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„Kein Platz für braune Flaschen“

Bunte Bandbreite an Musikgenres inmitten der grauen Bauten der Universität zu Köln: Das festival contre le racisme findet am 13. Juni seinen Abschluss in einem Konzert mit Bands wie Neufundland, GiiRL und BSMG. Was können solche Veranstaltungen gegen Rassismus bewirken?

Von Julie Truchet

Es ist Mittwoch, 15.40 Uhr – der zögerliche Soundcheck lässt manche Studierende und Passanten an diesem ebenso zögerlich-sonnigen Nachmittag interessiert Richtung Kölner Philosophikum spinksen. Andere gehen noch eben was essen. Gleich geht’s los – der krönende Abschluss einer Veranstaltungsreihe, die vom 04. bis 13. Juni stattfand und sich mit den gesellschaftlichen Problemen um Rassismus, Xenophobie und ähnlichen fremdenfeindlichen Diskriminierungsweisen beschäftigt hat.

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Aktionsstände beim fclr. Foto: Julie Truchet

Inmitten von Ständen, an denen Sprüche wie „Aus Fremden können Freunde werden“, „Solidarität statt Hetze“ und „Nationalismus ist keine Alternative“ kleben, laufe ich mit anderen Studierenden in Richtung Bühne. Ein Mädchen neben mir schreibt mit bunter Kreide „Spende dein Pfand an Viva con Agua“ auf den Boden. Außerdem vertreten sind unter anderem das Allerweltshaus Köln, Amnesty International, das Hochschulradio und Antifa AK Köln.

Eine Woche voller Veranstaltungen gegen Rassismus geht zu Ende. Aaron Wilmink vom AStA Köln, der zusammen mit Nicholas Hellmann das diesjährige Programm organisiert hat, zieht eine positive Bilanz: „Sämtliche Veranstaltungen, waren außerordentlich gut besucht – seien es das Open-Air-Kino oder auch speziellere inhaltliche Veranstaltungen.“ Geboten wurden unter anderem Kabarett à la Till Reiners, drei Filmvorführungen und ein integratives Theaterprojekt junger schwuler, bisexueller und transsexueller Geflüchteter aus dem Rheinland und Ruhrgebiet.

Aktionswochen haben Ursprung in Frankreich

Die Festivalreihe gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit ist ursprünglich entlehnt an die Kampagne vom französischen Dachverband der Studierenden (UNEF), der sie bereits seit über einem Jahrzehnt in Frankreich veranstaltet. In Deutschland findet das festival seit 2003 jährlich an mehreren Orten gleichzeitig statt. Studierendenschaften und Initiativen vor Ort organisieren die reichhaltige Aktionswoche, in denen über Rassismus und Xenophobie informiert und Raum für Diskussion und Reflexion geschaffen wird.

Der freie zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs) und der Bundesverband ausländischer Studierender (BAS) rufen jedes Jahr zu den Aktionswochen auf und schlagen einen thematischen Schwerpunkt vor, der allerdings nicht übernommen werden muss. Der fzs koordiniert die einzelnen Hochschulstandorte und bietet unter anderem Unterstützung bei der Medienarbeit sowie bei der Suche nach Themen und ReferentInnen.

Der diesjährige thematische Rahmen

Vor zwei Jahren war das Leitthema Antiziganismus und letztes Jahr Identität. Dieses Jahr hat es erstmals kein klares Leitthema gegeben. Das Organisationsteam vom AStA habe sich für die Planung grob am Thema Alltagsrassismus orientiert. Da es ein an der Universität stattfindendes Festival ist, haben sich die Veranstalter mit dem Programm primär an Studierende gerichtet. „Gerade bei so größeren Veranstaltungen wie dem Open-Air-Kino oder dem Konzert zählen aber sicherlich auch andere Akteure im näheren Umfeld dazu“, erklärt mir Aaron.

Das mit etwas über 28.000 Euro aus Mitteln des AStA finanzierte festival contre le racisme war dieses Jahr insgesamt besser besucht als die Jahre zuvor. Nach Aaron liegt dies daran, dass das Programm auf weniger Veranstaltungen konzentriert wurde, diese aber besser beworben wurden. Das Konzept dahinter: „Das festival soll eine Mischung daraus bieten, dass einerseits tiefgehend inhaltlich mit dem Thema gearbeitet wird und andererseits das Thema eher niedrigschwellig in den Fokus gerückt wird.“ Es kämen nun mal mehr Leute zu einem plakativen Film beim Open-Air-Kino als zu einem inhaltlichen Vortrag, der anderthalb Stunden dauert.

Doch was bringen solche Veranstaltungen?

Während der Hip-Hop-Newcomer Reezy Reez versucht, die schüchtern-sitzende Menge an Studierenden vor der Bühne für sich zu gewinnen, spreche ich im Backstage-Bereich mit Milan und Dennis von der Kölner Band GiiRL und später mit den Sängern von Neufundland. Bei Bier, Charitea und selbst gedrehten Zigaretten sprechen wir über Anti-Rassismus-Veranstaltungen, das vermeintlich eingestaubte politische Lied und strukturellen Rassismus an Hochschulen.

Dennis und Milan von GiiRL. Foto: Julie Truchet
Dennis & Milan von GiiRL. Foto: Julie Truchet

GiiRL machen seit zwei Jahren zusammen Musik. Die Psychedelic Garage Rock Band, dessen Einflüsse hauptsächlich in der Musik von The White Stripes, The Kills und The Dead Weather liegen, hat kürzlich ihre zweite Single „Downtown“ veröffentlicht.

Zigarettendrehend erzählt Sänger Milan, dass durch Veranstaltungen wie das festival „Leute daran erinnert werden, wie schön es ist, vielfältig zu sein. Die Leute werden dadurch verbunden und erkennen, wie viele eigentlich ähnlich denken wie sie.“ Dies bestärke die meisten Leute eigentlich schon darin, offen zu sein.

Ähnlicher Tenor bei Fabian Langer und Fabian Mohn – beides Sänger, Texter und Gitarristen der Indie-Pop-Band Neufundland aus Köln Ehrenfeld: „Ich denke schon, dass solch eine Veranstaltung etwas bewegen kann. Man kann das nur schlecht quantifizieren. Es sind dann vielleicht drei Kids, die sich bis jetzt noch nie mit dem Thema Rassismus beschäftigt haben, sich aber dann dazu entscheiden, sich damit aktiv auseinanderzusetzen, etwas zu lesen und etwas ins Rollen zu bringen.“ Seit einigen Jahren ist schließlich beobachtbar, dass die Öffentlichkeit von rechts vermehrt angegriffen und so auch der öffentliche Raum stärker eingenommen wird. Die Idee, einen Gegenpool aufzuzeigen, sei demnach sehr naheliegend.

Das politische Lied per se, wie man es beispielsweise mit den 70er Jahren assoziiert, ist heutzutage eher schwer aufzufinden. Dennoch ist und bleibt Musik ein Bindeglied im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung. „Musik ist sehr gut darin, Menschen zu verbinden – neue Begegnungen zu schaffen“, erzählt Neufundland-Frontsänger Fabian. Musik hat das Potential, Gedankenaustausch, Konfrontation und Identität zu schaffen. „Erfolgreich sagen zu können ‚wir haben einen Song geschrieben, der jetzt die Welt verbessert‘, klappt jedoch sehr, sehr selten.“

Aaron Wilmink vom AStA Köln
Aaron Wilmink vom AStA Köln

Für Aaron vom AStA, den ich nach dem Festivalabschluss spreche, vollzieht sich die Wirkung von Anti-Rassismus-Veranstaltung wie der des festival contre le racisme auf verschiedenen Ebenen. Zuerst sei das Ansprechen des Themas entscheidend, um auf der einen Seite aufzuzeigen, dass es immer noch ein in Deutschland präsentes Problem ist. Auf der anderen Seite sei es elementar, dass sich jede einzelne Person mit den verschiedenen Facetten auseinandersetzt – auch die Personen, die das Problem durchaus anerkennen. Mit verschiedenen Arten diese Diffamierung offenzulegen versuchen die festival-Veranstalter, den Besuchern Lösungsmöglichkeiten und Ideen an die Hand zu geben, wie mit Diskriminierung umgegangen werden kann. „Es ist wichtig, dass wir die Leute, die von struktureller Diskriminierung betroffen sind, sichtbar machen, damit ein Empowerment stattfinden kann“, so Aaron. Nicht zuletzt müsse man Leute dazu bringen, sich mit ihrem Umfeld zu befassen und gegen die Diskriminierung aktiv vorzugehen: „mit Freunden sprechen, mit der Familie sprechen und auch aktiv im Alltag dafür sorgen, dass dieser diskriminierungsfreier wird.“

Alltagsrassismus und struktureller Rassismus

Rassismus ist überall: auf der Straße, zu Hause, in der Schule, in der Uni – mal präsenter und mal versteckter. An einer solch elitären Institution wie der Universität wird Rassismus leider nicht minder (re-)produziert als an jedem anderen Ort auch – sei es durch die Nicht-Thematisierung des stattfindenden Rassismus an Hochschulen oder durch die Tatsache, dass eher weniger Texte von Menschen, die rassistische Diskriminierung erfahren oder erfahren haben, fester Bestandteil der Vorlesungsapparate sind.

„Es hört ja nicht bei Rassismus auf, sondern auch Sexismus ist ein großes Problem“, so Fabian Mohn von Neufundland, der hier an der Uni Köln studiert hat. Hier seien natürlich Institutionen, die über große Machtgefälle verfügen und an denen in irgendeiner Form Gesellschaft gestaltet wird, auch der Ansatzpunkt, an dem aktives Hinterfragen und Stärkung der Selbstreflexion nötig ist. „Ich glaube, dass jeder, der mit einigermaßen offenen Augen durch seine Uni-Karriere gelaufen ist, das mitbekommen hat“, sagt der Bonner während er den Blick über die 70er-Jahre-Uni-Gebäude schweifen lässt.

Aaron vom AStA richtet den Blick auf die Studierenden-Ebene: „Sie mögen zwar eher wie eine etwas aufgeklärtere Menschenmenge wirken, aber auch wie in der restlichen Gesellschaft gibt es unter Studierenden Leute, die letzten Endes rechte, rechtsextreme, rassistische, diskriminierende Positionen einnehmen.“

GiiRL und Neufundland rocken die Bühne

Jetzt geht’s auf zum Konzert – zuerst dem von GiiRL! Milan an Gitarre, Mikrofon und Synthesizer und Dennis am Schlagzeug liefern eine beachtliche Show voller Spiel- und Improvisationsfreude. Die Musik: impulsiv, energiegeladen und virtuos. Während die Menge der Zuschauer bei GiiRL leider immer noch größtenteils entspannt auf dem Boden sitzt, wacht sie zu den tanzbaren Indie-Pop-Klängen der fünfköpfigen Band Neufundland endlich auf.

Fabian und Matthias von Neufundland. Foto: Julie Truchet
Fabian & Matthias von Neufundland. Foto: Julie Truchet

Beim Konzert bringt es Neufundland-Frontsänger Fabian auf den Punkt: „Eigentlich geht es am häufigsten um den kleinen, detaillierten Rassismus im Alltag, der überall zu finden ist.“ Wenn er an Feiertagen in seinen Heimatort fährt, merke er immer wieder, wie viele Leute mit faschistischen Ansichten dort leben. Es gehe um diese kleinen Momente, in denen es wichtig ist, nicht einfach zu gehen, sondern darüber zu sprechen und Leuten möglicherweise so noch etwas mitgeben zu können. „Oft wollen einem Leute so oft so viel Scheiß erzählen, bis es irgendwann stimmt. Und das klappt eben nie.“ Es folgt der flüssige Übergang zum Song „Ich lüge so lange, bis es stimmt“.

Neufundland macht als Band seit vier Jahren Musik. Seit November 2017 ist ihr Debüt-Album „Wir werden niemals fertig sein“ erhältlich, welches vom gesellschaftlichen Imperativ und Optimierungsdrang handelt. Gleichzeitig ist das Album eine Ablehnung genau dieser Dränge. Eine kantige, kapitalismuskritische Kampfansage gegen nadelöhrartigen Befindlichkeits-Radio-Pop.

„Wir schaffen mehr gemeinsam“

Der Bier-Pegel steigt, die Abendsonne gibt noch einmal alles, das Publikum ebenso. Es ist so weit, der Headliner des Abends BSMG tritt auf. Der Mix aus afrikanischem Sound, soliden Hip-Hop-Beats, afroamerikanischen Themen und Freestyle-Statements zu Alltagsrassismus in Deutschland wird vom Publikum gefeiert.

Hip-Hop-Headliner BSMG. Foto: Julie Truchet
Hip-Hop-Headliner BSMG. Foto: Julie Truchet

Der Name der deutschen Hip-Hop-Supergroup, bestehend aus den beiden Rappern Megaloh und Musa sowie dem Produzenten Ghanaian Stallion, hat viele Bedeutungen: „Black Super Man Group“, „Brüder schaffen mehr gemeinsam“, „Die Black Superman Gang“, „Brüder, Schwestern, mehr Gemeinschaft“ sowie „Brothers, Sisters, move globally“. Die Botschaft ist klar: Selbstermächtigung der farbigen Gemeinde in Deutschland.

„Wir schaffen mehr gemeinsam“ lautet die Devise des Auftritts – und des Abends. Mit der erhobenen Faust gemeinsam gegen Rassismus und jegliche Formen der Diskriminierung.

 

 

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