Bonn Live Kulturgarten © Christina Seggebäing
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Kultur in Zeiten der Coronakrise

Die Coronakrise stellt das kulturelle Leben in Deutschland weitgehend still. Noch bis Ende Oktober hat die Bundesregierung alle Großveranstaltungen untersagt. Davon betroffen sind vor allem Konzerthäuser, Theater und Festivals. Nicht nur für Künstler, sondern auch für Veranstalter bedeutet das immense finanzielle Einbußen. Viele Bonner Veranstalter und Spielstätten werden dadurch vor eine Existenzbedrohung gestellt. Doch unter welchen Umständen kann die Bonner Kulturszene wieder starten?

Von Christina Seggebäing

Die Brüder Simon und Julian Reininger sind Geschäftsführer der Bonner Eventagentur „fünfdrei“. Die Leistungen der Agentur reichen von Teamevents über Firmenfeiern bis zur Konzert- und Festivalorganisation. Die Krise hat sie überrascht, doch erstmal lief der Betrieb wie gewohnt weiter. „Zunächst haben wir das gar nicht so realisiert, dass jetzt so eine akute Gefahr auf die ganze Branche zukommen wird. Deshalb haben wir erstmal den ganzen Februar normal weitergearbeitet, die Agentur lief“, so Simon Reininger im Interview. In Planung war eine Roadshow für Werbepartner auf Festivals und das Green Juice Festival in Bonn. Erste Probleme sind laut Reiniger bei dem Kauf von Produkten aus China aufgetreten:

„Als wir Merchandise-Material kaufen wollten, hieß es plötzlich die Produktion ist festgefroren, man kann nichts mehr bestellen. Das war das erste Mal, dass wir die Krise richtig gespürt haben“.

Das Festival musste letztendlich aufgrund der Coronakrise abgesagt werden und auch weitere Pläne wurden vorerst auf Eis gelegt. Aber wie konnte es weitergehen?

Kulturstream

Veranstalter und Musiker haben lange nach Lösungen gesucht, um auch während der Corona-Pandemie Konzerte und Veranstaltungen zu ermöglichen. Ein erster Schritt war die Verlagerung ins Internet. Über Livestreaming können Konzerte aus dem Wohnzimmer, DJ-Sets aus geschlossenen Clubs oder Lesungen direkt nach Hause geholt werden. Diesen Schritt haben auch Simon und Julian Reininger zusammen mit Sandro Heinemann, Geschäftsführer der Eventagentur „Rheinevents“, unternommen. Dafür haben sie sich mit weiteren Kulturschaffenden zusammengetan und den Kulturstream „Bonn Live“ ins Leben gerufen, welcher mit Streams aus verschiedenen Locations in Bonn gestartet ist. Zum Programm gehörten verschiedene Auftritte, Konzerte und Comedy. Dadurch sollten vor allem auch Spenden für die Bonner Kulturbranche gesammelt werden. Doch kann man dieses Erlebnis mit einem üblichen Konzert vergleichen?

„Natürlich war das Ganze ohne Publikum, aber irgendwie war es schon ein Konzert, welches mit den Streams in die Wohnzimmer der Menschen gebracht wurde. Es war also eine Form von Konzert, auch wenn eine gewisse Virtualität dabei war“, sagt Reininger im Rückblick.

Bei den Streams mussten die Veranstalter aufgrund des Virus stets auf die Hygienevorschriften achten. So war immer eine hygienebeauftragte Person vor Ort und der Kreis der anwesenden Personen klein.

Autokonzerte

Die nächste Idee kam den Bonner Eventagenturen als sie sahen, dass es im Umkreis überall Autokinos gibt.

„In Köln hat dann Brings im Autokino gespielt, das fanden wir total cool und dann kam uns die Idee, einfach Autokonzerte zu machen“, erzählt der Eventplaner.

Das Ganze klingt erstmal einfach – die Planung hat jedoch einige Herausforderungen mit sich gebracht. Unter Hochdruck musste erstmal eine passende Location her. Laut Reininger gab es bei der Suche einiges zu beachten: „Natürlich muss man da eine gewisse Größe haben und die Sicherheitsabstände zwischen den Autos müssen eingehalten werden können. […] Die Vorgaben der Stadt und die Coronaschutzverordnung musste man dabei natürlich die ganze Zeit beachten.“ Bei der Planung der Autokonzerte haben die Agenturen sehr eng mit der Stadt zusammengearbeitet. Trotz einiger Herausforderungen waren beide Parteien sehr gewillt, kulturelle Veranstaltungen wieder stattfinden zu lassen. Letztendlich wurde ein passender Platz gefunden: ein Hof der Stadtwerke in der Immenburgstraße. Den ersten Autokonzerten stand damit nichts mehr im Weg. Für Reininger und Team war diese Art von Konzert Neuland:

„Das waren Konzerte, die wir natürlich in so einer Form auch noch nicht veranstaltet hatten. Wir kannten zwar Konzerte an sich, das heißt wir waren schon gut im Booking und Sponsorensammeln, aber wussten natürlich nicht, wie genau das Ganze letztendlich aussehen wird, wenn die Autos auf den Platz fahren. Sowas war total neuartig für uns. Aber dafür haben wir das gut bewältigt“.

Kulturgarten

Bonn Live Kulturgarten © Christina Seggebäing
Bonn Live Kulturgarten © Christina Seggebäing

Nach den Autokonzerten ist die Agentur noch einen Schritt weiter gegangen. So hat sie zusammen mit „Rheinevents“ mit dem Bonn Live Kulturgarten“ erstmals wieder Open-Air-Veranstaltungen auf der kleinen Blumenwiese in den Bonner Rheinauen stattfinden lassen – und das mit bis zu 2000 Zuschauern. Neben Konzerten unterschiedlicher Künstler*innen gehören auch Theateraufführungen von Spielstätten aus dem Bonner Raum zum Programm. Doch wie hat das funktioniert, Großveranstaltungen sind ja weiterhin verboten?

„Nachdem die Corona Schutzverordnung soweit gelockert wurde, dass sich wieder zehn Leute miteinander treffen dürfen, aber Großveranstaltungen ja weiterhin untersagt sind, wurden auch dahingehend die Regeln gelockert, sodass wir nicht als Großveranstaltung, sondern als Biergarten mit Beschallung gelten – und das funktioniert auch sehr gut“, erzählt Reininger.

Die strengen Hygienevorschriften müssen dabei stets beachtet werden. Dafür gibt es Wassertoiletten anstelle von Bauklos ohne Wasserspülung und auf dem ganzen Gelände herrscht die Maskenpflicht. Diese darf auch erst abgesetzt werden, sobald man auf seinem Platz sitzt. Ein Einbahnstraßensystem sorgt dabei für begegnungsfreie Wege zu den Toiletten und Sitzplätzen. Aber auch so sind die Besucher*innen auf dem Gelände nicht viel unterwegs – der Service findet nämlich nur zum Platz in der Parzelle statt. Doch wie sind die Parzellen aufgebaut?

„Für den Platz selbst haben wir Liegestuhlparzellen in zehner Blöcken, Bierbänke als Parzelle für acht Mann, Daybeds für sechs Personen und Picknickparzellen mit bis zu zehn Personen, für die man sich eine eigene Picknickdecke mitbringt“, so Reininger.

In den abgesteckten Bereichen dürfen sich also gemäß der Coronaschutzverordnung höchstens zehn Personen aufhalten. Doch was passiert im Falle einer Infektion? Nach Reininger sorgt eine Personalisierung der Parzellen pro Person dafür, dass eine mögliche Ausbreitung des Virus verhindert wird: „Die Parzelle ist personalisiert pro Person. Sollte also nachträglich herauskommen, dass sich einer der Personen in der Parzelle infiziert hat, werden wir benachrichtigt und können dann wiederum die umliegenden Besucher benachrichtigen und verhindern, dass weitere Ausbreitungen des Coronavirus entstehen.“

Konzerterlebnis

Und wie kann man sich ein solches Konzerterlebnis vorstellen? Beim Besuch eines Konzerts im „Bonn Live Kulturgarten“ habe ich mir selbst ein Bild gemacht. Dicht gedrängte Menschenmassen, welche man sonst von Konzerten kennt, wird man hier nicht finden – das erlaubt die aktuelle Situation auch nicht. Doch auch so herrscht ausgelassene Stimmung und bei schönem Wetter sogar ein wenig Urlaubsfeeling. Die nötigen Hygienevorschriften sowie das Parzellen- und Einbahnstraßensystem gewährleisten dabei ein sicheres Zusammenkommen. Rundum ein schönes Konzerterlebnis trotz des Coronavirus!

Band Bukahara © Christina Seggebäing
Band Bukahara © Christina Seggebäing

Wie kann ich die Kulturszene unterstützen?

Besonders wichtig, um Künstler*innen und Veranstalter*innen in dieser Zeit zu unterstützen, ist der Ticketkauf. Dabei unterstützt dieser nicht nur das „Bonn Live“-Team, sondern auch zahlreiche weitere Bonner Kultureinrichtungen wie das Haus der Springmaus, das Contra Kreistheater, die Pathologie, das Junge Theater Bonn und das Euro Theater Central sowie das Kleine Theater Bad Godesberg. Der Ticketkauf und damit die Partizipation an kulturellen Veranstaltungen ist laut Reininger für die ganze Branche essenziell:

„Das Wichtigste ist, Tickets zu kaufen und weiterhin Kultur zu genießen, natürlich in einem sicheren Abstand und unter den Vorschriften, sodass alle sicher auf Veranstaltungen gehen können.“

 

Beitragsbild: Christina Seggebäing

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