Hicran Demir
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Der Weg zur Schauspielerei mit Hicran Demir

Körperlichkeit, Herausforderungen und Selbstfindung – Das Schauspielleben hat Höhen und Tiefen. Hicran Demir erzählt von ihrem Weg auf die Bühne und dem neuen deutsch-kurdischen Theaternetzwerk Nexus.

von Beritan A.

Vom Tanz zum Theater

„Eigentlich habe ich das Theater in meiner Jugend gar nicht gemocht. Ich hatte ein paar Mal ein Amateurtheater gesehen und fand das grauenhaft!“ Hicran Demir lacht auf und ich bin überrascht, diese Aussage von einer Schauspielerin zu hören, die gleich die Theaterbühne als eine der Hauptfiguren im Stück Anziehungskräfte betreten wird. Es ist noch ziemlich leer auf der Terrasse im Fiddlers in Bonn-Endenich, mir gegenüber sitzt eine graziöse Frau mit dunklen Locken und großen, intensiv schauenden Augen. Mit einem Hauch Skepsis im Gesichtsausdruck erzählt mir die gebürtige Stuttgarterin, wie sie zum Schauspiel gekommen ist.

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Quelle: Hicran Demir (Instagram)

„Ich wollte schon seit ich klein war Tänzerin werden. Erst Bauchtänzerin, dann kamen andere Tanzrichtungen. Dieser Wunsch hat sich dann aus verschiedenen Gründen nicht verwirklicht. Nach dem Abitur war die große Frage Was studierst du jetzt? Ich habe Schauspiel in Betracht gezogen, weil es noch irgendwie eine Verbindung zu Tanz oder zum Körperlichen hat.“ Diesen Plan hat Hicran an der internationalen Schauspielakademie CreArte in Stuttgart realisiert.

Wo Sonne ist, ist auch Schatten

Nach ihrem Studium ist die Künstlerin nach Istanbul gezogen, wo sie vier Jahre gelebt und unter anderem dem Schauspiel nachgegangen ist. 2013 führte sie ihr Weg zurück nach Deutschland an die Freie Universität Berlin, wo sie ein Studium in Theater- und Filmwissenschaften absolvierte. Das Bewusstsein für die Herausforderungen auf ihrem Gebiet macht die junge Schauspielerin sympathisch. Sie spricht offen über die Schattenseiten.

„Das Schwierigste an dem Job ist, dass man die Sicherheit nicht hat, die es bei einem normalen Beruf gibt. Du hast kein geregeltes Einkommen und weißt nie, wie der nächste Monat aussieht. Du bist mal hier, mal da. Es gibt Menschen, die können das. Aber es gibt welche, die können sich nicht einmal vorstellen so zu leben. Ich bin damit trotzdem noch im Guten, deshalb mache ich das noch weiter.“ Zum Schauspielleben gehören zahlreiche Castings und Absagen dazu. Doch die Stuttgarterin scheint das Maß an Selbstdisziplin inzwischen zu beherrschen und die schönen Dinge an ihrem Beruf zu genießen.

„Es macht mir einfach Spaß, auf der Bühne zu sein, unabhängig von der jeweiligen Rolle. Ebenso der Probenprozess – auch wenn es manchmal schwierig ist – diese körperliche Arbeit gefällt mir. Es ist erfüllend, trotz der Schattenseiten.“

Die Rolle und das Selbst

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Quelle: Hicran Demir (Instagram)

Hicran hatte u.a. eine Performance in Istanbul und spielt in Berlin die NSU-Monologe. In ein paar Stunden ist sie als Şerin in dem Stück Anziehungskräfte auf der Bühne des Theater im Ballsaal zu sehen. Das Werk ist ein Produkt der Zusammenarbeit zwischen dem Bonner fringe ensemble und Şermola Performans, einer Theatergruppe aus Istanbul. Es wurde von Mirza Metin geschrieben und für die deutschen Bühnen aus dem Kurdischen übersetzt. Auf Grundlage dieser deutsch-kurdischen Kooperation ist das Netzwerk Nexus entstanden, bei dem Hicran Demir Ko-Organisatorin ist.

„In Anziehungskräfte geht es um Krieg, es geht darum, was es heißt, in Deutschland als auch in der Türkei Kurdisch zu sein…und auch um ein bisschen Liebe.“ Die Schauspielerin ist selbst auch Kurdin und kennt sich „mit dem ganzen Background“ schon aus. Für die Rolle der Şerin war somit ein politisch-kultureller Bezug bereits gegeben, sodass sie sich mit ihr auch bis zu einem gewissen Grad identifizieren konnte. Hicran erklärt, dass sie auch bei fremden Rollen versucht sich selbst zu finden, anstatt eine komplett neue Identität anzueignen.

„Wenn ich mich auf eine Rolle vorbereite, stelle ich der Figur Fragen aus meiner Perspektive, um sie zu verstehen. Ich habe über die Jahre gelernt, dass es gerade dein Selbst ist, das du in der Rolle findest. Du stellst zwar eine Figur da, aber du bist es auf der Bühne, mit deinen Emotionen, deinen Gedanken, deinen Vorstellungen, deinem Körper. Das bist du. Ich mache da keine große Trennung.“

Filmische Aussichten

Auch wenn Hicran inzwischen mit Leib und Seele auf den Theaterbühnen unterwegs ist, sieht sie in ihrer Zukunft die Leinwand. Mit ihrem Filmwissenschaftsstudium in Berlin haben sich neue Perspektiven für sie eröffnet. So hat sie im Sommer in einem Kurzfilm mitgespielt und hofft, in Zukunft mehr in Filme involviert zu werden. Dem Theater hat sie dennoch nicht den Rücken zugekehrt.

Anziehungskräfte geht weiter und Nexus auch. Ich bin ja auch neu in Köln. Mal sehen, welche Projekte sich entwickeln.“


Anziehungskräfte von Mirza Metin

Mit: Hicran Demir, David Fischer
Regie: Frank Heuel
Bühne und Kostüme: Annika Ley
Musik und Sound: Ömer Sarıgedik

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