ganz besonders schlimm zu sein. Na toll, ich konnte gerade mal zwei Meter weit sehen. Dass ich nur ein kleines Loch auf meiner Frontscheibe vom Eis befreit hatte, half meinem Sichtvermögen natürlich auch nicht besonders. Naja, halb so wild – schließlich waren es ja nur noch ein paar Minuten bis zur Redaktion. Plötzlich entdeckte ich etwas auf der Fahrbahn nur wenige Meter vor mir – scheiße, war das ein Reh? Ich konnte nur vage Umrisse erkennen, aber da war etwas. Reflexartig bremste ich ab, aber es war zu spät, um noch zum Stehen zu kommen – Mist, ich riss das Lenkrad nach rechts, um auszuweichen. Aber der Wagen rutschte auf der glatten Fahrbahn weiter. Ich verlor die Kontrolle. Oh Gott – Panik machte sich in mir breit. Ich konnte weder lenken, noch zum Stehen kommen. Ich fing an laut zu schreien, als ich sah, dass der Baum am Straßenrand scheinbar in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit auf mich zuraste. WUMS. Und dann war alles schwarz.

Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich langsam wieder etwas sehen. Alles war ziemlich verschwommen, aber trotzdem war ich mir sicher: Ich stand in der Redaktion auf der Arbeit. Wie war ich hier hingekommen? War nicht irgendwas auf dem Weg passiert? Verwirrt blickte ich mich um. Etwas war anders als sonst. Ich versuchte, genauer hinzusehen und mich zu konzentrieren, aber es war immer noch alles ziemlich undeutlich. Irgendwie wirkte alles heller und fröhlicher – der Weihnachtsbaum am Empfangstresen, die Lichterketten, die die Fenster umrahmten, sie gefielen mir viel besser als sonst. Ich fühlte mich plötzlich von einer Wärme umarmt, die ich nicht erklären konnte und die ich schon seit langem nicht mehr gespürt hatte. Da waren einige Kollegen von mir. War das nicht Peter? Ich konnte ihn nicht genau erkennen. Aber irgendwie gefiel mir dieser verschwommene Schleier vor meinen Augen. Er machte alles weicher und sanfter, entspannter. Jetzt kam meine Chefin mit einem fröhlichen Lächeln auf mich zu: „Guten Morgen, tolle Reportage übers Lachyoga, die Sie da geschrieben haben! Aber Sie haben doch heute Urlaub – gehen Sie doch wieder nach Hause“. Verdutzt starrte ich sie an – hatte ich Urlaub? Scheinbar.

Foto Kurzgeschichte 2
Foto: Anika Peltzer

Na gut, ich ging wieder zur Tür hinaus. Aber wo hatte ich denn mein Auto geparkt? War ich überhaupt damit gekommen? Irgendwie machte das alles keinen Sinn. Ich ging ein paar Meter die Straße auf und ab, um mein Auto zu suchen. Nirgendwo zu sehen. Ich schaute um die Ecke an einem Gebäude vorbei, das ich hier noch nie gesehen hatte. Obwohl ich doch schon seit zehn Jahren hier arbeitete. Merkwürdig. Dann ging ich eine kleine Gasse entlang. Da hinten, da war doch das Haus, in dem ich wohnte! Wie konnte das denn sein, war ich schon so weit gelaufen? Seltsam, aber ich freute mich schnell nach Hause zu kommen. Auch wenn ich keinen Schlüssel hatte – sowieso hatte ich überhaupt nichts dabei, nicht mal eine Jacke. Aber die brauchte ich auch nicht, die Sonne strahlte mir warm ins Gesicht. Dabei hatte es doch vorhin noch gefroren. Zum Glück stand die Haustür offen. Zügig ging ich die Treppen hoch in den dritten Stock zu meiner Wohnung. Gerade angekommen, öffnete sich meine Wohnungstür von Innen.

Und da stand Sophia. Was machte sie hier? Wir hatten uns doch vor einigen Monaten getrennt. Verdutzt starrte ich sie an. Sie hatte mich gesehen und lachte mich freudestrahlend an. Ihre Haare wehten im Wind und sie trug ein weißes Sommerkleid. Irgendwie sah sie noch viel schöner aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie stürmte fröhlich auf mich zu. Sehr schnell, aber sie rannte nicht, irgendwie schien sie eher zu schweben. Sie schlang mir ihre Arme um den Hals, drückte mich fest an sich und küsste mich sanft auf die Wange. Ich fühlte, wie mich eine innere Wärme erfüllte und war einfach nur glücklich. So glücklich war ich lange nicht mehr gewesen, oder vielleicht sogar noch nie. Ich wusste nicht, was hier vor sich ging, warum Sophia hier war, warum sie mich umarmte, so als wäre nie etwas zwischen uns passiert, aber es war mir auch egal. Es fühlte sich gut an und ich war endlich nochmal glücklich. Ohne ein Wort zu sagen, löste sie sich schließlich wieder aus der Umarmung, griff meine Hand und zog mich hinter sich her in die Wohnung. Drinnen war es plötzlich unglaublich hell, aber mir gefiel das. Ich kniff die Augen zusammen und konnte Sophias Umrisse vor mir sehen und ihre Hand an meiner spüren. Doch dann wurde es noch heller und ich musste die Augen schließen.

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Plötzlich hatte ich das Gefühl zu fallen, als hätte sich einfach der Boden unter meinen Füßen geöffnet. Ich fiel immer tiefer und tiefer. Was passierte hier? Ich konnte meine Augen nicht öffnen, so sehr ich es auch versuchte. Ich wollte schreien, aber es kam kein Ton aus meinem Mund. Panik stieg in mir hoch, was war los, wieso konnte ich nichts sehen? Ich bemerkte, dass Sophias Hand immer noch auf meiner lag und beruhigte mich ein bisschen. Dann plötzlich landete ich weich und meine Augen öffneten sich endlich. Aber es war wieder so verdammt hell, dass ich nichts erkennen konnte. Ich hörte Stimmen um mich herum, auch wenn alles sich irgendwie dumpf anhörte, als hätte ich ein Kissen auf die Ohren gepresst. Langsam wurden sie lauter und klarer und auch meine Augen gewöhnten sich an die Helligkeit. Ich merkte, dass ich auf dem Rücken lag. Um mich herum standen viele Menschen, die auf mich einredeten, an mir schüttelten und irgendwie hektisch wirkten. Ich sah zur Seite, und da saß tatsächlich Sophia, die immer noch meine Hand hielt. Gott sei Dank war sie da. Ich schaute in ihr Gesicht. Sie hatte sich verändert, in ihrem Blick war nichts mehr von dem Frohsinn und der Leichtigkeit zu sehen. Stattdessen waren ihre Augen weit aufgerissen vor Angst und rot umrandet, als hätte sie geweint. Ich wollte sie fragen, was los ist, sie trösten und in den Arm nehmen. Doch die ganzen Leute ließen mich nicht los. Ich versuchte, mich zu konzentrieren und zu verstehen was sie sagten. „…Hören Sie mich… Krankenhaus… hatten einen Unfall…“ drangen einige Worte langsam zu mir durch.

Unfall? Ich versuchte mich zu erinnern. Die letzten Stunden war ich so glücklich gewesen wie lange nicht mehr. Ein Unfall passte so gar nicht in meine Erinnerung. Ich schaute wieder zu Sophia. Sie sah immer noch so besorgt aus, jetzt rollte ihr sogar eine einzelne Träne die Wange runter. Nicht weinen, es ist doch alles gut, wollte ich ihr sagen. Aber das Sprechen fiel mir überraschend schwer. „Sophia“ brachte ich mit großer Anstrengung hervor. Sie beugte sich über mich und küsste mich auf die Stirn. „Gott sei Dank, du erkennst mich noch. Du hattest einen Unfall und bist im Krankenhaus“, sagte sie. „Kannst du dich noch erinnern?“ Ich wollte den Kopf schütteln, brachte aber nur eine minimale Kopfbewegung zur rechten Seite zustande. Sie schien mich aber zu verstehen und begann meine Wange zu streicheln. Die anderen Leute, wohl Ärzte und Krankenpfleger, verließen langsam nacheinander den Raum. „Sie sagen, du hast ein ziemlich schweres Schädelhirntrauma – kannst du dich erinnern, was passiert ist?“. Ich überlegte, aber von einem Unfall fiel mir wirklich nichts ein. „Ich weiß nicht…“, sagte ich. „Ich war auf der Arbeit und dann bin ich nach Hause gegangen… und zum Glück warst du ja dann da und ich hab‘ mich so gefreut…“. Sophia runzelte irritiert die Stirn. Sie musste sich doch wohl erinnern können? „Schön, dass du wieder bei mir bist…“ sagte ich. Und dann plötzlich fielen einfach meine Augen zu. Ich fühlte mich wieder, als würde ich fallen. Ich konnte noch ein viel zu lautes, penetrantes Piepen hören. Ich merkte, wie Sophia sich von meiner Hand losriss und anfing laut zu schreien. Nein nicht gehen, bleib bei mir. Ich hörte viele Stimmen, konnte aber nichts verstehen. Alles wurde immer dumpfer und ich fiel immer weiter. Immer weiter in eine Leere hinein, bis ich überhaupt nichts mehr spürte.

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