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„It’s the greatest, it’s true!“ – Ein Auslandssemester zwischen Trumpwählern

Heutzutage gehört es für die meisten Studierenden dazu, wenigstens ein paar Monate im Ausland studiert oder gearbeitet zu haben. Die Ortsauswahl folgt dabei verschiedenen Kriterien: Sonnenstunden pro Tag, Preis pro Liter Bier, tödliche Tiere pro Quadratmeter.
Zunehmend spielt auch Politik eine Rolle. Denn man muss sich die Frage stellen, ob man für ein paar Monate in einem Land leben will, das von einem Immobilientycoon ohne politische Erfahrung regiert wird.
von Louisa Goldstein

Ein verschwommenes Bild in Graustufen, Stimmengewirr, dann wird das Bild scharf: Menschenschlangen vor den Einreiseschaltern der US-Behörden. Zoom auf zwei Gesichter, ein Junge und ein Mädchen, Anfang 20, müde aber aufgeregt. Acht Stunden saßen sie im Flieger nach Chicago – Richtung Auslandssemester. „Next!“ Die Ansage des Beamten zerreißt die Luft. Unruhig treten sie vor, die Reisepässe in den verschwitzen Händen. Stumm nimmt der Beamte sie entgegen, scannt. „Studying abroad?“ Nicken: „Yes.“ Blättern. „And where?“ Dann das Wort, das ihn aufblicken lässt: „Mississippi.“ Ein fast schon angewiderter
Blick: „WHY?“
CUT.
Überall Menschen, überall blau und rot. Dicht an dicht stehen die Pavillons im Grove, dem Park der University of Mississippi, kurz Ole Miss. Es ist Football Game Day. Die Ole Miss Rebels haben ihren Erzfeind zu Gast: Alabama. Katy Perry, Morgan Freeman, Zac Efron – sie alle sind im Stadion. Die Stimmung ist ausgelassen: fast niemand, der keinen roten Becher in der Hand hält. Er und sie sind ebenfalls da, lachen und erzählen von dem Beamten, der nicht glauben konnte, wieso man nach Mississippi gehen wolle. Sie sagen sich: wegen Momenten wie diesen.
Gänsehaut pur! 65.000 Menschen rufen: OLE MISS BY DAMN! Foto: Louisa Goldstein
Gänsehaut pur! 65.000 Menschen rufen: OLE MISS BY DAMN! Foto: Louisa Goldstein

Wäre mein Auslandssemester ein Film gewesen, wären diese beiden Ereignisse vielleicht so inszeniert worden. Es waren mit die beeindruckendsten fünf Monate meines Lebens. Doch nach wie vor werde ich immer wieder gefragt:„Mississippi, WHY?“ Gerade nach der letzten US-Präsidentschaftswahl wurde vermehrt die Frage gestellt, ob ich noch einmal nach Mississippi gehen würde, in diesen Staat, der in vielen Statistiken der USA auf den  letzten Plätzen liegt – außer bei Teenagerschwangerschaften. Ein Staat, der als Trumpland gilt.

Zehn von Zwölf würden noch einmal zurück gehen – zumindest als Touristen
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Über 150 Austauschstudierende aus mehr als 15 Ländern studierten mit mir in Mississippi. Foto: Louisa Goldstein

Nicht nur ich habe mir diese Frage gestellt, auch meine ehemaligen Kommilitonen. Für sie ist der internationale Dialog einer der Gründe zurückzukehren. „Ich denke, dass interkultureller Austausch auf beiden Seiten elementar ist, um intranationales Silodenken zu vermeiden“, erläutert Ben (Deutschland) seine Entscheidung. Heather (England) fügt hinzu, dass man Menschen wie Trump nicht erlauben dürfe, den Wert von Globalisierung und internationalem Austausch zu bedrohen. Dennoch vermuten sie, genau wie Charlotte (England) oder Matthias (Deutschland), dass diese Entscheidung Menschen mit einer anderen Herkunft oder Religion schwerer fallen würde. Dies unterstützt auch Emerald, die aus Mississippi kommt und selbst in Deutschland studierte: „Ich glaube, dass die Wahl Einfluss nehmen wird. Studierende aus bestimmten Ländern oder mit gewissen politischen Einstellungen, werden nicht mehr kommen wollen. Andere dafür umso mehr.“ Von negativen Erfahrungen berichtet beispielsweise Sandra (Spanien), die sich bereits während unseres Auslandssemesters mit Rassismus konfrontiert sah. Da man sie für eine Mexikanerin hielt, wurde sie gefragt, ob sie bleiben und Jobs stehlen wolle. Auch Maria (Brasilien) erlebte diese Ablehnung, würde aber zumindest als Tourist noch einmal in die Südstaaten reisen. Seon-Young (Korea) allerdings schließt sich Sandra an: „Trump fördert Protektionismus und sieht Immigranten nur als Eindringlinge. In diese negative Kultur will ich nicht zurück.“ Trotz dieser traurigen Beispiele überwiegen für die Meisten die Erlebnisse, Bekanntschaften und Orte, die sie kennen lernen konnten. Denn alle Zwölf sagen, dass sie ein Auslandsstudium empfehlen. Sandra wohnt mittlerweile sogar in den USA – allerdings in Chicago.

Obwohl wir alle Situationen erlebten, die uns fremd erschienen, wollen wir doch die Monate im konservativen Bible Belt nicht missen. Doch warum genau schaute der Einreisebeamte auf unser Reiseziel hinab? Wieso sind die Südstaaten Trumpland?

Welcome to the Magnolia State!
Mississippi gehört zu den ärmsten Bundesstaaten der USA: 2014 lag das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bei 31,55 US-Dollar – der Durchschnitt bei 49,45 US-Dollar. Die Hälfte aller Bürger bezeichnet sich als konservativ und 2016 erließ der Staat ein Gesetz, das es Geschäftsleuten und Staatsdienern erlaubt, Homosexuellen ihren Dienst zu verweigern. Die Liste dieser rückständig anmutenden Fakten lässt sich weiter fortsetzen: erst 1995 ratifizierte Mississippi den 13. Zusatzartikel, der die Sklaverei abschafft. Erst 1967 wurde das Verbot der Mischehe aufgehoben – auch wenn fast ein Drittel der republikanischen Wähler nach wie vor dafür ist. 66% dieser Wähler glauben außerdem, dass die Evolutionstheorie nicht stimme.

Protect the southern way of life

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Die Oak Alley Plantage in Louisiana ist heute ein Museum zur Geschichte der Sklavenhaltergesellschaft. Zusätzlich dient sie aber auch als Filmkulisse, beispielsweise für „Interview mit einem Vampir“ oder „True Detective“.

1861 bis 1865 tobte der Amerikanische Bürgerkrieg, der Norden gegen den Süden. Am Ende gewann der Norden und die Sklaverei wurde abgeschafft. Im Süden wurde die Niederlage, teilweise bis heute, mit dem Verrat der moralisch unterlegenen Untergebenen des Volkshelden General Robert E. Lee erklärt. Als Kriegsauslöser wird nicht die Frage um die Sklaverei, sondern der wirtschaftliche und kulturelle Angriff des Nordens betrachtet. Die Niederlage hatte jedoch nicht nur ein revisionistisches Geschichtsbild zur Folge, sondern auch eine verstärkte Zuwendung zur Religion sowie den Erhalt von konservativen Werten und Rassismus in der Gesellschaft. Das heutige Verständnis der amerikanischen Parteien ist noch nicht so alt, wie man vermuten mag. So war der Süden bis in die 1960er fest in demokratischen Händen. Doch die Unterstützung des Civil Rights Movement durch Truman oder Kennedy führte zu einem Abwandern der südlichen Wählerschaft. Nixon war der erste republikanische Präsident, der die Mehrheit der (vorwiegend konservativen und segregationistischen weißen) Wähler für sich gewann – ein Umbruch im Solid South, im politisch und gesellschaftlich eingeschworenen Süden, war angebrochen. Heute sind sie, zumindest bei den Präsidentschaftswahlen, eine republikanische Hochburg, empfänglich für konservative und fremdenfeindliche Parolen – obwohl nach wie vor viele Afroamerikaner in Mississippi leben.

Diese Parolen lassen sich auch bei manchen Studierenden der Ole Miss finden. Die Universität wurde 1848 gegründet und hat über 24.000 Studierende. Der Name der Ole Miss Rebels erinnert noch heute an die Bedeutung des Bürgerkriegs für die Region. 1962 brachen die Ole Miss Riots aus, als der erste afroamerikanische Student sein Studium begann; 2014 legte eine Fraternity seiner Statue eine Schlinge um den Hals – sie wurde daraufhin vom Campus verbannt.

„Eigentlich hat die Wahl keinen Einfluss genommen.“

All diese Fakten scheinen nur den Verdacht zu erhärten, dass das Interesse an den Südstaaten nachlässt. Brit Sperber-Fels, Referentin für ‚Studieren und Forschen im Ausland’ an der Universität zu Köln, kann dies allerdings nicht bestätigen: die Bewerberzahlen seien konstant. „Bisher wurde ich einmal gefragt, ob wir nach der Wahl die Verträge kündigen, was keine Lösung ist. Man sollte im Dialog bleiben.“

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Das Lyceum ist das älteste Gebäude der Ole Miss, diente im Bürgerkrieg als Lazarett und zeugt mit seinen griechisch anmutenden Säulen vom traditionsbewussten Anspruch der Universitätsgründer. Foto: Louisa Goldstein

Auch habe es keine speziellen Nachfragen zur Ole Miss oder der politischen Lage dort gegeben. Frau Sperber-Fels erklärt dies aber auch mit der Einsicht, dass ein Sicheinlassen auf neue Perspektiven und interkulturelle Erfahrungen einwichtiger Teil der Auslandserfahrung seien. Viele Studierende würden deswegen genau recherchieren, sich bewusst für ein Ziel entscheiden – auch für Mississippi.
Es ist ein Unterschied, ob man sich mit konservativen Trumpwählern oder mit potentiellen Terror, beispielsweise in der Türkei, auseinanderzusetzen muss. Die Studierenden dort werden von Annika Schwarz im Rahmen des ERASMUS Programm der Universität zu Köln betreut. Doch auch da seien die Zahlen nicht zurückgegangen. „Es gab nur vereinzelte Fällte, wo Studierende vorzeitig zurückgekommen sind.“ Die Universität folgt bestimmten Vorgaben, wenn beispielsweise ein Terroranschlag verübt wurde. Es wird sofort mit den Studierenden Kontakt aufgenommen, Hilfe angeboten und auf Wunsch die Rückreise ermöglicht. Informationen werden direkt und umfassend weitergegeben – eine Quelle dafür seien die Reisewarnungen der Auswärtigen Amtes. „Bedrohungen werden unterschiedlich wahrgenommen. Die Uni positioniert sich und gibt die Informationen raus, aber am Ende ist es immer eine individuelle Entscheidung“, fasst Brit Sperber-Fels zusammen.

„Mississippi, WHY?“
Mehrere meiner ehemaligen Kommilitonen dachten, dass das Interesse an Mississippi nach der Wahl sinken würde, doch die Zahlen der
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William Faulkner zählt wohl zu den berühmtesten Bürgern von Oxford, Mississippi. Foto: Louisa Goldstein

Universität zu Köln sprechen eine andere Sprache. Nimmt Politik also gar keinen so großen Einfluss, wie gedacht? Wie Frau Sperber-Fels schon verdeutlichte, entscheidet sich die Mehrheit der Studierenden bewusst für ihr Ziel, bewusst für eine eventuelle Auseinandersetzung mit konservativen Trumpwählern. Auch wir mussten erst unsere Erfahrungen im Lost South machen, bevor wir sagen konnten, dass wir wenn nur als Touristen zurück gehen würden. In jedem Fall prägen Erfahrungen stärker, als Dinge, die man vorher nur gelesen hat. Die Aussicht, in einer fremden Kultur zu leben, ist reizvoller, als Filme darüber zu sehen. Ein interkulturelles Verständnis zu entwickeln ist in heutigen Zeiten wichtiger denn je. Zwar ist es nach vollziehbar, wenn man aus politischen Gründen nicht in ein bestimmtes Land geht. Doch macht es einen Unterschied, ob man eventuell um sein Leben fürchten muss, oder um das letzte Wort. Für die Ole Miss scheint das Interesse ungebrochen, zumindest in Westeuropa. Ob sich dies nach weiteren Eskapaden Trumps ändern wird,bleibt abzuwarten. Doch bis dahin werden sich weiterhin Studierende den ungläubigen Blicken der Einreisebeamten stellen müssen, wenn es heißt: „Where you’re going?“ – „Mississippi!“

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