Katharina, 23. im moshi Mjini Centre in Tansania, Afrika (Foto: Katharina Kuckeland)
Abenteuer Ausland Aktuelles Alltag Studentenleben

Haben oder nicht haben – wie Auslandserfahrungen Jobchancen beeinflussen

Ob Studium oder Praktikum – Auslandserfahrungen sind bei Studierenden kaum noch wegzudenken. Schon fast jeder Dritte Deutsche immatrikuliert sich an einer ausländischen Hochschule. Und auch Deutschland ist bei Studierenden aus der ganzen Welt beliebter als je zuvor. Doch warum ist das so? Sind Absolventen ohne Auslandserfahrung unattraktiver für Arbeitgeber und somit beinahe gezwungen wegzugehen? Geht es also um die Aufbesserung des Lebenslaufs oder wollen Studierende vielleicht einfach etwas erleben, bevor sie in den Berufsalltag einsteigen?

Von Janine Krimmel

Seit 2004 hat sich die Zahl der Deutschen, die im Ausland studieren, mehr als verdoppelt. Im Wintersemester 2014/15 zählte das Statistische Bundesamt bereits 137.300 deutsche Studierende an ausländischen Hochschulen und Universitäten. Zur gleichen Zeit nahmen 321.569 ausländische Studenten ein Hochschulstudium in Deutschland auf. So viele wie noch nie zuvor. Und die Zahlen steigen jährlich weiter an. Warum das so ist, weiß Stefanie Rübbert vom Dezernat Internationales der Universität Bonn: „Ein Auslandsaufenthalt während des Studiums gehört mittlerweile für viele Arbeitgeber zu einer wichtigen Voraussetzung für den Einstieg ins Berufsleben. Neben einer fachlichen Horizonterweiterung gehört nicht zuletzt auch die Selbstorganisation und Planung zu einer guten akademischen Ausbildung.“

Bessere Chancen im Job

Wer während des Studiums im Ausland war, kann also bereits bei der Einstellung in einen neuen Job punkten und hat es im Berufsleben leichter. Denn immer mehr Unternehmen sind international ausgerichtet und benötigen Mitarbeiter, die Fremdsprachenkenntnisse vorweisen können. Vor allem in großen Firmen gehört das Arbeiten mit ausländischen Kollegen zum Alltag. Eine Befragung von rund 1.000 Personalverantwortlichen durch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln und den Deutschen Akademischen Austauschdienst zeigt, dass sechs von zehn Unternehmen mit internationalen Aktivitäten davon ausgehen, Akademiker mit Auslandserfahrungen seien besser auf das Arbeiten in internationalen Teams vorbereitet und könnten ihre beruflichen Aufgaben besser bewältigen als Mitarbeiter ohne Auslandserfahrung. Außerdem geben ebenfalls sechs von zehn befragten Unternehmen an, dass sie Bewerber mit Auslandserfahrung vorziehen würden, vorausgesetzt die sonstigen Qualifikationen sind gleich.

Mut und Neugier beweisen

Katha Afrika
Katharina, 23, im Moshi Mjini Centre in Tansania, Afrika (Foto: Katharina Kuckeland)

Katharina Kuckeland, 23, war acht Monate mit der Organisation „world unite“ in Tansania, Afrika, wo sie als Freiwillige verschiedene Projekte zur Kinderförderung und betreute. Für sie standen persönliche Beweggründe im Vordergrund: „Ich wollte etwas erleben, mal aus Deutschland rauskommen, Erfahrungen für mein Leben sammeln und mein Englisch verbessern. Ich brauchte auch einfach einen Zeitpuffer, um zu erkennen, was ich wirklich mal machen möchte.“ Auch Louisa Goldstein war im Ausland. Die 25-Jährige studierte ein Semester Geschichte und Medienwissenschaft in Mississippi, um neue Bekanntschaften zu machen, sich weiter-zuentwickeln, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und Urlaub vom eigenen Leben zu machen. „Ich habe viel über mich selbst und andere Kulturen gelernt, ich konnte reisen und mein Englisch ist viel besser geworden. Das alles hilft mir für mein Berufsleben, weil ich selbst-bewusster Englisch sprechen kann, keine Hemmungen habe, auf neue Leute zuzugehen und mehr über interkulturelle Kommunikation gelernt habe – das hilft mir sicher auch dabei, in international agierenden Konzernen zu arbeiten.“

Louisa Mississippi
Louisa, 25, beim Kürbisschnitzen in Mississippi (Foto: Louisa Goldstein)

Beide sind sich einig, dass sie der Auslandsaufenthalt persönlich weitergebracht hat. „Ich habe neue Einstellungen gewonnen, weil ich Situationen ausgesetzt war, die völlig neu für mich waren“, so Katharina. Und auch Louisa erzählt, sie habe sich an Selbstkonfrontation geübt und gelernt, wie wichtig Toleranz und Respekt sind, wenn man in einem anderen Land ist. Sie ist auch der Meinung, dass ein Auslandssemester nicht als Punkt auf der To-Do-Liste abgehakt werden sollte, um seinen Lebenslauf aufzubessern: „Man muss mit beiden Beinen reinspringen und bereit sein aus gewohnten Verhaltensmustern auszubrechen“, so Louisa.

Die beliebtesten Reiseziele für Auslandssemester oder -praktika sind bei den deutschen Studenten Österreich, Niederlande und Großbritannien, dicht gefolgt von der Schweiz, den USA und Spanien. Allein in diesen fünf Ländern waren im Jahr 2012 knapp 85.000 Deutsche immatrikuliert.

 

 

Auch Deutschland ist beliebter Studienort

Auch für ausländische Studierende sind Auslandssemester wichtig. Gerade Deutschland ist ein beliebtes Land für Bildungsausländer. Woran das liegt? 89 Prozent aller ausländischen Studenten kommen wegen der hohen Qualität von Bildung und Forschung nach Deutschland. Weitere ausschlaggebende Gründe sind die niedrigen Kosten des Studiums in Deutschland und die Chance auf einen besseren Arbeitsplatz. Natürlich sind auch die grenzfreie Einreise, der Umzug ohne große bürokratische Hürden und die mühelose Anrechnung von erbrachten Studienleistungen im Heimatland attraktiv für junge ausländische Studierende.

Zaid
Zaid, 22, beim Sightseeing in Deutschland (Foto: Zaid Abu Alsamen)

Zaid Abu Alsamen ist so ein Bildungsausländer. Er kommt aus Jordanien, ist 22 Jahre alt und studiert gerade ein Semester Ver- und Entsorgungstechnik in Gelsenkirchen. Danach wird er ein einjähriges Praktikum in einem deutschen Unternehmen machen. Für ihn war es wichtig nach Deutschland zu kommen, weil das Land in seiner Heimat einen sehr guten Ruf hat, was Arbeit und Studium angeht. „Deutsche arbeiten hart und davon kann ich lernen und Erfahrungen sammeln, die mir später bei der Jobsuche helfen“, so Zaid. In seiner Heimat Jordanien sind Auslandssemester sehr beliebt und vor allem gerne bei Arbeitgebern gesehen. „Am Anfang hatte ich zwar Sorge, dass das Studium hier schwerer ist als in Jordanien, aber ich komme sehr gut zurecht. Ich mag Deutschland. Und finde es toll, eine andere Kultur kennenzulernen und mit neuen Menschen zusammenzuarbeiten.“

Die meisten Bildungsausländer, die zweitweise in Deutschland studieren, kommen aus China, Russland und Indien. Nach den Vereinigten Staaten und Großbritannien ist Deutschland mittlerweile das beliebteste Gastland.

Vorbereitung ist alles!

Egal in welches Land man geht, gute Vorbereitung ist das A und O: „Man sollte sich gut informieren, wo man hingeht, worauf man sich einlässt, was sich gehört, wie es sich in dem Land zu verhalten gilt und was anders als in Deutschland ist“, erklärt Louisa. „Ich hatte anfangs ein bisschen Angst davor, alleine zu sein und mich falsch eingeschätzt zu haben. Daher sollte man sich bewusst machen, warum man in dieses Land möchte und was man damit erreichen möchte“, so Katharina. Auch Louisa und Zaid hatten vor ihrer Reise Angst darum, in der Uni nicht zurechtzukommen. Doch beide sind der Ansicht, dass gute Vorbereitung und Offenheit für das, was auf einen zukommt, bereits die halbe Miete ist.

Obwohl die Zahlen derer, die ins Ausland gehen, steigen, gibt es immer noch einige Studenten, die die Notwendigkeit eines Auslands-semesters oder -praktikums nicht sehen. Laut einer vom Bundesbildungsministerium beauftragten Umfrage glaubt nur jeder zweite deutsche Student, dass ein Auslandsstudium persönlich und beruflich von Nutzen ist. Wenn man aber bedenkt, dass, laut des Instituts der deutschen Wirtschaft, fast jeder vierte Arbeitsplatz direkt oder indirekt vom Export abhängt, ist internationale Erfahrung während des Studiums eine gute und fast schon notwendige Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt. Daher sollte jeder Student die Chance haben, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Aus finanzieller Sicht ist das allerdings noch immer nicht für jeden möglich. Die Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks zeigt, dass Studierende aus Elternhäusern mit hoher Bildungsherkunft fast doppelt so häufig ins Ausland gehen wie Studierende aus bildungsschwachen Elternhäusern. Förderprogramme wie ERASMUS und andere Stipendien sollen hier ansetzen, um mehr Studierenden die Möglichkeit zu geben, internationale Erfahrungen zu sammeln und somit besser auf das Berufsleben vorbereitet zu sein.

Auslandsaufenthalte stärken also nicht nur die Persönlichkeit und verbessern Sprachkenntnisse, sie zeigen auch, wie wichtig Toleranz und Verständnis für andere Kulturen sind, wie interkulturelle Kommunikation funktioniert und bringen so Pluspunkte für den Berufseinstieg. Denn wer zeitweise zum Studieren oder Arbeiten im Ausland war, so Irene Garnich vom WILA Bildungszentrum, „beweist Mut, Neugier und Entschlossenheit. Und das imponiert jedem Arbeitgeber.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.