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„Krass muss auf jeden Fall sein!“ – Ein Interview mit Charlotte Roche

Worüber man so spricht, wenn man eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen trifft? Zum Beispiel über analoge Penisbilder, Feminismus und natürlich das Leben auf dem Land. Vorsicht: Beschönigende Meinungen sind auf den folgenden Seiten nicht zu finden, denn das Zauberwort heißt „krass“.

von Lisa Victoria Hertwig

Ich treffe Charlotte Roche am Blumencafé, schon von Weitem winkt sie mir zu. Gekleidet in lockeren Military-Hosen und einem weißen Sportshirt reicht sie mir von ihrem Mountainbike aus die Hand, um sich vorzustellen. Irgendwie komisch, sie jetzt ganz offiziell zu treffen. Für sie bin ich nur eine der vielen Dorfbewohner, die an ihrem Haus vorbei den Hund ausführt.

Mit meiner jahrzehntelangen Dorferfahrung nehme ich sie mit ins Herzstück von Dattenfeld, unseren mit Kinderspielplatz und Volleyball-Feld, Grill-Flächen und einem kleinen See inklusive Bachlauf und zwei Brücken ausgestatteten Park. Wir lassen uns auf der Erhöhung eines Pavillons nieder, sonst genutzt für das jährliche Musik-Fest. Oder eben von den jugendlichen Junkies. Denn bevor wir ins Gespräch kommen, hebt Charlotte ein kleines durchsichtiges Tütchen vom Boden auf, verziert mit einer Hanfpflanze. Aber kriminell ist es hier wirklich nicht.

Oh wie schön ist – Windeck?!

„Wie seid ihr eigentlich auf die Idee gekommen, hier aufs Land zu ziehen?“, frage ich sie. So richtig nachvollziehen kann ich das nämlich nicht. In mir schreit alles nach der großen weiten Welt, während sie sich ganz bewusst für das Idyll Windecker Ländchen entschieden hat. „Ich bin vor 22 Jahren wegen Viva nach Köln gezogen. Wenn man aus Gladbach kommt, denkt man ja, Köln ist das Beste, wo man hinziehen kann. Das nutzt sich aber schnell ab. Man macht immer weniger von den Sachen, die eigentlich gut sind in der Stadt“, erzählt Charlotte. Denn nachts zum Kiosk gehen, das müsse sie nicht mehr. Mit einer Familie kauft man eben einmal die Woche ein. Richtig spießig, oder?

Foto: Lisa Hertwig
Foto: Lisa Hertwig

„Diese unglaubliche Enge, zu viele Menschen auf einem Haufen – das macht mich krank. Ich finde hier wirklich: die Menschen verteilen sich mehr und die Scheiße verteilt sich mehr.“ Natürlich kann ich diesen Standpunkt sehr gut nachvollziehen, aber irgendwie reicht mir das noch nicht. Warum nicht einfach Urlaub machen, nur das Wochenende hier verbringen? Das hätten sie versucht, sagt Charlotte und holt zur Erklärung aus: „Wir waren manchmal in einem Ferienhaus hier und dachten, so könnten wir uns die Stadt erträglicher machen. Und es war wirklich so, dass man mit monsterschlechter Laune montagmorgens wieder in die Stadt gefahren ist. Das ging irgendwann nicht mehr.“ Die gebürtige Engländerin schwärmt vom Vogelgezwitscher, der Stille, der natürlichen Dunkelheit. Dass man, nicht so wie in der versmogten Stadt, nachts die Sterne sieht.

Nicht zuletzt das verdrehte Selbstbild unserer Gegend, sich irgendwie zu Köln zu zählen, hat ihrer Familie das Ankommen erleichtert: „Alle lieben Köln und die Kölner. Hier wird Kölsch getrunken, das hilft natürlich. Auch mit dem Hund draußen sein macht es leichter.“ Und wo wir schon mal beim Thema sind, werden wir auch prompt vom ersten Vierbeiner überrascht, der dann fast meine Unterlagen vollschlabbert. In Vorbereitung auf dieses Gespräch habe ich natürlich tief in die Kiste gegriffen und mir alles angeschaut, was diese beeindruckende Frau so vollbracht hat: Einstieg bei Viva mit dem Musikmagazin Fast Forward und einigen legendären Interviews, Moderationen mit TV-Größen wie Jan Böhmermann, Besuche bei Stefan Raab.

Tabubrüche an der Tagesordnung

Dann natürlich ihr Debüt als „Skandalautorin“ mit Feuchtgebiete. Das Buch erschien 2008 mit letztlich klaren Vorstellungen: „Ich dachte so: Ich setze mich jetzt hin und schreibe was, das es so noch nie gegeben hat. Ich wollte krass und ganz ehrlich. Und ganz so Feminismus-Manifest-mäßig, über den weiblichen Körper, über Selbstbefriedigung“, berichtet Roche.

„Dann hab ich das abgegeben, aber die fanden das
abstoßend, geisteskrank und pornografisch.“

Bei diesem harten Urteil muss ich schlucken, doch Charlotte schmunzelt nur. Dass das Buch nicht auf offene Ohren stoßen würde, damit hatte sie wohl gerechnet. Doch glücklicherweise hat sie sich von diesem ersten Rückschlag nicht unterkriegen lassen. Angefangen mit Angst, schlechtem Gewissen und einem Gefühl von Kleinheit, wie Roche es beschreibt, war Feuchtgebiete dennoch ein voller Erfolg. Aber: „Die ganzen Interviews sind ja auch anstrengend, man ist dann viel in den Medien. Man wird interpretiert und analysiert und darüber ganz verrückt, das ist ungesund.“ Aus diesem Grund brauchte sie eine Pause. Ein Buch zu schreiben, das solche unvorhergesehenen Folgen mit sich bringt, damit kam die Autorin nicht gut zurecht. Kritiker meinten, sie habe sich an dem Buch verausgabt, sei daran zerbrochen. Doch wieder einmal sorgte ein negatives Erlebnis für einen Motivationsschub, der ihr zweites Buch hervorbrachte.

2011 kam Schoßgebete in die Bücherregale und hat einen sehr persönlichen Bezug. Zehn Jahre zuvor traf Charlotte Roche ein unsagbarer Schicksalsschlag: Auf dem Weg zu ihrer Hochzeit kam es zu einem Autounfall, bei dem ihre Mutter schwer verletzt wurde und ihre drei Brüder ums Leben kamen. Buch Nummer drei, Mädchen für Alles (2015), entstand aus einem glücklicherweise fröhlicherem Umstand, einem Aushang im Bio-Supermarkt. Dort bot sich eine junge Frau als „Mädchen für alles“ an – gefundenes Fressen für einen neuen Roman. Auch ihr viertes Buch, an dem sie gerade tüftelt, entsteht aus schönen Gründen: „Jetzt hab ich Bock zu schreiben. Jetzt hat mich keiner geärgert.“

Kampfansage an Geschlechterklischees

Dass es immer weibliche Hauptfiguren gibt, sei kein Zufall. Roche erklärt das unter anderem mit ihrer feministischen Erziehung. Sie wächst mit dem 70er Jahre Feminismus ihrer Mutter auf, stößt sich jedoch bereits früh an dessen Dogma, das Männer gänzlich auszuschließen scheint.

„Ich habe mein junges Erwachsenenleben damit verbracht,
einen eigenen Feminismus zu entwickeln.“

„Die 70er Jahre, die Emma, Alice Schwarzer – da ist mir irgendwann aufgefallen, dass das ein total lesbischer Feminismus ist. Mir als heterosexueller Frau fehlen da feministische Vorbilder und Denkarten im Zusammenleben mit Männern.“ Charlottes Art, Dinge einfach mal so auszusprechen, wie sie jeder denkt, aber keiner sagt, machen solche sonst schwierigen Themen leichter zugänglich und lebensnaher. „Ich wurde zu einer starken jungen Frau erzogen und meine Partner waren immer tolle Männer. Aber es gibt natürlich auch böse Männer.“ Doch Scherz beiseite: Sie sieht die Aufgabe einer Frau darin, unter den Bösen die Guten zu finden und dafür zu sorgen, dass man sich nur mit solchen umgibt. Eigentlich ganz logisch, oder?

Foto: Lisa Hertwig
Foto: Lisa Hertwig

Diese deutlichen Meinungen und krassen Sätze ist man von Charlotte Roche gewöhnt, daher überrascht mich auch der folgende kaum: „Es darf nicht sein, dass es noch Frauen gibt, die nicht einparken können. Dann übt das einfach bitte. Das bringt Schande über unser Geschlecht!“ Auch in ihrer Kolumne der Süddeutschen Zeitung „Jetzt könnte es kurz weh tun“ macht sie vor nichts Halt und erklärt uns die Welt, wie sie sein sollte. Dabei beschäftigt sie sich mit allerlei gesellschaftlichen Themen, unter anderem Körperbildern, Fremdgehen, Geschlechterklischees. Eines davon regt sie besonders auf: „Es gibt immer noch Leute, die diesen Horrorsatz sagen: Das Kind braucht die Mutter.“ Charlotte fühlt sich hinsichtlich dieser Debatte in den 50er Jahren gefangen, wenn sich nicht bald etwas ändert. „Aber offensichtlich entsteht ja gerade ein Gesetz für die Verpflichtung des Arbeitgebers, die Frau nach der Geburt eines Kindes wieder zurückzunehmen. Das sind bahnbrechende Errungenschaften!“

Roches Ansagen sind provokant, keine Frage, doch dahinter steckt mehr. Sie ist nicht nur Teil einer neuen feministischen Generation, sondern auch deren Treibkraft. Als Charlotte merkt, was sie mit ihren Wörtern bewirken kann, findet sie ihr Ventil, doch gerade dafür hat sie in ihrer Karriere bereits viel Kritik geerntet. „Früher hatte ich viel Angst. Schon vor den Büchern hatte ich nie Lust, Zuschauerbriefe bei Viva zu lesen. Mir wurden oft so ekelhafte Pornobilder geschickt, Penisbilder gab’s damals schon, ausgedruckt.“ Sie lacht, doch man merkt, wie sehr sie das geprägt hat. Solche Erfahrungen halten die Moderatorin lange Zeit davon ab, sich der Öffentlichkeit noch persönlicher zu stellen. Schmunzelnd erzählt sie von ihrer neuen Präsenz auf Instagram:

„Weil man ja dann doch einen direkten Kontakt hat. Jetzt hab ich irgendwie das Gefühl, dass ich doch die Eier hab, mich dem zu stellen.“

Allerdings würde das nur in Absprache mit ihren Kindern passieren, denn als Mutter und öffentliche Persönlichkeit zugleich trägt sie in beiderlei Hinsicht eine gewisse Verantwortung. „Ich stelle mich nicht über meine Kinder und nehme meine Selbstverwirklichung wichtiger als deren Scham.“

Was ist dein größter Traum, den du bisher noch nicht erreicht hast?

Erfolgreiche Schriftstellerin und Moderatorin, Mutter und Ehefrau, Feministin und Vorbild – es gibt kaum eine Rolle, die Charlotte Roche nicht erfüllen kann. Mit ihrer eigenwilligen Art, alltägliche Dinge krass auszusprechen, sichert sie sich eine besondere Position in der deutschen Medienlandschaft. Vielen fällt der Zugang zu ihrer Sprache vielleicht schwer, doch sie könne gar nicht anders. Hinter Charlottes Grinsen verbirgt sich nämlich ebenso viel Ernsthaftigkeit, wenn sie sagt: „Ich empfinde mein Leben und mein Denken eben als krass. Den Vorwurf der reinen Provokation gab’s immer schon, aber ich glaube, dass man mit starken Meinungen zum Beispiel für Frauen die Welt verändern kann.“

Eine ganz wichtige letzte Frage habe ich dann noch, das war auch Roches Lieblingsfrage bei Fast Forward: „Was ist dein größter Traum, den du bisher noch nicht erreicht hast?“ Charlotte lacht und gerät ins Grübeln. „Das wirkt bestimmt voll komisch, irgendwie traurig, dass ich darüber nachdenken muss. Aber ich habe mir schon so viele Träume erfüllt und wenn ich nur weiter schaffe, was ich bisher erreicht habe, bin ich glücklich. Und dass meine Familie lebt natürlich“, zwinkert sie mir zu. So ganz ohne Spaß in den Backen, wie sie selbst gerne sagt, geht es eben doch nicht bei Charlotte Roche.

Foto: Lisa Hertwig
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