Geschlechterungleichheiten während Corona © Engin_Akyurt - Pixabay
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Geschlechtergerechtigkeit in der (Corona-)Krise – Führt die Pandemie zur Rolle rückwärts in Sachen Gleichstellung?

„Frauen werden eine entsetzliche Retraditionalisierung erfahren. Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann und dass wir drei Jahrzehnte verlieren.“ Drei Jahrzehnte weibliche Emanzipation für die Tonne, so lautet die knallharte Prognose der Berliner Soziologin Jutta Allmendinger im Mai bei Talkmasterin Anne Will. Der Auslöser – natürlich die Corona-Krise. Aber tauschen Frauen jetzt wirklich wieder Karriere und Kohle gegen Kochtopf und Kinderbetreuung?

von Marie Hanrath

Seit den Kita- und Schulschließungen Mitte März lag die Kinderbetreuung für etwa ein halbes Jahr wieder fast ausschließlich bei den Eltern. In 85 Prozent der Fälle wurden die Kinder von zu Hause betreut, fast die Hälfte davon ausschließlich durch die Mütter, belegt eine Studie der Universität Mannheim. Großeltern, Verwandte, Freund*innen oder Nachbarn fallen als Notbetreuung aus, denn es gilt die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und das Umfeld zu schützen. So zeigt sich: In der COVID-19-Krise gibt es wenig Raum für alternative Versorgungs-Modelle.
Doch wie geht es weiter? Er, der „Versorger“ der Familie, arbeitet also oftmals weiter in Vollzeit, denn das wird von Arbeitgeberseite so erwartet und sie kümmert sich meistens um, naja, den Rest eben. Denn er verdient schließlich häufig auch mehr Geld, im Schnitt etwa 20 Prozent, laut Statistischem Bundesamt. Das lässt eine Diskussion um die weibliche Berufstätigkeit in der aktuellen Situation dann schon fast redundant erscheinen. Wie die Situation für alleinerziehende Mütter aussieht, die Verantwortung für Kind und Kegel komplett alleine tragen, traut man sich beinahe gar nicht zu fragen. Übrigens: Noch immer sind mehr als fünfmal so viele Frauen alleinerziehend wie Männer.

Selten so viele Frauen in guten Positionen verloren

Stellt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen schon ohne eine weltweite Pandemie per se eine Herausforderung und ein persönliches Dilemma dar, stoßen dazu jetzt noch die Sorge vor Kurzarbeit, drohendem Jobverlust und ein unsicherer Blick in die Zukunft.

Während der Corona-Krise wurden viele Frauen in hohen Positionen verloren. © Peggy_Marco - Pixabay
Während der Corona-Krise wurden viele Frauen in hohen Positionen verloren. © Peggy_Marco – Pixabay

Und diese Sorgen sind nicht unbegründet, wie Soziologin Jutta Allmendinger im Tagesschau-Interview erklärt:

„Wir haben selten so viele Frauen in guten Positionen verloren, wie in den letzten 10 Wochen.“

Mit dem ungeplanten und oftmals unfreiwilligen Jobausstieg wird der Wiedereinstieg sicherlich auch nicht leichter. Das hat neben den gravierenden Auswirkungen für die Frauen, die ihren eigenen beruflichen Erfolg hinten anstellen, auch Folgen für den gesellschaftlichen Blick auf weibliche Emanzipation. Es scheint als stünde häufig noch immer außer Frage, dass Frau eben zu Hause bleibt, wenn die Betreuung ausfällt.

Ob genau das die weibliche Emanzipation auch langfristig zurückwerfen wird, haben die Mannheimer Ökonomin Prof. Michèle Tertilt und ihre Kolleg*innen untersucht. Festgestellt haben sie, neben den bereits beschriebenen Mehrfachbelastungen, dass die Arbeitsplätze vieler Frauen stärker von der Krise betroffen sind als das bei Männern der Fall ist, so zum Beispiel in den Sektoren Gastronomie oder Reiseverkehr.
„Frauen trifft die aktuelle Krise wesentlich schlimmer als Männer“,
beschreibt Tertilt die Situation. Sind also wirklich 30 Jahre hart erarbeitete Emanzipation verloren?

Corona als „game changer“ in Sachen Gleichstellung?

Obwohl die Pandemie für Frauen und damit auch für die Gleichstellung der Geschlechter drastische Folgen hat, zeigt die Studie der Mannheimer Forschenden dennoch etwas Positives: Es besteht die Chance auf einen kulturellen Wandel, einen „game changer“, der vor allem Frauen hoffen lässt: Die Arbeit von zu Hause schafft langfristig eine neue Flexibilität, von der besonders auch Mütter stark profitieren könnten. Zudem sieht das Forscher*innen-Team Möglichkeiten in der zukünftigen Aufteilung der Kinderbetreuung. Da Männer seit Beginn der Pandemie vermehrt im Home-Office arbeiten, während Frauen z.B. in Care-Berufen im Krankenhaus oder in Pflegeeinrichtungen vor Ort unentbehrlich sind, fällt ein Teil der Kinderbetreuung zum ersten Mal in den männlichen Aufgabenbereich. So hat die Pandemie viele Millionen Männer weltweit für einen längeren Zeitraum in einen erzwungenen ‚Vaterschaftsurlaub‘ geschickt.

In der Zeit des Lockdowns waren mehr Männer ebenfalls für die Kinderbetreuung zuständig als davor. © Tumisu - Pixabay
In der Zeit des Lockdowns waren mehr Männer ebenfalls für die Kinderbetreuung zuständig als vor Corona. © Tumisu – Pixabay

Dieser könnte die Sicht auf Elternschaft und bestehende Rollenmuster verändern, so die Forschenden. Dient also die Corona-Krise als Beschleuniger für einen veränderten Blick auf die (eigene) Vaterrolle? Unterstützende Faktoren könnten sein, dass Väter durch mehr Informationen darüber, womit ihre Kinder sich über den Tag hinweg beschäftigen, mehr an ihrer Lebensrealität partizipieren und so eine engere Bindung zu ihren Kindern aufbauen können.

 Die größte Veränderung in den Rollenmustern erwarten die Forschenden übrigens bei Paaren, bei denen der Vater vor der Corona-Krise den größten Teil seiner Erwerbstätigkeit außer Haus und seither im Home-Office verbringt, oder nicht erwerbstätig ist, während die Mutter arbeiten geht. So würde der Vater zur Schlüsselfigur der Kinderbetreuung werden. Ob das wirklich zu einer langfristigen Veränderung führt, bleibt abzuwarten.

Flexible Arbeitsregelungen als Gleichstellungs-Beschleuniger

Was festzuhalten gilt, ist, dass vor allem folgende zwei Wege laut den Wissenschaftler*innen dazu führen sollen, dass Elternschaft auch nach der Krise gleichberechtigter funktionieren kann: Erstens: Flexiblere Arbeitsregelungen: Viele Unternehmen schaffen seit der Corona-Krise erstmals die Möglichkeiten der Arbeit im Home-Office und es ist derzeit anzunehmen, dass diese Option teilweise fortbestehen wird. Dies führt zu einer größeren Flexibilität am Arbeitsplatz.
„Angesichts der Tatsache, dass Mütter derzeit eine unverhältnismäßig hohe Last bei der Kombination von Arbeit und Kinderbetreuungsaufgaben tragen, werden sie von diesen Veränderungen relativ mehr profitieren als Männer“,
so das Forscher*innen-Team. Mangelnde Flexibilität bei Arbeitsvereinbarungen und Arbeitszeiten seien insbesondere bei Finanz- und Unternehmensdienstleistungen eine der Ursachen für das geschlechtsspezifische Lohngefälle. Als zweiten Punkt nennen die Wissenschaftler*innen eine Veränderung der sozialen Normen und Rollenmodelle:
„In einer beträchtlichen Anzahl von Familien werden Väter vorübergehend primär die Kinderbetreuung übernehmen. Diese Veränderungen dürften die sozialen Normen in Richtung mehr Gleichberechtigung bei Kinderbetreuung und Hausarbeit vorantreiben.“
Vielleicht wird so aus der weltweiten Gesundheits- und Wirtschaftskrise doch noch Chance im Privaten, die vor allem Frauen dringend benötigen. Denn egal wie emanzipiert Frauen waren, Corona hat viele zumindest zeitweise wieder zurückgeworfen in ihre Rolle als Hausfrau und Mutter. Es zeigt sich: Emanzipation bleibt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der alle mitarbeiten müssen – ganz unabhängig vom Geschlecht.

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