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Kurzgeschichte: Atemnot

Eine Kurzgeschichte von Theresa Krebsbach

Meine Kehle schnürt sich zu. So sollte es nicht sein. So war es nicht geplant. „Was hast du getan?“ schreie ich und starre ihn ungläubig an.

***

Es war ein friedlicher und klarer Frühlingstag. Die Temperaturen waren das erste Mal auf zwanzig Grad angestiegen, die Sonne strahlte und wärmte meine nackten Arme. Der Wind streifte sanft über mein Gesicht während ich auf und ab schaukelte. Höher und immer höher. Kleine Schäfchenwolken schmückten den sonst strahlend blauen Himmel. Wie aus dem Nichts zerriss ein schrilles Geräusch die Idylle. Ein ohrenbetäubendes Heulen ließ mich fast von dem Schaukelsitz fallen. Ich bekam Panik, versuchte zu bremsen und stürzte den letzten Meter von der Schaukel herab. Mein Opa, der mich beobachtet hatte, war direkt an meiner Seite: „Komm schnell Melody, wir müssen gehen!“

„Was ist das für ein Geräusch?“

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©Theresa Krebsbach

Ohne zu antworten zerrte er mich hoch und hielt mich fest an der Hand. Zusammen liefen wir vom Spielplatz zu unserem Haus.

„Was ist das, Opa?“, schrie ich erneut und zog so fest ich konnte an seinem Arm.

„Ein Alarm, wir müssen nach Hause. Schnell!“ Noch heute kann ich ihn in meinem Kopf hören. Laut, schrill – wie ein Bombenalarm.

Meine Mutter wartete hinter der verschlossenen Haustür und sah uns besorgt entgegen: „Los schnell, kommt rein.“ Sofort umarmte sie mich fest.

„Was ist denn los, Mama?“, fragte ich ängstlich.

Meine Stimme zitterte leicht. Meine Mutter erzählte mir, dass wir Menschen egoistisch waren und die Erde kaputt gemacht hatten. Aus diesem Grund würde unsere Luft von nun an nicht immer zu atmen sein. Der Alarm sollte uns von nun an vor einer neuen schädlichen Wolke warnen, damit sich jeder Mensch in Sicherheit bringen konnte, um seiner Lunge langfristig nicht zu schaden. Betrübt, dass ich nicht mehr draußen sein durfte, ging ich nach oben und setzte mich auf mein Bett. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir eine dunkle Verfärbung am Horizont, die stetig größer wurde und immer näherkam.

Tage um Tage vergingen. Abgeriegelt von der Welt. Die Schule war geschlossen. Meine Mutter arbeitete von zu Hause. Immer wieder schaute ich aus dem Fenster, um zu sehen wie nah die furchteinflößende graue Wand schon gekommen war. Auf der Straße entdeckte ich ein Auto, das vor unserer Haustür hielt. Die Autotür öffnete sich und ein großgewachsener Mann stieg aus. Er trug einen vornehmen dunkelblauen Anzug und eine komische Maske auf dem Gesicht. Als es klingelte, ging ich schnell herunter. Ich war neugierig und wollte wissen, wer da gekommen war. Der Mann nahm die Maske ab. Es war Mamas Chef Paul, Leiter des staatlichen Katastrophenausschusses.

„Paul, wir müssen dringend reden!“, sagte Mama.

„Ich weiß, Amy, wie weit sind deine Pläne? Hallo Melody, wie geht es dir denn?“

Ich starrte ihn nur an.

„Alles wird wieder gut. Versprochen, Kleine!“, sagte Paul.

Ich lächelte kurz, während meine Mutter Paul in ihr Arbeitszimmer schob. Ich blieb noch ein paar Sekunden auf der Treppe stehen und hörte meine Mutter sagen: „Paul, wir müssen etwas tun, das Risiko ist nun zu hoch.“

„Ich weiß, Amy, ich weiß. Beruhige dich! Deine Pläne und jahrelangen Forschungen werden uns retten.“

„Wie soll ich mich denn beruhigen? Der Erde geht es schlecht. Und den Menschen mit ihr! Sie ster…“ konnte ich noch hören bevor meine Mutter die Türe hinter sich schloss. Ich ging langsam zurück nach oben in mein Zimmer und starrte die graue Wand fast direkt vor meinem Fenster an.

***

Auch heute sitze ich vor meinem Fenster. In meinem neuen Büro. 25 Jahre sind seitdem vergangen. Die Sonne scheint, lächelt mich an, doch strahlt keine Wärme ab. Ich drücke den Knopf an der Seite meines Tisches und das Bild vor mir wechselt. Stumm prasselt Regen gegen die Scheibe, der Himmel voller grauer Wolken. So grau wie die Wand vor meinem Fenster damals. Ein grau, das zu meiner Stimmung passt. Es klopft an meiner Tür. Mein Chef möchte meinen Fortschritt besprechen. Ich bin Architektin und wurde erst kürzlich mit einem unserer neusten und bislang größten Projekte betraut. Es soll eine neue Siedlung gebaut werden – auf der Erde. Sie soll nachhaltig sein und selbstversorgend, ohne auf Souterrain angewiesen zu sein. Sie soll die erste von vielen sein. Mein Chef lobt mich für meine Ideen und beauftragt mich, Informationen über den Zustand der Erde einzuholen. Laut Plan sollen bald die Bauarbeiten beginnen.

Ich erinnere mich kaum an das Vorher. Nur an Autos, Spielplätze und Spaziergänge an der frischen Luft. Es ist zu lange her. Laut den Berechnungen meiner Mutter, einer berühmten Biologin, soll die Erde bald wieder nutzbar sein. Vorbereitungen für unsere Rückkehr müssen getroffen werden. Das war das Versprechen, das vor vielen Jahren an die Bevölkerung gegeben wurde, um diese zu motivieren, zeitweise nach Souterrain zu ziehen.

Auf dem Weg zu Pauls Büro schweift mein Blick über die täuschend echt aussehenden Plastiklinden neben mir. Sie sollen die Menschen an die wirkliche Natur erinnern, auch wenn reale Bäume und ihre Sauerstoffproduktion längst durch effizientere Maschinen ersetzt wurde. Für mich sind sie ein Zeichen von Hoffnung. Tiere gibt es kaum, jede Spezies wurde in einem von den Menschen größtenteils separaten Souterrain gesichert, der Rest draußen vergessen.

Ausgenutzt und größtenteils zerstört hatten wir unseren Planeten. Anfänglich hatten die Regierungen der Welt sogar versucht die von Menschen produzierten CO2-Emissionen auszugleichen. Doch die Maßnahmen waren zu gering. Die verheerenden Auswirkungen der verseuchten Luft wurden zu spät erkannt und konnten nicht ohne gesundheitliches Risiko eingeatmet werden. Den Regierungen blieb nichts anderes übrig als auf die vorsichtshalber gebauten unterirdischen Städte zurückzugreifen, genannt das Souterrain, um den Großteil der Menschen zu retten. Viele Menschen, so auch meine Mutter und mein Großvater, verloren ihr Leben aufgrund der langfristigen Folgen der verpesteten Luft. Viele Jahre sind nun vergangen. Menschen sind flexibel. Schnell haben sie die neue Lebensweise akzeptiert und sich an Nahrungsergänzungsmittel, Sauerstoffmaschinen und Technologie unter der Erde gewöhnt. In vielerlei Hinsicht machte es das Leben leichter. Wollen sie nun überhaupt zurück über die Erde?

Ich will es, und ich kämpfe. Für ein Leben über der Erde. Ich werde das Projekt meiner Mutter umsetzen.

Ich laufe an unterirdischen Tennisplätzen, tierleeren Parks und Stränden vorbei und erreiche schon bald Pauls Büro. Paul ist wie ein Ersatzvater für mich. Der Tod meiner Mutter traf uns beide schwer, da sie sehr gute Freunde gewesen waren. Nach ihrem Tod sind die Pläne zur Wiederaufbereitung in seine Hände übergegangen. Nun soll er mir die nötigen Informationen zum Zustand der Erde übermitteln, damit ich mit meinen Planungen, wie mit meinem Chef besprochen, fortfahren kann. Aufgeregt platze ich in sein Büro und störe ein Meeting. Ich entschuldige mich und will die Türe hinter mir schließen, als mein Blick auf das interaktive Kartenhologramm mitten im Raum fällt. Es zeigt große Fabriken. Fabriken wie es sie damals im Vorher gab. Fabriken, die zur Zerstörung beigetragen hatten. Nur neuer. Moderner. Das Hologramm dreht sich und gibt ein sehr bekanntes Logo preis. Souterrain. Diese Fabrik läuft. Heute. Damals gab es Souterrain nicht. Das kann nicht sein. Das kann nicht wahr sein. Ich stürme aus der Tür, schnappe mir Pauls Ausweis und laufe los. Immer weiter, bis ich zu dem Vorraum vor einer der großen Isoliertüren gelange. Ich schließe die Zwischentüre mit Pauls Ausweis ab und streife mir schnell einen grünen Isolieranzug und einen Sauerstofftank samt Maske über. Schon trete ich einen Schritt nach vorne. Ich öffne die Isoliertür und gehe los. Hinter mir höre ich Paul an die verschlossene Zwischentür hämmern. Ich gehe weiter. Draußen. Ich bin draußen. Endlich. Der kurze Anflug von Freude verwandelt sich in Sekundenschnelle in Schock. Ich traue meinen Augen nicht. Riesige qualmende Türme stehen neben Fabriken. Stehen neben Souterrain. Die Isoliertür öffnet sich erneut.

Von Theresa Krebsbach
Theresa Krebsbach

„Was hast du getan, Paul?“

„Melody, hör mir zu…“

„Nein, erklär mir was das hier soll. Hast du nicht aus unseren Fehlern gelernt? Wir sollten die Natur schonen, damit sie sich erholen kann. Damit Leben draußen wieder möglich ist.“

„Schau dich doch um Melody, keiner denkt mehr an ein Leben über der Erde. Alle sind zufrieden. Was denkst du, wie unsere Versorgung unter der Erde funktioniert? Die berechnete Regenerationszeit deiner Mutter ging schon nach zwei Jahren nicht mehr auf. Wir mussten reagieren, um die Versorgung unter der Erde zu gewährleisten.“

Ich starre ihm ungläubig und fassungslos ins Gesicht. „Du willst mir doch nicht sagen, dass all diese Fabriken nur für unsere Versorgung gebraucht werden. Es sind doch viel, viel mehr! Wofür brauchen wir sie noch?“

„Melody, du liegst falsch.“

„PAUL!“, schreie ich entrüstet, nicht mehr in der Lage meine Emotionen zu kontrollieren.

„Keiner denkt an eine Rückkehr. Und die Wirtschaft hat sich eben angepasst. Nachdem bereits der erste Klimavertrag kaum eingehalten wurde und viele Staaten bereits ganz ausgetreten sind, sah die Wirtschaft ein großes Produktionspotential. All unsere neue Technik, Lebensmittelversorgung und Medizin werden über der Erde produziert, wo es sowieso kaum einen interessiert, wie kaputt der Planet ist, da es allen Menschen im Souterrain viel besser geht! Das Leben unter der Erde bietet den Menschen viel mehr, als es das Vorher je konnte.“

Trotz des Sauerstofftanks auf meinem Rücken bekomme ich kaum Luft. Ich kann nicht glauben, dass er so etwas tun würde. Mich, seine Quasi-Tochter, so hintergehen würde. Er wusste, dass mir dieses Projekt alles bedeutet. Er wusste, dass ich nur noch hier für lebe, dass meine Mutter hier für gelebt hatte. Ich mache einen Schritt auf Paul zu, stehe direkt vor ihm und starre ihm wutentbrannt ins Gesicht.

„Du hast mich betrogen, Paul. Du hast meine Mutter betrogen. Du hast uns alle betrogen. Und das nur für euren Profit.“

„Das ist nicht wahr. Es ist für alle das Beste, Melody.“

Paul packt mich überraschend an den Schultern – ein Versuch mich zu beruhigen. Ich wehre mich, will nicht, dass er mich anfasst und winde mich aus seiner erzwungenen Umarmung. Plötzlich fällt mit einem dumpfen Geräusch eine Sauerstoffmaske zu Boden, rollt ein paar Meter weiter und bleibt dort liegen.

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