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Aktuelles Studentenleben

Hurra, hurra, die Uni brennt! Kommentar zur Schließung des Dachgeschosses des Universitätshauptgebäudes

Manege frei für einen ganz besonderen Kampf: Der deutsche Brandschutz fordert die universitas magistrorum et scolarium – die große Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden – heraus. Spontan, kurz vor den Feiertagen beschlossen und schon umgesetzt, darf ein Großteil der philosophischen Fakultät nun umdisponieren und zur Abwechslung mal ein bisschen Bus fahren.

Von Greta Weber

 

EDIT Kleine Korrektur am Kommentar: Das Gebäude in der Römerstraße 164, in das die Germanistik nun teilweise umgezogen ist, ist nicht dasselbe, dass wegen PCB-Belastung geschlossen wurde. Es handelt sich um das Nebengebäude. Dieses wurde ebenfalls geräumt, ist aber nach bisheriger Kenntnis nicht mit PCB oder anderem belastet.

Willkommen im neuen Jahr!

Es kam denkbar überraschend: als 150 Beschäftigte und mehr als 400 Studierende aus den Weihnachtsferien wieder in die Uni kamen, fanden sie das Hauptgebäude um ein Geschoss verkleinert vor. Vor den Aufgängen zum dritten Stockwerk stehen jetzt Absperrungen und Informationstafeln. Aufenthalt untersagt. Ausgewichen wird in die Römerstraße.

Beschlossen hat das der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW, denen gehört das Gebäude nämlich. Die Universität hat es nur gemietet. Was man nicht weiß, ist, was den BLB dazu bewegt hat, die Schließung gerade jetzt zu veranlassen. Dass das Dachgeschoss nicht den aktuellen Brandschutzbestimmungen entspricht, ist schon länger bekannt. Eine baldige Schließung und Renovierung waren längst vorgesehen. Aber anstatt zumindest das Ende des Semesters und die Klausuren abzuwarten, veranlasste das BLB eine neue Begehung der Gebäude mit der Bonner Feuerwehr und beschloss: höchste Eisenbahn! Schließung jetzt und sofort! Das Betreten ist nur noch in Begleitung erlaubt. Nur so für den Fall, dass einer der Beschäftigten der Universität vielleicht noch mal etwas aus seinem Büro holen möchte. Ach und mehrere tausend Bücher der germanistischen Bibliothek stehen natürlich auch noch dort oben.

 

Warum wurde gesperrt?

Da liegt natürlich ein Gedanke nahe: Die Feuerwehr, Experten in Sachen Brandschutz also, müssen wohl festgestellt haben, dass die Studierenden der Philosophischen Fakultät in akuter Gefahr schweben, wenn sie weiterhin den gefährlichen 3. Stock des Hauptgebäudes betreten. Guter Gedanke, aber leider falsch. Auf Nachfrage des General Anzeigers bestätigte die Stadt, dass die Feuerwehr nach der vom BLB veranlassten Begehung keineswegs überzeugt war, dass ein sofortiges Sperren der Räume vonnöten sei.

Was der BLB dazu sagt? Elisabeth Wallrath, von dem zuständigen BLB Köln, wird im General Anzeiger zitiert: „Eine weitere Nutzung des Dachgeschosses ist nicht zu verantworten. Vor allem geht es beim Brandschutz um die Sicherheit von Menschen. Das hat oberste Priorität!“ Eine löbliche und vor allem teure Meinung.

 

Der Mythos Brandschutz

Das Thema Brandschutz wird in Deutschland schon seit Jahren immer größer und größer geschrieben. Es ist ein sich lohnendes Geschäft. FeuerTrutz, ein Magazin, das sich selber als Sprachrohr der Branche bezeichnen, gibt jedes Jahr ein vielversprechendes Konjunkturbarometer heraus. Ungefähr sieben Milliarden Euro werden jährlich mit Brandschutzprodukten verdient.  Da wäre die um sich greifende Rauchmelderpflicht, die bisher keinerlei messbare Ergebnisse erbracht hat, aber auch die auslegbare Pflicht zum zweiten Fluchtweg, die vielerorts das Installieren von provisorischen Treppen außerhalb älterer Gebäude notwendig macht, wenn sie auch in mehreren hundert Jahren niemals Brandschutzprobleme gehabt haben.

Nun, mag da einer meinen, Feuer sind eben sehr gefährlich. Stimmt. Im Jahr sterben etwa 350 Leute durch Feuer oder Rauch. Ungefähr so viele Tote durch Verkehrsunfälle gab es alleine im Oktober 2018. Trotzdem verlaufen Bestrebungen zu einem Tempolimit auf den deutschen Autobahnen grundsätzlich im Sande. Da ist eben kein Gewinn zu machen. Außerdem hat die Autobranche derzeit ja ganz andere Probleme.

Und die Ausgaben für den Brandschutz? Zeigen bisher nicht besonders viel Wirkung. Während sie immer weiter in die Höhe schießen, hat sich die Zahl der Brandopfer nur minimal verkleinert.

 

Das Bauprojekt Uni Bonn

Dass das Hauptgebäude der Universität Bonn sich immer weiter in eine Baustelle verwandelt, ist ja nun schon länger nicht zu übersehen. Der Bauzaun zum Hofgarten hin ist zur Steigerung der Erträglichkeit mittlerweile mit Kunst behangen worden und man ist kaum noch überrascht, wenn der Weg zu einem der noch betretbaren Seminarräume durch eine glaslose Glastür führt. Das ehemalige Residenzschloss ist nun mal ein wenig baufällig. Viele Teile der Ausstattung stammen noch vom Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg. Wie viel Geld für Technik, Fenster und Toiletten übrig bleibt, wenn die neuen Brandschutzvorschriften priorisiert werden, wird sich dann wohl zeigen.

Bis dahin bleiben die 150 Beschäftigten und mehr als 400 Studenten eben vor dem Absperrband und den Informationstafeln stehen. Dort steht auch, wo die Ersatzräumlichkeiten zu finden sind. In der Römerstraße 164 nämlich, der ehemaligen Pädagogische Hochschule, die 2010 vom Allgemeinen Verfügungszentrum III der Universität geräumt wurde, weil die Bausubstanz mit giftigem PCB belastet ist. Ein Busshuttle ist eingerichtet. Wie gut es funktioniert, wird sich zeigen. Alternativ kann man sich ja über die neue Ausrede freuen, mal nicht in die Uni zu gehen, bevor das neue Hochschulgesetz die Anwesenheitspflicht wieder einführt.

 

Immerhin,

nun ist das Dachgeschoss also leer. Sollte dort also in näherer Zukunft ein alleingelassener Wasserkocher in die Luft fliegen, kann es in aller Ruhe abbrennen, während die versammelte Studentenschaft vom Hofgarten aus zusieht. Frühzeitig eine erste Flamme löschen kann dort nun ja leider keiner mehr. Aber Bücher sind ja sowieso schon lange völlig unzeitgemäß. Wie es weitergeht, bleibt abzuwarten.

 

 

(Wem abwarten nicht gefällt, mag sich gerne berufen fühlen an die Bildungsministerin zu schreiben, und auf die Situation hinzuweisen. Die Masse macht’s.)

 

 

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