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Aktuelles Frauenfrage - Kolumne Gesellschaftsleben

Hat uns die metoo-Debatte abgestumpft?

Wenn Menschen einer Sache lange genug ausgesetzt werden, gewöhnen sie sich dran, egal ob es ungewöhnliche Temperaturen sind, chronische Knieschmerzen oder das Wissen um schreckliche Dinge. Doch was bedeutet das für Leute, denen diese schrecklichen Dinge passieren?

„Frauenfrage“, eine Kolumne von Louisa Albrecht

Ihr erinnert euch bestimmt noch an die Zeit, als jeder neue Missbrauchsskandal, der aufgedeckt wurde, ein Riesending war. Und wann immer jemand gestand, ebenfalls sexuell belästigt worden zu sein, egal ob jetzt im öffentlichen Raum oder im Freundeskreis, war die Empörung groß. Doch inzwischen fallen die Reaktionen wesentlich nüchterner aus. Oh, noch eine/r. Oder: Ich bin nicht überrascht. Natürlich macht es einen immer noch wütend zu erfahren, wie manche Menschen sich einfach das Recht rausnehmen, das Leben anderer zu ruinieren und ihre Persönlichkeitsrechte derart zu verletzen. Aber so richtig wütend werden wir nicht mehr, jedenfalls nicht so oft. Irgendwie haben sich auch die Debatten tot gelaufen, was soll noch gesagt werden? Ist denn nicht schon alles gesagt?

Dass Menschen gegenüber Gewalt, auch sexueller Gewalt, relativ schnell und umfassend abstumpfen können, ist spätestens seit der Veröffentlichung diverser Studien über die Pornoindustrie hinlänglich bekannt. Uns ist auch allen schon mal aufgefallen, wie wir bestimmte Geräusche irgendwann nicht mehr hören und Gerüche nicht mehr riechen, wenn wir ihnen lang genug ausgesetzt sind. Und anscheinend ist inzwischen auch genau das mit sexuellem Missbrauch passiert, jedenfalls nehme ich das so wahr. Ich kenne nur eine einzige junge Frau, die sich immer noch über jeden öffentlich gewordenen Missbrauch aufregt, als ob es der erste wäre. Beim Rest ist größtenteils Resignation eingetreten oder zumindest Gewöhnung.  Stattdessen kommt teilweise die Frage auf, wieso die Leute früher nichts gesagt haben. Wenn denn überhaupt noch eine Reaktion kommt und nicht einfach zum nächsten Thema übergegangen wird.

Ehrlich gesagt finde ich das ziemlich schlimm. So grob geschätzt kenn ich etwa eine Handvoll junger Frauen, die vergewaltigt wurden. Bestimmt sind es mehr und ich weiß es nur nicht. Von denen die „nur“ sexuell belästigt wurden mal ganz zu schweigen.
Ich habe nicht das Gefühl, dass sich wirklich was geändert hätte. Außer, dass jetzt viele so tun, als ob Frauen total überempfindlich wären und alles direkt hochschaukeln würden. „Man wird ja wohl noch … dürfen“. „Es könnte ja direkt falsch interpretiert werden…“
Anstatt sich über Opfer und jene, die Angst haben Opfer zu werden aufzuregen und sich in der persönlichen Freiheit beschränkt zu fühlen, müssen wir endlich was ändern. Für Frauen. Und für Männer, die sind auch betroffen. Und für alle, die sich weder als Mann noch Frau identifizieren.

Und vor allem müssen wir weiterhin empört sein.

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