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Kurzgeschichte: Das Bild

Linda Merton ist auf einer verlassenen Landstraße unterwegs, als ein gewaltiges Unwetter sie dazu zwingt, einen Stopp für die Nacht einzulegen. Doch das Hostel, in dem sie zur Ruhe finden will, lässt sie in Angst zurück.

Eine Kurzgeschichte von Lara Hackmann

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20 Uhr. Linda Merton ist auf dem Weg in die Stadt, in der die morgige Konferenz stattfindet, und bereits ziemlich ermüdet von dem heutigen Arbeitstag. Sie ist eine sensible und doch eine starke Frau. 32 Jahre ist sie alt, bodenständig, ledig und ohne Kinder. Sie führt ein sicheres Leben, hat viele Freunde, einen gut bezahlten Job und dennoch zerbricht sie innerlich immer wieder wegen Kleinigkeiten. Häufig ist sie in sich gekehrt und macht sich viele Gedanken: Ihre Freunde beschreiben sie als verträumtes Wesen. Linda strahlt jedoch von außen aufgrund ihres Charismas so stark, dass niemand bemerkt, wenn es ihr mal nicht gut geht. Sie ist auf einer einsamen Landstraße unterwegs, ihr Auto ist das einzige weit und breit. Es blitzt und regnet. Draußen ist es bereits stockdunkel und die Scheinwerfer des Autos spenden inmitten des Nebels kaum Licht. Zudem wird ihre Sicht durch die umliegenden Bäume eingeschränkt, die sich wegen des Sturms hin und her bewegen. Äste fallen auf die Straße und der Regen prasselt so stark auf die Motorhaube, dass das Lied im Radio kaum noch zu hören ist. Sie hört nur noch die tobende Wut der Natur.

„Mhm… ich glaube ich sollte mir einen Platz zum Schlafen suchen“, murmelt Linda vor sich hin.
„Bei der nächsten Kreuzung biege ich ab.“

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Auf der rechten Seite erblickt sie ein Schild: „Hostel.“

Linda folgt der Beschilderung, denn sie kann ihre Augen kaum noch offenhalten. Die ständigen Überstunden rauben ihr die Kraft. Sie arbeitet weit mehr als acht Stunden am Tag, oft sind es 10 bis 11 Stunden und dazu kommen noch die weiten Strecken, die sie regelmäßig zu den Konferenzen fahren muss. Sie gähnt. Auf dem Parkplatz angekommen, schnappt sie sich ihre teure Tragetasche mit all ihren Arbeitsunterlagen und öffnet die Wagentür. Der Wind heult und pfeift durch das ganze Auto. „So ein Mist!“ Der gesamte Parkplatz steht unter Wasser. Sie schaut auf ihre Schuhe runter, welche vollkommen durchnässt sind. Linda trägt einen braunen Trenchcoat, einen Schal mit Strickmuster und schmale Stiefeletten. Ihr braunes, welliges Haar ist von dem nassen Wetter ganz strähnig geworden. Sie schmiert sich eine Strähne aus dem Gesicht und fährt mit der Hand über ihre Stirn, um sich die Regentropfen abzuwischen.

Das leuchtendende Schild an der Hauswand des Hostels flackert. Das „o“ und das „s“ blinken im Sekundentakt.

Sie drückt gegen die Eingangstür, rüttelt am Griff und liest das Schild auf dem „Ziehen“ geschrieben steht. „Oh.“ Linda schaut sich beschämt um, ob jemand ihr Tür-Malheur gesehen hat und steigt kurz darauf über die Türschwelle hinweg. Ihr kommt muffige aber zugleich kalte Luft entgegen. Die Dielen knirschen beim Laufen und die Oberfläche des Tresens der Rezeption, auf dem sich Linda gerade abstützen wollte, ist klebrig.

„Guten Abend“, hört sie eine Stimme hinter der Rezeption sagen.
„Oh Hallo, wer ist denn da? Ich bräuchte ein Zimmer für die Nacht… wegen des Sturms, wissen Sie?“ Sie schaut sich um. Ein junger Mann tritt an die Rezeption.
„Es kamen heute schon mehrere Leute vorbei. Muss schlimm sein. Also der Sturm. Aber Sie haben Glück… Einen Schlüssel habe ich noch.“
Auf dem Schild, welches auf der Brust des Mannes angebracht ist, liest Linda seinen Namen.
„Mick. Vielen Dank, Mick. Ich muss einfach mal ein bisschen zur Ruhe kommen.“
„Ich bin mir sicher, dass Ihnen das Zimmer gefällt. Kommen Sie einfach mir nach.“

Mick ist ein schlanker, großer Mann, der für sein junges Alter bereits recht verbraucht und ein wenig mitgenommen aussieht. Seine Augen sind klein und sein Blick ist trostlos. Er dreht sich um und lächelt Linda zu.

„Das ist es. Hier sind Ihre Schlüssel.“
„Danke“, sagt Linda zögerlich, doch Mick hat sich bereits umgedreht und geht den Dielenboden zurück Richtung Rezeption. Linda schaut ihm skeptisch hinterher, schließt die Holztür des Zimmers mit einem lauten knirschen auf und sofort wieder hinter sich zu.

© Ahmed Gomaa auf Pixabay
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„Irgendwie ist er komisch… und kalt ist es hier auch“, denkt sie genervt. Sie dreht die Heizung auf, legt ihre Tasche in den Sessel neben dem Bett, stellt ihre Schuhe neben der Zimmertür ab, macht den Fernseher an und legt sich aufs Bett. Auf dem Bild, das gegenüber dem Bett hängt, ist eine Dame in ihren 60er Jahren zu sehen. Sie hat lange, schwarze, füllige Haare und pechschwarze Augen, in denen man keine Sklera erkennt. Es scheint eher, als würden ihre Augen und ihre Augenhöhle eins sein. Ihr Blick ist tief und fesselnd, als würde sie einen in Wirklichkeit ansehen. Linda fühlt sich beobachtet und schüttelt ihren Körper, ein Schauer durchläuft sie. Sie hat Gänsehaut. „Gruselig!“

Mittlerweile schlägt der Zeiger der braunen Wanduhr Mitternacht. Es ist eine graue, düstere Nacht. Doch es ist wieder ruhig. Die Natur hat sich beruhigt und Linda wird immer müder, sie sinkt tiefer in den Schlaf ein. Sie drückt ihren Kopf in das grob bestickte, staubige Kissen. Ihre Augenlieder zucken und die Stirn runzelt sich während der Mond durch die dünnen Vorhänge in das Zimmer scheint und es kraftvoll durchleuchtet.

Sie atmet tief ein und aus.

Ein eisiger Windhauch lässt das Zimmer erkalten, die Temperaturen sinken.  Und obwohl die Fenster geschlossen sind beschlagen die Scheiben… ganz langsam. Der Temperaturunterschied zwischen drinnen zu draußen wird immer größer. Lindas Lippen werden blau und ihr Atem wird sichtbar. Ihr Körper zuckt und zittert, er ist kalt. Sie öffnet langsam ihre Augen. Die Luft wird ihr abgeschnürt, das Atmen fällt ihr schwer. Es fühlt sich an, als erdrücke etwas ihren Hals. Die Angst ist deutlich in ihren Augen sichtbar. Ganz real. Es knarzt… wie Schritte aus allen Richtungen. Plötzlich knallt die Badezimmertür zu. „Aaaaah!“, erschrocken setzt sich Linda senkrecht ins Bett. Sie drückt sich mit dem Rücken an die Wand des Bettes, die Decke hält sie ganz nah an ihrem Körper, als würde sie sich damit beschützen wollen. Ihre Lippen beben.

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„Das Bild… Wo ist die Frau hin? Da war doch eine Frau in dem Bild!“ Ihr Blick ist an die Wand gegenüber dem Bett gerichtet, wo nur noch ein leerer Bilderrahmen hängt. Schief. Nach unten geneigt. In der Ecke ist ein Schatten. Lindas Augen wandern langsam dorthin. Doch ihr Kopf bewegt sich nicht mit. „Was passiert hier bloß. Ich träume. Ich muss träumen. Das ist nicht real“, wimmert Linda.

In der Ecke ist eine dunkle Gestalt zu erkennen. Lange Haare, helle Haut, dünn mit dunklen, großen Augen und einem durchlöcherten Hemd über ihren Körper gestreift. Sie bewegt ihren Kopf nach oben, schaut Linda direkt in die Augen. Ihr Mund ist geöffnet. Ihr Körper ist leicht nach vorne gelehnt. Sie bewegt sich. Ein Fuß vor dem anderen. Geht auf die Knie. Linda versucht sich immer mehr in das Kopfende des Bettes zu drücken. Plötzlich wird es immer wärmer in dem Zimmer. Linda beginnt zu schwitzen. Die dunkle Gestalt kriecht zum Bett. Der Kopf blickt über der Decke her. Linda ist wie versteinert. Sie kann sich nicht bewegen. Nicht mal ihren Kopf drehen oder ihre Augen schließen. Beklemmend. Sie ist gefesselt in ihrem eigenen Körper. Die Luft zum Atmen wird immer dünner. Das Gefühl innerlich zu verbrennen steigt in ihr auf, so warm ist ihr. Die Frau kommt immer näher… Tränen fließen über Lindas Wange. Ihre Augen sehen so groß aus. Sie kriecht über ihren Körper her, hebt ihre Hand und fasst Linda ruckartig ans Handgelenk. Linda schreit.

Linda wacht schweißgebadet auf. Das ganze Bettlaken ist nass, man sieht den Abdruck ihres Körpers deutlich. Sie setzt sich auf und bekommt kaum Luft. Das Atmen fällt ihr noch immer schwer. Sie versucht sich zu beruhigen und atmet tief ein und aus. Doch ihre Hand… sie hat Schmerzen. Sie streicht ihr Nachthemd über den Arm nach oben. Ein Handabdruck. Er sieht aus wie in die Haut eingebrannt.

Vollkommen panisch steht Linda auf, sie ist noch ganz wackelig auf den Beinen. Sie möchte einfach nur weg. Weg von diesem Ort, diesem Zimmer und diesem Bild. Sie greift nach ihrer Tasche, öffnet die Tür und rennt raus auf den Parkplatz in ihr Auto.

Tränen rinnen aus ihren Augen, sie schluchzt.

Linda fährt los, ohne sich umzugucken. Sie sieht das Hostel im Rückspiegel. Erst nach wenigen Minuten beruhigt sie sich langsam wieder. Ihr Atem wird ruhiger, der Herzschlag normalisiert sich, sie atmet tief durch, macht die Augen kurz zu und versucht sich zu entspannen. Als sie wieder nach vorne auf die Straße schaut, sieht sie etwas am Straßenrand. Linda fährt etwas langsamer, schaut rüber und auf der rechten Seite steht eine Frau. Eine Frau mit langen, schwarzen Haaren, dünnem Körper mit eingefallenem Gesicht und nur mit einem durchlöchertem Hemd bekleidet.

Lindas Augen färben sich pechschwarz.

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