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Kurzgeschichte: Ebbe und Sturmflut

Einatmen, innehalten und wieder ausatmen. Was droht uns und unserer Umwelt, wenn wir unbeirrt so weitermachen wie bisher?

Von Annika Stibitzky

Ebbe. Immer wieder fühlt es sich an, als hätte jemand die Pause-Taste gedrückt, als würde die Zeit stillstehen. Hektik und Sorgen scheinen für den Moment genauso weit entfernt wie das Wasser. Ich lehne am Geländer und blicke aufs Watt und atme die frische Seeluft ein. Ebbe und Flut symbolisieren für mich, dass alles vergänglich ist und sich ständig wiederholt. Früher habe ich in der wiederkehrenden Flut die Wendung zum Guten gesehen, heute sehe ich sie in der Ebbe. Mein Handy klingelt, ich erschrecke kurz. Fast habe ich vergessen, dass ich mir einen Timer gestellt hatte, der mich daran erinnert, dass mein Tee fertig gezogen ist. Die Zeit ist wohl doch nicht stehen geblieben. Ich schließe die Terassentür hinter mir und laufe in die Küche. Beim Ausschalten des Timers springt mir das Datum auf dem Display entgegen: 24. September 2088 – in zwei Tagen habe ich Geburtstag. Wieder ist ein Jahr vergangen. Nachdem man aber ja so alt ist, wie man sich fühlt und ich mich nicht fühle, als hätte ich 78 Jahre auf dem Buckel, nehme ich das recht gelassen. Kaum habe ich das Handy aus der Hand gelegt, um mich meinem Grüntee zu widmen, beginnt es erneut zu vibrieren und gibt einen Ton von sich, der mir jedes Mal aufs Neue Gänsehaut bereitet. Alles in mir zieht sich zusammen. Gleich wird auf allen Geräten automatisch eine Durchsage abgespielt, aber schon jetzt ist klar, was dieses Signal bedeutet. Alarmstufe Rot. Die nächste Sturmflut droht. Uns bleiben 24 Stunden.

Mir bleibt die Luft weg. Ich höre Finn, meinen Enkel, die Treppe runterlaufen. „Alles wird gut, Oma“, Finn nimmt mich in den Arm. Ich kann wieder ein- und ausatmen. Ich höre mich sagen, dass es doch nicht sein kann, dass die Abstände immer und immer kürzer werden, die letzte große Sturmflut kam erst Anfang August. Finn schluckt. Er versucht ruhig zu klingen und gibt mir einen Kuss auf die Wange: „Ich fahr gleich rüber und hol Tilda von der Schule ab. Mama macht auch früher Feierabend und kommt schon so um 14 Uhr nachhause, damit wir alles vorbereiten können. Weißt du, ob Louis unterwegs ist?“ Die beiden Großen teilen sich ein ,Auto‘. Vielmehr ist es eine Mischung aus einem Quad und einem Jetski, mit dem man sowohl bei Ebbe als auch bei Flut von A nach B kommt. Vor fünf Jahren, als sich meine Tochter von ihrem Mann getrennt hat, sind wir zusammen in dieses hochwassersichere Schwimmhaus gezogen, das auf Pontons gebaut wurde, die bei Flut aufschwimmen. Inklusive der Zu- und Abwasserrohre wurde alles so konstruiert, dass es auch bei Sturmfluten standhält. Über eine Art Steg gelangt man zu dem Nachbarhaus, in dem mein Sohn zusammen mit seiner Frau lebt, er hat das Bauprojekt damals geleitet. Mittlerweile entstehen immer mehr solcher Schwimmhaus-Siedlungen, da die Überschwemmungen das klassische Landleben auf Dauer unmöglich machen werden. Wir haben eingesehen, dass wir, statt gegen das Wasser zu arbeiten, mit ihm arbeiten müssen. So wurde auch das ständige Erhöhen der Schutzwälle aufgegeben, da sich das Wasser sowieso immer wieder seinen Raum schaffen wird.

Sturmflut

Ich antworte Finn, dass sein Bruder nur drüben bei seinem Onkel am Rumwerkeln sei und jetzt nach dem Alarm sicher gleich zurückkommt. Er umarmt mich fest und kurz darauf fällt auch schon die Haustür ins Schloss, Türgriffe fanden die Jungs schon immer überflüssig. Ich trinke meinen nur noch lauwarmen Tee aus, ziehe meine Gummistiefel an und werfe mir eine Jacke über. Ich muss raus. Ich laufe durchs Watt in Richtung Festland und spüre den Wind auf meiner Haut, ganz sanft. Einzelne Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Wolken. Die Ruhe vor dem Sturm. Bevor mindestens eine Woche der Isolation beginnt und wir den Rest des Tages damit beschäftigt sein werden, uns dafür zu rüsten, muss ich noch einmal alles aufsaugen und Energie tanken. Borkum ist mein Zuhause. Das Hochseeklima, die Dünenlandschaften und endlosen Sandstrände – all das war einmal. Aufgewachsen bin ich hier auf der Insel in einem kleinen Haus mit Reetdach. Meine Kindheit hätte einem Bilderbuch entsprungen sein können. Kinder, die heute zur Welt kommen, werden nie eine ähnlich unbeschwerte Zeit erleben können. Es hat schon wehgetan, zu sehen, dass meine Kinder nicht mehr ausgelassen am Strand toben konnten, da alles voller Scherben und Müll war. Meine Enkelkinder kennen Strände sogar nur noch von Fotos, inzwischen sind sie allesamt verschwunden. Die Küsten erodieren und das Meer rückt immer näher. Die Kräfte der Gezeiten haben den Meeresspiegel bereits um 1,3 Meter steigen lassen. Der Tidenhub nimmt Jahr für Jahr zu – Ebbe und Flut fallen immer extremer aus. Das Wattenmeer vertieft sich und droht zu verschwinden. Wenn es so weiter geht, wird die Flut unsere Inseln vollends abtragen.

Wir sind zu spät aufgewacht und das auch erst nachdem uns die Natur mit all ihrer Kraft wachgerüttelt hat. Die Auswirkungen des Klimawandels haben uns eingeholt. Zu spät haben wir verstanden, dass wir unser Konsumverhalten grundlegend verändern müssen, zu spät wurde jegliches Fleisch aus den Läden verbannt und zu spät wurde unsere Insel autofrei. Obwohl der CO2-Ausstoß im Vergleich zum Jahr 2020 weit gesunken ist, versauern die Ozeane. Die Folgen für die marinen Ökosysteme sind verheerend. In den Meeren gibt es immer mehr tote Zonen, das Aussterben ganzer Fischbestände kostete meinen Mann schon vor 20 Jahren seinen Job in der Fischerei. Das Wetter hier kannte noch nie Regeln geschweige denn Ruhe, doch die neuen Wetterextreme – Hitzewellen und Starkniederschläge – verlangen uns einiges ab. Die globale Erwärmung führte schneller zu Überschwemmungen, unkontrollierbaren Waldbränden, Verwüstungen und klimabedingten Migrationsbewegungen, als je prognostiziert wurde. Ganze Regionen sind dauerhaft überflutet, der Lebensraum wird immer knapper und die Trinkwasserversorgung ist prekär. Wir fürchten uns vor einem Krieg um Rohstoffe, Wasser und fruchtbare Böden. Die Zustände werden sich weiterhin verschlimmern. Uns bleibt lediglich zu versuchen, das Ausmaß der Verschlimmerung einzudämmen.

Ein Leben im Einklang mit der Natur – lange genug haben wir diese Vorstellung romantisiert. Die bittere Realität hat uns eingeholt und überrollt uns immer wieder, so wie die Sturmflut uns erneut überrollen wird. Wir beuten die Erde aus, während wir ein Teil von ihr sind. Die Ironie des Ganzen liegt darin, dass die Natur wunderbar ohne uns auskommt, wir hingegen kommen trotz jedem noch so großen technischen Fortschritt nicht ohne die Natur aus. Ich hänge den Gezeiten nach und verliere mich in ihnen. Ebbe und Flut – ein Heben und ein Senken. Ich atme tief ein und konzentriere mich darauf, wie sich mein Brustkorb hebt und schließlich wieder senkt. Die Uhr tickt, die Zeit rast. Unaufhaltsam. Wir müssen sie nutzen. Die Uhr lässt sich zurückdrehen, die Zeit jedoch nicht. Aus diesem Grund müssen wir die Zeit, die uns bleibt, entschleunigen und verdichten. Mit schönen Momenten. Mit Himbeer-Marmeladenglas-Momenten würde Tilda, meine Enkeltochter, jetzt sagen. Zu jedem Ein- und Ausatmen auch ein Innehalten. Ein symbolisches Pause-Drücken bei Ebbe.

Ich laufe auf eine offensichtlich in die Jahre gekommene Bank zu, das Holz ist morsch, die Lackreste kann man nur noch erahnen. Hier bin ich meinem Mann das erste Mal begegnet, damals glänzte die Bank noch dunkelgrün. Hier saßen wir daraufhin unzählige Male und haben über die großen und kleinen Dinge des Lebens philosophiert. Hier haben wir auf den Priel in der Ferne geschaut und gestaunt, dass er selbst bei Ebbe nicht leerläuft. Hier habe ich vor drei Jahren seine Asche verstreut. Hier fühle ich mich ihm bis heute am nächsten. Ich komme hierher, um mich zu besinnen und um innezuhalten. Die Nordsee und Momente wie dieser sind mein Lebenselixier. Ich setze mich, lehne mich zurück und atme tief ein. Die wenigen Möwen, die uns noch geblieben sind, kreischen kurz auf, danach bleibt nichts als Ruhe. Ich schließe die Augen. Ich spüre, wie mir eine Träne die Wange herunterläuft. Als sie an meinem Mund anlangt, presse ich die Lippen aufeinander. Salzig. Wie das Meer. Das Meer, das sich in den nächsten Tagen auftürmen wird.

Die Deiche werden in den nächsten Tagen unter der Sturmflut nachgeben. Auch wir müssen nachgeben, uns der Naturgewalt fügen. Wir haben die Kontrolle verloren. Aber an Aufgeben ist nicht zu denken. Natürlich habe ich Angst. Aber die Hoffnung, die ich in mir trage, ist größer als diese Angst. „Ach, es ist doch eh schon längst zu spät“, solche Aussagen konnte ich noch nie nachvollziehen. Zu spät für was? Es ist einzig zu spät zum Aufgeben. Mit der Hoffnung würden wir auch uns selbst aufgeben. Ich mache mich auf den Weg zurück. Die Jungs sind sicher schon dabei, alles ins Haus zu holen und sturmsicher zu machen. Wenn meine Tochter von der Arbeit zurückkommt, werden wir alle zusammen einkaufen gehen, um unsere Vorräte aufzufüllen. Wir müssen uns an den offiziellen Notfallplan der Katastrophenhilfe halten und darauf vorbereiten, bis zu drei Wochen lang von der Versorgung abgeschnitten zu sein.  Hoffentlich geht auch dieses Mal alles gut. Ich atme tief ein, halte kurz inne und atme wieder aus. Alles wird gut. Die nächste Ebbe kommt. Meinen Geburtstag lassen wir trotz allem nicht ins Wasser fallen.

Beitragsbild: © Annika Stibitzky

 

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