© Madlien Schimke
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Kurzgeschichte: amy.js

Eine Kurzgeschichte von Madlien Schimke

 

Hiro geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Er ist so intelligent, gutaussehend und einfach so… so männlich. Ihr Traummann. Bislang hatte sie versucht, diese Gefühle zu leugnen, sie zu verdrängen. Schließlich ist sie doch glücklich mit Daniel. Und das seit 5 Jahren. Für Daniel hatte sie ihr Leben in Deutschland aufgegeben. Zum Glück.

12:01 Uhr.

Amy lässt das vergangene Jahr Revue passieren. Verträumt blickt sie aus den raumhohen Fensterfronten ihres edlen Büros im 26. Stock hinab auf die pulsierende Großstadt. Seoul. In den benachbarten Wolkenkratzern spiegelt sich die Mittagssonne. Die Luft ist heute glasklar. Amy lässt ihren Blick über den Han-Fluss bis in die Ferne zum Seoul Tower schweifen. Ihre Gedanken sind wie vernebelt.

„Heute ist mein großer Tag. Alles nur dank Hiro, meinem schönen Traummann…“

Amy runzelt die Stirn und schließt die Augen. Verzweiflung entstellt ihre hübschen, zarten Gesichtszüge.

„…

 

Nein.

 

Was ist los mit mir?!“

 

***

 

12:03 Uhr.

Daniel blickt erneut auf seine Rolex. In der Steinschale vor ihm auf dem Tisch blubbert sein Mittagessen: chilirote Kimchi-Jjigae, koreanischer Eintopf mit Kimchi. Sein Kollege aus der Steuerabteilung bezahlt heute. Typisch Koreaner.

„Was ist denn los, Daniel? Hast du noch einen Termin oder kannst du es nicht abwarten, wieder ins Büro zu kommen?“, fragt sein amerikanischer Kollege scherzhaft. „Nein, alles gut. Meine Verlobte hat um 15 Uhr ihre erste und alles entscheidende Konferenz in der neuen Firma. Da fiebere ich mit“, antwortet der Deutsche. Er wünschte sich für Amy nur das Beste. Schließlich war sie wegen seines Jobangebots mit nach Seoul gekommen. „Stimmt es, dass deine Verlobte bei der Hyundai Capital Group arbeitet? Als erste Ausländerin überhaupt; an der Seite von Bereichsleiterin Hana Park?“, fragt ein Anderer. „Ja, sie ist Parks Assistentin und zuständig für den Investmentbereich. Wenn sie das Projekt und die neue Anlagestrategie heute überzeugend rüberbringt, werden sich gute Chancen für sie auftun“, erklärt er den Kollegen. „Wow, sie muss ordentlich was auf dem Kasten haben, deine Frau. Und fließend Koreanisch muss sie auch können für so eine Position.“

„Ja, das kann sie“, denkt sich Daniel, „Alles nur wegen des Experiments.“

„Oh…“ Ein bekanntes Gesicht betritt das Restaurant. Keiner seiner Kollegen. Daniel erkennt ihn sofort; will ihn begrüßen. „Hallo, Hiro! Lange nicht ge…“ Hiro blickt ihn durch seine rahmenlose Brille lethargisch an. Die Augenringe und seine Halbglatze lassen ihn noch müder aussehen. Sein ungepflegtes Erscheinungsbild und seine zerknitterte Kleidung fallen auf. Ohne sichtliche Reaktion auf sein Umfeld dreht sich Hiro um und stakst zwischen den stattlichen Anzugträgern, die in diesem beliebten Restaurant ein- und ausgehen, wieder zur Eingangstür zurück. „Auf Wiedersehen, danke für Ihren Besuch“, ruft die niedlich-fröhliche Empfangsdame dem seltsamen Mann hinterher. Daniel hatte ganz vergessen, dass Hiro anders war. „Was war denn das für einer? War der auf Drogen?!“, lacht einer von Daniels Kollegen. „Ach, das war ein Wissenschaftler von der Uni. Komischer Kauz“, entgegnet er.

Offenbar wollte Hiro nicht mit Daniel sprechen. Aber auch Daniel freute sich nicht wirklich, ihn wiederzusehen. Schon allein wegen Amys Verhalten in letzter Zeit. Manchmal glaubte er zu hören, wie sie leise Hiros Namen flüsterte. Sogar nachts wenn sie schlief. Was war da zwischen den beiden? Wie konnte seine Verlobte überhaupt an so jemanden wie Hiro denken? Im Gegensatz zu ihm ist Daniel smart, eloquent und gut aussehend: blond, groß, athletisch gebaut. Ein Mann mit Integrität, der immer nur Augen für seine Amy hat.

Doch seit dem Experiment machte sich Daniel Sorgen um die gemeinsame Zukunft mit ihr. Ist sie noch glücklich mit ihm?

 

***

13:44 Uhr.

Amy lacht verlegen, obwohl sie vor Glück am liebsten laut schreien würde. Langsam kommen die ersten Kollegen aus den anderen Geschäftsstellen und die Stakeholder an. Für die große Konferenz sind einige von ihnen extra nach Seoul gereist. Und schon jetzt kann sie sich vor Komplimenten kaum retten – Dankesworte für ihre engagierte Arbeit im letzten Jahr, Bewunderung für ihre raketenhafte Karriere, Respektzollungen, weil sie das alles als Nicht-Koreanerin geschafft hat.

Einiges davon hat sie schon oft gehört. Immer, wenn sie ihren Mund aufmacht, wird ihr perfektes, akzentfreies Koreanisch bewundert. „Oooh, Sie klingen wie eine echte Koreanerin! Das haben Sie bestimmt an der Elite-Universität gelernt!“ „Ja!“, sagt Amy und denkt: „Eigentlich nicht.“ Um vor ihren bescheidenen koreanischen Kollegen nicht arrogant zu wirken, fügt sie mit einer demütigen Verbeugung hinzu: „Eigentlich muss ich noch viel lernen, aber ich übe fleißig!“

Es war eine Lüge. Sie hatte dafür rein gar nichts tun müssen. Keine Vokabeln pauken; keine langen Nachmittage in der Sprachschule, wo viele andere an der schwierigen Sprache verzweifeln. Manchmal fühlt sie sich, als hätte sie geschummelt. Denn alles, was sie tun musste, war, sich für das Experiment einzuschreiben.

Doch das ist ihr Geheimnis. Nur Daniel ist eingeweiht. Und Hiro, ihr Traummann.

 

© Madlien Schimke

 

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amy.js -> marriage wish [hiro].

 

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„Ich will ihn heiraten“, schießt es ihr durch den Kopf.

 

***

 

Für die südkoreanischen Forscher war es ein Durchbruch. Unter Leitung der Abteilung für Computational Neuroscience an der prestigeträchtigsten Universität in Südkorea brachte das interdisziplinäre Projekt der Superlative Forscher der verschiedensten Bereiche zusammen: Die besten Neurowissenschaftler, Experten der Nanotechnologie, Mediziner, Physiker und Informatiker arbeiteten an dem Forschungsprojekt mit dem Titel „Digitale Informationsübertragung bei der synaptischen Transmission durch integrierte Nanochips im neuronalen Netzwerk“. Ziel war es, die künstliche Intelligenz mittels mikroskopisch kleiner Chips in den menschlichen Körper zu bringen – „Virtual Knowledge“.

Einige beteiligte Forscher wären Anwärter für den Nobelpreis gewesen. Doch aufgrund von menschenrechtlicher Regularien, denen alle OECD-Staaten unterliegen, gilt „das Experiment“ als Staatsgeheimnis und wurde vor zwei Jahren gestoppt. Amy ist die einzige Versuchsperson, bei der jemals mittels eines neurochirurgischen Eingriffs ein Datenträger in die Großhirnrinde transplantiert wurde. Ein Datensatz mit der koreanischen Sprache wurde auf den Chip migriert.

 

***

 

Amy ist für ihn die Inkarnation von Schönheit. Seit dem ersten Augenblick war er in sie verliebt.

Ja, er hatte die Regeln gebrochen. Aber er wollte doch nichts Böses. Nur Liebe.

Und er hatte es so geschickt gemacht, dass niemand etwas merken würde. Es hat ohnehin fast niemand mehr Zugang zum Datensatz. Das Experiment war schon lange Zeit auf Eis gelegt.

Hiro war schon immer der freakige Nerd, der als „anders“ galt: optisch unscheinbar, gar unansehnlich, extrem introvertiert und devot. Dazu litt er an einer sozialen Phobie, was ihn zum totalen Einzelgänger machte. Im Gegensatz zu seinem einzigen Informatik-Freund, mit dem er gelegentlich E-Mail-Verkehr pflegt, hatte er auch noch nie Kontakt zu weiblichen „Wesen“. Eine Frau könnte er nicht einmal ansprechen, geschweige denn um ein Date bitten. In der Gegenwart von schönen Frauen stieg sein Puls und er wollte nur noch wegrennen. Von so einer wie Amy konnte er nur träumen. Er wollte, dass sie auch von ihm träumt.

 

***

14:54 Uhr.

Die große Konferenz beginnt gleich. „Amy, bist du soweit?“, fragt ihre Chefin. „Gib mir noch zwei Minuten“, erwidert Amy aufgeregt.

 

***

14:55 Uhr.

„Hey! Was machst du da?“, ein anderer Informatiker aus dem berüchtigten Projekt steht plötzlich hinter ihm. „Hiro, sag mir bitte, dass du die Probandin nicht hackst!“ Er versucht, Hiro vom Computer wegzuzerren.

 

>  _

 

Ishfesiofuhisuhueishusihcioewtupe

error.

 

Nein! Niemand sollte je sehen, was er getan hatte!

Hiro stößt ihn zu Boden.


>  _

 

amy.js deleted successfully.

protocol deleted successfully.


system shutdown.

Jetzt würde es Aussage gegen Aussage stehen.

 

 ***

14:56 Uhr.

Amy ist soweit. Ihr Puls steigt. Es ist Zeit für einen allerletzten Elevator Pitch mit ihrer Chefin – eine Minute, um noch einmal alles zusammenzufassen, bevor die große Konferenz losgeht. Ihre Chefin kommt auf sie zu.

 

„이제 다 준비 됐나요?“

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„Hm…?“ Sie starrt ihre Chefin irritiert an.

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„에이미 씨, 왜 그래요?

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에이미 씨 !!!”

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„Was…?

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Ich……

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…verstehe nicht.“

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„뭐라고요? 농담이에요? 왜 갑자기 독일어로  말해요???“

 

Amy sitzt nur da. Schockstarre. Ein taubes Ohnmachtsgefühl lähmt sie.

 

Sie kann ihre Chefin nicht verstehen. Sie kann die Welt nicht verstehen.

 

“제발!

.

.

.

.

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.

대답해요!”

 

 

 

Doch Amy kann nicht antworten.

© Madlien Schimke
© Madlien Schimke

(Übersetzung des koreanischen Textes im Bild: Geh nicht. Geh nicht. (…) Du kannst nicht ohne mich. Geh nicht. (…) Du brauchst mich. Geh nicht. Ich habe dich so programmiert. Ich sagte, geh nicht.) 

 

Fotos: Madlien Schimke

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