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Aktuelles Frauenfrage - Kolumne Gesellschaftsleben

Ist Feminismus rassistisch?

Feminismus steht für die Gleichberechtigung aller Menschen – doch ist er nicht allen Versprechungen zum Trotz einfach nur „weiß“?

„Frauenfrage“, eine Kolumne von Louisa Albrecht

Wer mich je getroffen hat, kennt meine Haare – Naturlocken, die ich von meinem Vater habe, dessen Vater aus Ghana kommt. Zu 25% bin ich also „schwarz“… da bei meiner Hautfarbe aber vor allem die Gene meiner Mutter durchkommen, konnte ich ein ziemlich Vorurteilsfreies Leben führen, mal abgesehen davon, dass ich zu Schwarzen nicht mehr Kontakt hatte, als jede*r Durchschnittsweiße auch. Und entsprechend ist mein Weltbild ein Weißes.

Wenn mensch jedoch in der Geschichte zurück blickt, zeigt sich, dass weiße Männer die meisten Privilegien hatten, dann kamen weiße Frauen, danach schwarze Männer und ganz am Ende der Hackordnung finden sich auch schwarze Frauen.  Die Lebensrealität von weißen und schwarzen Feminist*innen ist nicht dieselbe, wie mir spätestens nach der Lektüre eines Artikels klar wurde. In ihm wird unter anderem die Wichtigkeit der Disneyprinzessin Tiana für die schwarze Community diskutiert – die einzige schwarze Prinzessin, die es überhaupt gibt. Abgesehen davon geht es auch um Wertevorstellungen. Die Autorin schreibt, dass während weiße Frauen dafür kämpf(t)en, arbeiten zu dürfen, schwarze Frauen dafür kämpf(t)en, auch mal zu Hause bleiben zu können. Die Beispiele setzen sich unter anderem mit Reproduktionsrechten und Verhütung fort und gehen bis hin zum Frauenbild an und für sich.

Es gibt historisch und aktuell genug Beispiele dafür, wie weiße Suffragetten und Frauenrechtler*innen schwarze Frauen (und Männer) diskriminiert haben, während sie für die Gleichberechtigung kämpften. Jedenfalls ihre eigene.

Ein Blick in mein Bücherregal zeigt mir zudem schnell und deutlich, dass auch ich mich bisher viel zu wenig mit der Perspektive nicht-weißer Feminist*innen beschäftigt habe. Von 25 feministischen Büchern stammen gerade mal 3 von nicht weißen Autorinnen. Alice Walker ( The Colour Purple, letzten Monat gekauft), Chimamanda Ngozi Adichie (Americanah) und Preti Taneja (Wir, die wir jung sind. Im März habe ich Preti interviewt). Alle drei Bücher sind jedoch keine Untersuchungen wie etwa Das andere Geschlecht von de Beauvoir oder A Room of Ones Own, sondern Romane (was sie allerdings nicht zu weniger wertvollen Beiträgen macht!). 3 von 25 – das sind 12%. Mal ganz abgesehen davon, dass fast mein gesamtes Bücherregal (also knapp 500 Bücher) größtenteils von weißen Autor*innen dominiert wird.

Die weiße Perspektive hat oftmals eine Art Deutungshoheit über feministische Belange, nicht-weiße Erfahrungen haben lange kaum Aufmerksamkeit bekommen oder wurden gar unterdrückt und auch heute sind wir noch weit entfernt von einer ausgewogenen Mischung. In meinem Umfeld ist das aber auch noch nie kritisiert worden, egal mit wem ich mich über Feminismus unterhalten habe. Entsprechende Kritik habe ich stets nur auf englischsprachigen Blogs gefunden.

Ohne übermäßig dramatisieren zu wollen, würde ich sagen, dass diese Unausgewogenheit ein Riesenproblem ist, sowohl für die Gesellschaft im allgemeinen als aber auch spezifisch für den Feminismus. Solange die Grenzen der Hautfarbe weiter bestehen und nicht tatsächlich alle Perspektiven gleichberechtigt zu Wort kommen, kann der Feminismus sein Ziel – Gleichberechtigung für ALLE – nicht erreichen.

 

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