Filmplakat Irgendwo Dazwischen © Katharina Schacke
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„Irgendwo Dazwischen“ – Mit einer Webserie aus der Tabuzone

Bin ich derjenige, der ich mein Leben lang vorgab zu sein oder doch jemand ganz anderes? Saarbrücker Filmstudenten wagen sich mit ihrem Webserien-Debüt „Irgendwo Dazwischen“ an das Thema der Transsexualität. Die Regisseurin und der Protagonist sprechen über die Hintergründe.

von Susanne Schöla

Eine erfolgreiche Partynacht liegt hinter Alex. Komplimente für ihr Outfit kriegt sie nur selten zu hören. Auch der Flirt auf der Tanzfläche war neu für sie. Mit den High Heels in der Hand läuft sie in ihrem kurzen schwarzen Kleid die Straße entlang und schreit ihr Glück in die Dunkelheit hinaus. Szenenwechsel. Ungeschminkt starrt Alex in den Spiegel, die Haare zu dem gewohnten Zopf gebunden. Von der Freude wenige Minuten zuvor ist nichts mehr zu sehen. Ausdruckslosigkeit macht sich im Gesicht breit. Eine unausgesprochene Frage steht im Raum: Wer bin ich eigentlich? Dann wird das Bild schwarz. Nach nur fünf Minuten ist die erste Folge der Serie „Irgendwo Dazwischen“ vorbei. Fünf Minuten, die mich nicht nur dazu bringen mir direkt die nächsten zwei Folgen anzuschauen. Einige Wochen später bin ich dann sogar auf dem Weg ins Saarland, um mit der Regisseurin der Serie über ihr Debüt zu sprechen.

BTS Irgendwo Dazwischen
Foto vom Dreh von „Irgendwo Dazwischen“ © Katharina Schacke

Die Mini-Webserie stammt von Studenten der Hoch­schule der Bildenden Künste Saar und wurde bereits im Jahr 2017 in Saarbrücken produziert. In den insgesamt drei Folgen mit einer Länge von jeweils fünf bis sieben Minuten wird das Thema Transsexu­alität in den Fokus gerückt. Es wird die Geschichte von Alex erzählt, einem jungen Studenten, der sich in seiner eigenen Haut nicht wohl fühlt und deswegen beginnt ein Doppelleben zu führen. Als eine von wenigen Personen konnte ich mir – auf Anfrage – die fertige Serie in Gänze bereits von zu Hause aus auf meinem Laptop anschauen. Nachdem „Irgendwo Dazwischen“ aber nun öffentlich auf Filmfestivals wie dem „Bundesfestival junger Film“ in St. Ingbert offiziell Premiere gefeiert hat, soll die Serie bald auch im Internet für jedermann zu sehen sein. Der Trailer des Dramas ist bereits auf YouTube verfügbar.

Das Phänomen Webserie

In einem Café in St. Wendel bei Saarbrücken treffe ich mich mit der Regisseurin von „Irgendwo Dazwischen“, Katharina Schacke, von der auch die Grundidee der Webserie stammt. Sie trägt ein weißes Shirt, als sie sich lächelnd mit ihrer Flasche Wasser in der Hand zu mir an den Tisch setzt. Das Café ist nur spärlich gefüllt, sodass wir uns ungestört über die Mini-Webserie unterhalten können. Katharina ist der Meinung: Webserien sind im Kommen – sei es auf Netflix oder YouTube. Besonders YouTube bietet sich als offen zugängliche Plattform für Nischen­themen, wie eben das der Transsexualität, an. Wichtig auch für Studentenfilme: Man kann seine Serie kostenlos zeigen und gleichzeitig viele Leute erreichen. Deswegen sei sie auch auf die Reaktionen der Zuschauer im Internet gespannt, sagt Katharina. Vielleicht ja auch von betroffenen Personen.

Skype Interview Jaro Weiter
Skypeinterview mit Jaro Weiter  © Susanne Schöla

Das Format der Webserie an sich wurde dem Filmteam in einem Seminar vorgegeben. „Webserien sind ja extra sehr kurz und müssen einfach catchen. Man muss in kurzer Zeit schon relativ viel Inhalt bringen, aber es dann immer noch zum Schluss jeder Folge hinkriegen, dass man weiter schaut“, erklärt mir Jaro Weiter, der den Protagonisten der Serie spielt. Mit ihm habe ich mich zu einem abendlichen Video-Skype-Interview verabredet, da er im letzten Jahr von Saarbrücken nach Berlin gezogen ist, um dort an einer Filmhochschule weiter zu studieren. Als er den Anruf annimmt, sitzt er in seinem WG-Zimmer. In seiner letzten Szene als Alex hatte er noch schulterlange blonde Haare und stand in einem Kleid in der Dunkelheit. Mittlerweile ist diese Frisur einem Kurzhaarschnitt gewichen und er trägt einen Dreitagebart. Lachend erzählt er von den Erfahrungen, die er mit seinen Freunden gemacht hat, als sie sich die Serie angeschaut haben: Nach jeder Episode wollten sie unbedingt wissen was als Nächstes passiert. Das Konzept der „catchenden“ Webserie ist also aufgegangen.

„Ich finde, das Thema muss man aufgreifen. Das ist nie aktuell genug.“

Bild Katharina Schacke Interview
Katharina Schacke beim Interview © Susanne Schöla

In St. Wendel kommen wir auf das Thema Transsexualität zu sprechen. In vielen Filmen würden Transsexuelle sehr übertrieben dargestellt werden, wenn das Thema denn überhaupt aufgegriffen wird, sagt Katharina nachdenklich. Viel häufiger noch werde es in der Gesellschaft ganz tabuisiert. Der Ansatz ihres Filmteams sei da anders gewesen: „Wir wollten, dass man sich mit Alex identifizieren kann. Dass er wie du und ich wirkt. Ist er ja auch.“ Für die Saarbrücker Studenten war es wichtig, die Gefühlswelt von Alex zu zeigen. Ich denke an die Anfangsszene der Webserie zurück. Zu Beginn wird Alex den Zuschauern als ein sehr selbstbewusster und fröhlicher junger Mann präsentiert, der erst hinter verschlossenen Türen seine Maske ablegen kann. Erst dann wird seine Unzufriedenheit deutlich. Die Webserie ist gespickt mit intensiven Close-Ups von Alex‘ Gesicht. Katharina zaubert unter dem Tisch eine Plakatrolle hervor. Stolz zeigt sie mir eines der Poster, mit dem das Filmteam für die Webserie wirbt. Alex liegt auf einer Straße und starrt in den Himmel. Verzweiflung liegt in seinem Blick. Sei es als Mann oder als Frau, meistens ist in seinen Zügen eine Mischung aus Zurückhaltung, Zweifel oder Angst zu sehen. Unbestreitbar ist der Zuschauer sehr nah an Alex dran.

„Das ist bestimmt eine coole Erfahrung. Ich mache das jetzt einfach.“

„Irgendwo Dazwischen“ ist Katharinas Regie-Debüt, ebenso wie es für Jaro die erste Sprechrolle in einem Film war. „Es war alles für uns – auch für die anderen – neu. Wir mussten uns ein bisschen einfinden“, erzählt mir Katharina. Vorher hatte sie, wie die meisten anderen Studenten der Filmcrew, Projekte hauptsächlich im Alleingang umgesetzt. Bei „Irgendwo Dazwischen“ hat allerdings jeder eine eigene Rolle und war ausschließlich für seinen Part verantwortlich. Katharinas Aufgabenbereiche waren Drehbuch und Regie. Trotzdem sei man im Laufe des Drehs für die Vorschläge seiner Kommilitonen offen gewesen. Zusammen hätten sie dann von Episode zu Episode auch immer mehr dazugelernt. Letztendlich habe das Team sehr gut zusammen funktioniert. Das lag auch daran, dass die gesamte achtköpfige Truppe sofort von Katharinas Idee begeistert war. Nachdem das Drehbuch stand, und die Aufgaben verteilt waren, hätte das Projekt so gut wie starten können.

Filmbild Irgendwo Dazwischen
Standfoto: Alex (r.) beobachtet Kai (l.) mit Pina © Benedikt Dresen

An einem Punkt hakte es jedoch zunächst: Das Casting lief nicht so wie erhofft. Während die Nebendarsteller schnell gefunden waren, bekam das Filmteam für die Hauptrolle nur Absagen. Niemand konnte sich in der Rolle von Alex sehen. „Und da blieb irgendwie nur noch ich übrig“, räumt Jaro ein „Ich war anfangs ehrlich gesagt auch nicht von dieser Idee begeistert, dass ich das spielen muss.“ Ursprünglich wollte er die Kamera bedienen und die Bildgestaltung übernehmen, dann stand er plötzlich vor der Kamera. Seine Erfahrungen als Schauspieler hielten sich bis dahin in Grenzen: Zuvor hatte er lediglich als Komparse in verschiedenen Filmen mitgewirkt. Um das Projekt nicht scheitern zu lassen, erklärte er sich schließlich dazu bereit, den Part zu übernehmen. Zunächst mit einem mulmigen Gefühl. Vor allem zu Drehbeginn habe er gezweifelt und fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, erzählt er.

„Das war auch sehr schwer für mich, mich gerade in diesen Charakter zu versetzen, weil ich davon ja nicht betroffen bin.“

Jaro erinnert sich zurück an die Vorbereitung für den Dreh, bei der ihm erneut vor Augen geführt wurde, dass Diskriminierung und Ignoranz zum Alltag von Transsexuellen gehört. Gedankenverloren bleibt sein Blick für wenige Sekunden an der Decke seines Zimmers hängen, bevor er sich wieder seinem Handydisplay zuwendet und mir von einem speziellen Vorfall erzählt. Zusammen mit Katharina war er zu einer Einkaufstour in der Saarbrücker Innenstadt unterwegs, um passende Kleider und Schuhe für die Rolle zu finden. Während er in mehreren Modegeschäften in den Kabinen Kleider anprobieren musste, habe ihn nicht selten die eine oder andere vorbeilaufende Dame perplex angestarrt. „Ich habe mich da schon sehr unangenehm gefühlt. Auch wenn ich gewusst habe, das ist nur für eine Rolle“, sagt er. Im Laufe des Drehs aber sei er mit seiner Figur gewachsen. Letztendlich habe es ihm auch sehr viel Spaß gemacht diese Erfahrung zu machen – auch wenn ihm während der Dreharbeiten der ein oder andere schräge Blick von Schaulustigen zugeworfen wurde. Dennoch – bereuen tut er es auf keinen Fall. Auch Katharina ist mit der Wahl ihres Hauptdarstellers sehr zufrieden: „Ich glaube, wir hätten die Rolle nicht besser besetzen können.“

Mit der Webserie auf die Leinwand

Der Wunsch der Filmemacher, mit dem Film eine Diskussion anzustoßen und zum Gesprächsthema zu werden, hat zumindest beim Bundesfestival Film schon einmal gut funktioniert. Zwar ist die Webserie bei der Preisverleihung im Juni leer ausgegangen, allerdings wurde auf eine andere Weise die Werbetrommel gerührt: Der Film wurde als „Aushängeschild“ der diesjährigen Ausgabe genutzt. So war Jaros Gesicht prominent als Hintergrund der Website zu sehen. Zusätzlich wurde die Webserie als nominierter Film im Festivalprogramm auf einer großen Kinoleinwand gezeigt. Was Katharina besonders freut: Das Drama lief ebenfalls im medienpädagogischen Programm und wurde von Schülern im Anschluss ausdiskutiert. Nach beiden Vorführungen gingen Zuschauer auf die Filmemacher zu und suchten das Gespräch. Um noch mehr Leute zu erreichen, möchte das Filmteam die Webserie jetzt bei weiteren Wettbewerben und Festivals in ganz Deutschland einreichen. So könnte der Film bald in Kölner oder Berliner Kinos laufen und auch dort für Diskussionsstoff sorgen. Für die Studenten wäre das ein großer Erfolg – denn mit jeder zusätzlichen Vorführung würden sie einen weiteren kleinen Schritt dazu beigetragen, das Thema Transsexualität aus der gesellschaftlichen Tabuzone zu befreien.

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