Heart Reef - Queensland, Australien © Alexandra Schmalnauer
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Kurzgeschichte: Alles auf Anfang

Kurz vor ihrem Abflug nach Australien plagen Lisa Zweifel. Anstatt sich auf die bevorstehende Reise zu freuen, stellt sie ihre Pläne in Frage. Melancholie und Trauer statt Enthusiasmus und Fröhlichkeit. Wird sie die Reise dennoch antreten und einen Neustart wagen?

Eine Kurzgeschichte von Alexandra Sophie Schmalnauer 

Lisa holt ihr Smartphone aus der Handtasche, um nachzusehen wie spät es ist. Danach wandert ihr Blick auf den Bildschirm am Ende des Wartebereichs von Gate E90. „Boarding“ sieht sie in großen grün, blinkenden Lettern geschrieben. Jetzt wäre es an der Zeit aufzustehen, die Handtasche zu nehmen, den Reisepass und die Boardingkarte bereitzuhalten und die Reise, auf die sich Lisa seit Monaten gefreut hat, könnte beginnen. Doch Lisa blickt mit glasigen Augen zu Boden, ihre Gedanken kreisen. Ihr Kopf fühlt sich voll und gleichzeitig doch leer an. Sie kneift die Augen zusammen, um Tränen zu unterdrücken. Schnell holt sie ihre Airpods aus der Jackentasche. Sie macht die Musik an, versucht sich abzulenken, ihre Gedanken erstmal beiseite zu schieben. Ihr Blick wandert zu den wartenden Fluggästen in der Warteschlange. Mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht begrüßen die Mitarbeiter der Fluglinie ihre Reisenden, scannen Boardingpässe, kontrollieren Reisepässe und wünschen den Gästen eine angenehme Reise.

Ohne es kontrollieren zu können, beginnt Lisa zu weinen. Sie schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen. „Jetzt nicht, reiß dich gefälligst zusammen“ denkt sie. Sie dreht die Musik lauter und versucht ihr Make-Up zu retten, indem sie mit ihrem Zeigefinger die zerlaufende Mascara wegwischt. Schließlich richtet sie ihren Blick starr zu Boden. Ein Großteil der Reisenden hat die Maschine in der Zwischenzeit bereits betreten und Lisa hat wohl nur mehr ein paar wenige Augenblicke Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Soll sie die Reise wie geplant antreten? Oder doch lieber zurück zum Auto gehen und nach Hause fahren? Während die letzten Passagiere sich zum Gate begeben, greift Lisa gedankenlos nach ihrer Handtasche und zieht Reisepass und Boardingkarte hervor. Jetzt nach Hause zu fahren ist einfach keine Option. Lisa will mutig sein, sich nicht beirren lassen. Entschlossen erhebt sie sich von ihrem Stuhl.

Great Barrier Reef, Australien © Alexandra Schmalnauer
Great Barrier Reef, Australien © Alexandra Schmalnauer

Nachdem Lisa sich im Flugzeug auf Platz 75A gesetzt hat, lässt sie neugierig ihren Blick durch die Kabine schweifen. Viele der Passagiere sind noch damit beschäftigt ihre Habseligkeiten in den Gepäckfächern zu verstauen, Decken und Kissen auszubreiten oder das Angebot des Multimedia-Systems zu durchstöbern. Lisas Gefühl der Entschlossenheit ist zwar etwas verflogen, doch dennoch fühlt sie sich endlich einigermaßen entspannt und wartet nun gelassen auf den Abflug. Vorfreude verspürt sie trotzdem noch nicht. Sie ist nachdenklich, fühlt sich emotional aufgewühlt. In der mittleren Sitzreihe des Flugzeuges, Lisa schräg gegenüber, sitzt ein junger Mann direkt am Gang. Er wirkt alles andere als ausgeglichen, er atmet konzentriert und schwerfällig, schließt dabei immer wieder für einen kurzen Augenblick die Augen. Mit festem Griff umschließt er die Armlehne. Sein Gesicht wirkt blass und eingefallen, mit dem Handrücken wischt er sich Schweißperlen von der Stirn. Noch während Lisa den Mann mitleidig von ihrem Platz aus anschaut, spricht ihn eine aufmerksame Flugbegleiterin an. Da Lisa zu weit weg ist, kann sie das Gespräch nicht hören. Doch in den nächsten Minuten kommen mehrere Mitarbeiter der Fluggesellschaft zu dem Mann hinzu. Nachdem zehn Minuten vergangen sind, nehmen zwei der Flugbegleiter das Handgepäck des Mannes und bringen ihn nach draußen. „Da einer unserer Fluggäste an Board aus gesundheitlichen Gründen die Maschine verlassen musste, verspätet sich unser Abflug“, teilt eine der Flugbegleiterinnen mit. Unbeirrt richtet sich Lisa aus Mikrofaserdecke, Kissen und Nackenstütze eine möglichst gemütliche Ecke an ihrem Fensterplatz ein. Sie schließt die Augen und kurz nach dem Start, nickt Lisa ein.

Vier Stunden, eine Mahlzeit und zwei Gläser Wein später, herrscht im Flugzeug ziemliche Stille und man kann beinahe nur mehr das Geräusch des Flugzeugmotors vernehmen. Das Licht in der Flugzeugkabine ist bereits gedimmt worden und an der Decke leuchten winzige Lampen, die einen Sternenhimmel simulieren. Lisa beobachtet ein Baby, das bestimmt noch kein Jahr alt ist. Die Frau, die das Kind im Arm hält, ist bestimmt die Mutter, denkt sie. Lisa lächelt als sie sieht, wie vertraut und liebevoll, die Frau mit dem Baby umgeht. Nur für ein paar Stunden mit dem Kind tauschen zu können, sich keine Sorgen machen zu müssen, das wünscht sich Lisa in diesem Moment. Doch geht es gerade wirklich darum, sich Sorgen zu machen? Sie befindet sich auf dem Weg zu einer spannenden Reise. Eine Reise, die sie schon lange geplant hat. Eine Reise, die schon so lange Zeit ihr sehnlichster Wunsch war. Eine Reise, für die sie nicht nur ihren Job gekündigt hat, sondern auch eine Menge Geld gespart und zur Seite gelegt hat. Eigentlich muss sie sich doch gar keine Sorgen machen. Sie hat alle notwendigen Reisevorbereitungen getroffen, ihre Reiseroute geplant und genügend finanzielle Reserven auf ihrem Konto hinterlegt.

Dubai bei Nacht © Alexandra Schmalnauer
Dubai bei Nacht © Alexandra Schmalnauer

Noch während sich in diesem Moment ein Funken Vorfreude in Lisa breit macht, überkommt sie ohne jede Vorankündigung ein Gefühl der Traurigkeit. Lisa will ihre Tränen zurückhalten, doch diesmal klappt es nicht. Eine Träne rollt über ihre Wange. Lisa fühlt sich müde und erschöpft. Sie atmet laut aus, zieht ihre Decke zurecht. „Ist alles in Ordnung?“, fragt ihr Sitznachbar. Bis zu diesem Zeitpunkt, hatten beide kein Wort miteinander gesprochen. „Ja. Ich denke schon“, antwortet Lisa und versucht ein gequältes Lächeln über die Lippen zu bringen. „Vorfreude auf Urlaub sieht aber dennoch anders aus“, meint er. Auch wenn dieser Satz keinerlei bösen Inhalt transportiert, will Lisa das Gespräch nicht fortführen und dreht ihren Kopf wieder Richtung Fenster. Es mag ihr heute einfach nicht gelingen diese melancholische und traurige Stimmung loszuwerden. Sie muss ständig an ihre Schwester Clara denken. Clara und Lisa verbrachten jede freie Minute miteinander, feierten zusammen Geburtstage, tauschten Neuigkeiten aus ihrem Arbeitsalltag aus, besuchten Yogakurse oder verabredeten sich einmal pro Woche zum Kinobesuch. Clara und Lisa waren unzertrennlich. Auch die Reise nach Australien wollten die beiden zusammen antreten. Doch ein Autounfall vor zwei Wochen durchkreuzte den Plan der beiden Schwestern. Plötzlich war Clara nicht mehr da und Lisa alleine. Nur mehr diese unbeschreibliche Leere und Aussichtslosigkeit, die Lisa von da an begleiteten. Dieser völlig unerwartete Verlust konfrontierte Lisa auch mit der Entscheidung, ob sie nun alleine für ein Jahr nach Australien reisen wollte.

Nach der Landung des Flugzeuges bricht die nahezu gewöhnliche Hektik aus, weil viele Passagiere wenige Sekunden danach sofort damit beginnen, in den Gepäckfächern nach ihren Taschen und Handgepäckkoffern Ausschau zu halten. Lisa und Clara haben bei dieser Beobachtung stets die Köpfe zusammengesteckt, gelacht und belustigt die Augen verdreht. „Liebe Passagiere. Sie haben nach der Landung exakt fünf Minuten und dreißig Sekunden Zeit, das Flugzeug zu verlassen. Bitte sammeln Sie möglichst schnell und ohne Rücksicht auf weitere Passagiere ihre persönlichen Gegenstände zusammen. Nach Ablauf der Zeit gibt es keine Möglichkeit mehr das Flugzeug zu verlassen. Vielen Dank“, hatte Clara einmal bei einer Reise nach Portugal eine Durchsage imitiert. Bei dieser Erinnerung wird Lisa augenblicklich wieder wehmütig. Sie spürt wieder diesen Kloß im Hals, sie würde jetzt bestimmt kein Wort herausbringen und sie muss ihre Augen fest zusammenkneifen, um Tränen zurückzuhalten. Dennoch lächelt sie bei dem Gedanken an diese Situation, in jener beide laut zu lachen begonnen haben und von allen anderen mit fragenden Blicken konfrontiert wurden. Doch diesmal spurt Lisa kein bloßes Gefühl der Trauer. Es mischt sich zwar das Gefühl des Vermissens, aber zugleich auch der Freude, die nächsten Monate in Australien verbringen zu können. Nachdem ein Großteil der Passagiere das Flugzeug verlassen hat, erhebt auch Lisa sich von ihrem Sitzplatz. Sie lässt einen letzten Blick über ihren Platz, in jenem sie die letzten vierzehn Stunden des Fluges verbracht hatte, schweifen und bewegt sich in Richtung des Flugzeugausstieges. Um sie herum hatte sich die Welt um zehn Stunden nach vorne gedreht. Es wird Zeit für ein neues Abenteuer. Zeit für einen Neuanfang.

Beitragsbild: Alexandra Schmalnauer

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