Andelo beim Schafehüten; Rechte: Angela Pelivan
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Hausaufgaben erst nach dem Schafehüten

Andelo ist 18 Jahre alt und lebt in einem kleinen Dorf in Bosnien-Herzegowina. Neben der Schule arbeitet er als Schafshüter und Schlachter. Sein Traum ist es, Erziehungswissenschaft zu studieren. In einem konservativen Land wie Bosnien-Herzegowina ist das aber so nicht einfach.

Von Angela Pelivan

Es ist 7 Uhr morgens der Hahn kräht, die Sonne strahlt in Andelos Schlafzimmer, das im Dachgeschoss eines Einfamilienhauses liegt. Neben dem Hahn, wird Andelo zusätzlich von den laut startenden Traktoren der Nachbarn geweckt. Zeit zum Aufstehen. Erst mal die Stallkleidung anziehen, die vom Vortrag noch mit Dreck befleckt ist. Das Zähneputzen muss warten. Danach in den Stall zu den fünf Schafen: Marta, Slava, Ivka, Nela und Ivan. Noch bevor er die hölzerne Stalltür, die nur durch einen kleinen verrosteten Hebel geschlossen wird, komplett geöffnet hat, wird er durch ein heftiges „Määäh-Orchester“ begrüßt. Er öffnet das Gehege und die Schafe stürmen raus. Nun heißt es Vorsicht: alle Schafe zusammenhalten, keins darf ausbrechen und verloren gehen. Andelo führt die Schafe zum Dorfhirten, der heute Morgen Dienst hat. Dort versammeln sich alle Schafe aus dem Dorf.

Danach schnell die gekochten, aufgeplatzten Würstchen mit Ketchup runterschlingen, Zähne putzen, Schulsachen anziehen und zur Haltestelle sprinten. Nach sechs Stunden Schule dann zurück nach Hause in die Stallklamotten und ab auf die Weide, um die Nachmittags-Hirten-Schicht zu übernehmen. Wenn alle Schäfchen wohl gehütet zu Hause sind, geht es nach Hause zum Abendessen. Heute gibt selbst gemachten knusprigen Burek von der Mutter – Blätterteig gefüllt mit Kartoffeln und Schweinefleisch. Und vor dem Schlafengehen natürlich die Hausaufgaben nicht vergessen. Das ist ein typischer Tagesablauf von Andelo.

Sechs Familien, ein Dorf

Andelo ist 18 Jahre alt und lebt in einem kleinen Dorf in Bosnien-Herzegowina. In dem Dorf Čuklić leben in etwa 150 Menschen. Als das Dorf entstand, gab es sechs große Familien mit den Nachnamen: Bralo, Čeko, Dronjić, Duvnjak, Pelivan und Vrdoljak. Noch heute sind die Namen in dem Dorf vertreten. Je nach Dorfabschnitt findet man eine Reihe von Häusern mit Einwohnern, die den gleichen Nachnamen tragen, obwohl sie nicht unmittelbar miteinander verwandt sind, sondern über eine Reihe von Generationen hinweg. Die nächstgrößere Stadt ist Livno. Diese liegt etwa 13 Kilometer weit weg und ist die nächste Möglichkeit, um sich Lebensmittel und sonstige Dinge zu besorgen, die man nicht selbst durch Landwirtschaft und Viehzucht erhalten kann.

Weide in Čuklić
Weide in Čuklić; Rechte: Angela Pelivan

Erst Schafe hüten und schlachten, dann Hausaufgaben

Jeder im Dorf hat ganz klar verteilte Aufgaben. Andelo hütet fast jeden Tag nach der Schule Schafe. „Manche spielen nach der Schule Fußball oder lernen ein Instrument. Meine Aufgabe, aber auch gleichzeitig mein Hobby ist es, die Schafe des Dorfes zu hüten.“ Das macht er jeden zweiten Tag die Woche. Am Wochenende immer einen ganzen Tag von 07:30 bis 18:00 Uhr. „Egal ob es regnet oder schneit.“, erklärt Andelo.

Andelo beim Schafehüten
Andelo beim Schafehüten; Rechte: Angela Pelivan

Außerdem arbeitet er manchmal auch als Schlachter. „Mein erstes Schwein und Kalb habe ich mit 12 Jahren geschlachtet.“ Solange er sich als Kind zurückerinnern kann, war er immer dabei, wenn sein Vater geschlachtet hat. „Hühner habe ich schon mit etwa zehn Jahren geschlachtet. Das ist auch echt nicht so schwer.“ Traktor fährt er seitdem er zwölf ist. Spät, im Vergleich zu seinen Altersgenossen. „Ich habe Freunde die sind sogar schon mit zehn Jahren das erste Mal gefahren. Und einen Führerschein brauchen wir hier nicht. Uns kontrolliert hier keiner.“

Tradition ist Tradition

 

Andelos Vater arbeitet einige Stunden am Tag, meist in den Abendstunden, wenn die Kinder im Bett sind, in einem Restaurant in Livno. Seine Mutter ist Hausfrau. Außerdem gehört zu Andelos Familie noch Iva, seine 13 jährige Schwester und seine Oma, die Mutter seines Vaters. In Čuklić gilt die Tradition, dass der älteste Sohn der Familie im Hause seiner Eltern wohnen bleibt, dort seine Familie gründet und seine Verpflichtungen gegenüber dem Hof und der Familientradition als Mann des Hauses erfüllt. So wird auch Andelo eines Tages mit seiner Frau und seinen Kindern in diesem Haus leben, das Familienerbe und vor allem auch den Nachnamen weiterführen. „Ich weiß, dass ich mein Leben lang hier leben bleiben muss. Und das macht mir nichts aus. Ich liebe das Land, das Dorf, die Tiere, meine Nachbarn, Freunde, Familie, einfach alles.“ Andere Dinge in der Welt wolle er zwar auch sehen, aber immer wieder zurückkommen. „Und ich möchte auch, dass meine Kinder von mir lernen und die Tradition weiterführen.“ Anders als bei Andelo sieht es bei seiner Schwester Iva aus. Sobald sie einen Mann gefunden und ihn geheiratet hat, wird sie in der Nacht nach der Hochzeit das Haus verlassen und zu ihrem Mann ziehen müssen und dort ihre eigene Familie gründen.

Traditionsstudium vs. Eigene Träume

Andelo schließt dieses Jahr die Schule ab und möchte danach studieren. Im Gegensatz zu seiner Schwester unterstützt seine Familie seinen Wunsch, ein Studium zu absolvieren. „Meine Schwester wird so oder so irgendwann Hausfrau. Deshalb findet mein Papa es nicht sinnvoll, dass sie einmal studieren will.“ Zwar unterstützt seine Familie den Wunsch nach einem Studium, allerdings nicht in dem Fach, das er gerne studieren möchte. „Ich habe keine Lust, wie alle anderen, die hier leben Landwirtschaft zu studieren. Alles was ich auf dem Land brauche kann ich doch schon.“ Er interessiert sich für das Fach Erziehungswissenschaft. „Ich habe es geliebt auf meine Schwester oder Cousinen und Cousins aufzupassen. Auch meine Schafe habe ich quasi großgezogen.“

Tapetenwechsel: Praktikum in Deutschland

Während seiner Ferien ergriff Andelo die Möglichkeit und besuchte seine Familie in Köln. Seine allererste Reise. Seine Cousine besorgte ihm ein zweiwöchiges Praktikum in einem Kindergarten für Kinder ab anderthalb Jahren. Dort konnte er erste Eindrücke im Bereich Erziehungswissenschaften sammeln. In der Kindertagesstätte hatte er verschiedene Aufgabenbereichen wie mit den Kindern zu spielen, basteln und malen, das Mittagessen vorzubereiten und Ausflüge bei guten Wetter auf den Spielplatz zu machen.

KiTa Ausflug; Rechte: Angela Pelivan

Ein Praktikum in seiner Heimat in diesem Bereich ist fast unmöglich. „In Bosnien könnte ich so ein Praktikum nicht machen. Dort arbeiten nur Frauen in Kindergärten. Als Junge werde ich da sicher nicht genommen.“ In Bosnien sind die Rollen von Frau und Mann klar verteilt. Ein männlicher Erzieher würde einen homosexuellen Eindruck hinterlassen und nicht akzeptiert werden. Dabei hat Andelo ganz klare Vorstellung, warum genau dieser Job gut zu seinem Leben in Čuklić passen würde. „Als Kindergärtner könnte ich vormittags dort arbeiten und nachmittags könnte ich mich um den Hof kümmern.“

Andelo vor dem Kölner Dom; Rechte: Angela Pelivan

„Alles was Papa gemacht hatte, musste jetzt ich erledigen.“

Andelo lernt seit der fünften Klasse Deutsch in seiner Schule in Bosnien, weshalb er sich in Deutschland gut verständigen konnte. Englisch kam erst ab der neunten Klasse dazu. Der Fokus liege in seiner Schule eher auf Deutsch, da viele Familien aus seinem Dorf zeitweise in Deutschland arbeiten. Dort arbeiten die Bosnier beispielsweise als Küchenhilfen in Restaurants oder auf Baustellen. Auch Andelos Vater hat ein Jahr lang in Deutschland in einem kroatischen Restaurant gearbeitet, da die Familie finanzielle Probleme hatte. Andelo war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. In diesem Jahr musste er ganz besonders viele Aufgaben zu Hause übernehmen. „Alles was Papa gemacht hatte, musste ich jetzt erledigen. Also Schlachten, Heuballen tragen, Traktor fahren, Ernten, Schafe hüten, Milch und Käse machen und verkaufen. Natürlich hat Mama auch viel geholfen.“ Dies war für ihn eine besonders schwere Zeit, die ihm aber auch geholfen hat eigenständiger und erwachsener zu werden.

Nach seinem Aufenthalt in Deutschland kann er es kaum erwarten nach Hause zu kommen, seine Familie und vor allem aber auch seine Schafe zu sehen. An seinem Traum, Erzieher zu werden hält er nach dem Praktikum noch stärker fest. Er möchte unbedingt seine Familie überzeugen, ihn zu unterstützen. „Das Praktikum hat mir gezeigt, dass ich das wirklich machen möchte. Aber bei mir zu Hause in meiner Heimat. Es gibt ja auch männliche Lehrer. Ich möchte mein Erbe weiterführen, aber zu meinen Bedingungen.“

 

 

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