Foto: Elena Meyer-Thamer
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Geheimtipp Duisburger Dokumentarfilmfestival

Vom 6.-12. November 2017 fand in Duisburg das 41. Festival des deutschen Dokumentarfilms statt. Ein Bericht über einen außergewöhnlichen Tag mit anderen Filmliebhabern.

Von Elena Meyer-Thamer

Es hat mich im Rahmen einer Seminar-Exkursion nach Duisburg verschlagen. Dort fand in dieser Woche das 41. Festival des deutschen Dokumentarfilms statt.

Foto: Elena Meyer-Thamer
Foto: Elena Meyer-Thamer

Das rote Gebäude mit der roten Leuchtschrift stach aus der verregneten Straße angenehm hervor. Meine Augen erfreuten sich an den vielen Filmpostern im Schaufenster. Dort hingen auch die Dokumentarfilme, die an diesem Tag sehen würde: Tiere und andere Menschen, Spielfeld und Drift.

An der Kasse konnte man sich zwischen Tageskarten für 12 Euro und Einzelkarten für jeweils einen Film für 4 Euro entscheiden. Mit meiner Tageskarte ausgestattet betrat ich neugierig das Gebäude. An den Wänden hingen atmosphärische Schwarz-Weiß Porträts von Schauspielern. Das Ganze traf schonmal total meinen exzentrisch-gemütlichen Geschmack.

Ein rotgestrichener Flur mit rotem Teppich führte zum Kinosaal des ersten Films: Tiere und andere Menschen. Das ganze Ambiente ließ mich tagträumen, wie ich in einer  prächtigen Robe über diesen roten Teppich zur einer dekadenten Kino-Gala gehe. Im Saal wurde der Regisseur des Films, Flavio Marchetti, vorgestellt und ergriff das Wort. Er freue sich, dass der Kinosaal schon zu dieser vormittäglichen Stunde voll sei, sagte Marchetti. Ich kann ihm da nur zustimmen: Wenn du mittwochs vormittags glücklich und zufrieden in einem gemütlichen Kinosessel sitzt, dann verspricht der Tag ein Guter zu werden. Die altmodischen Lampen wurden gedimmt.

Der Film porträtiert das Wiener Tierschutzhaus, in dem verletzte und ausgesetzte Tiere solange einen sicheren Ort finden bis sie an verantwortungsbewusste Menschen vermittelt werden. Mir als gebürtigem Katzenbesitzer gefielen selbstverständlich die niedlichen Szenen. So zeigte der Film beispielsweise auch ein schlafendes Baby-Eichhörnchen, das aus seinem Nest gefallen ist. Auch sehr schön waren die Szenen mit den Schimpansen, die ihre schwarzen, faltigen, behaarten Hände durch die Gitterstäbe stecken und nach mehr Knäckebrot verlangen. Als dann eine Möhre gereicht wird, zieht der Affe seine Hand sofort zurück. Möhren unerwünscht!

Nach dem 88-minütigen Film strömten die Massen aus dem Saal, durch einen Flur zu einem Raum mit Scheinwerfern, Bühne und Bartresen. Dort leitete ein Moderator eine Diskussion mit Flavio Marchetti und dem Publikum.

Foto: Elena Meyer-Thamer
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Aus der Diskussion erhielt ich wirklich interessantes Metawissen über den Film: So erklärte der Filmemacher, dass für ihn der rote Faden durch den Film die Empathie sei. Außerdem habe er nach Beendigung der Dreharbeiten den ältesten Hund des Tierschutzhauses, Timmy, adoptiert. Sehr sympathisch.

Auch den Titel des Films, Menschen und andere Tiere, erläuterte Marchetti: Erstens handele es sich selbstverständlich um eine Provokation oder Irritation, da Tiere auf dieselbe Stufe mit Menschen platziert werden. Und zweitens seien die Mitarbeiter des Tierschutzhauses tatsächlich andere Menschen im wörtlichen Sinne. Neben ihrer enormen Tierliebe sei es für Einige auch der erste Job nach einer Entzugskur oder Ähnlichem.

Nach einer kurzen Pause an der frischen, eisigen Luft kam der zweite Film. Die 26-minütige Dokumentation über den österreichischen Ort Spielfeld illustriert Grenzerfahrungen verschiedenster Arten. Im Film erhalten viele Bewohner des Schleusenortes erstmals eine Stimme, die von den Medien zur Hochphase der Flüchtlingsschleuse ignoriert wurden.

In einem gelungenen Mix aus Ernsthaftigkeit und Absurdität erzählt der Film von einer sich verbarrikadierenden Seniorin, einem 25 Meter breiten Loch im Zaun, einer Großdemo mit 10 Teilnehmern und einem Ort, der nur aus einer einzigen Straße besteht. In der Diskussion kündigte Regisseurin Kristina Schranz an, dass ihr Team an eine Fortsetzung des Films gedacht hatten. Darüber würde ich mich freuen, da dieses Werk brandaktuelle Thema ohne einen mahnenden Zeigefinger verschiedenste Meinungen dokumentiert hat.

Über den 16-Uhr-Film Drift, steht im Programmflyer Folgendes geschrieben: Abschiedsschmerz nach gemeinsamen Tagen an der rauen See: Zwei Freundinnen müssen sich trennen, nachdem sie mythische Geschichten und kindliche Gedanken getauscht haben. Die Tiefe des blauen Atlantiks ist die Schwelle ihrer Freundschaft, die sie in eine Melancholie des Dazwischen treiben lässt. Bis wieder Land in Sicht ist.

Foto: Elena Meyer-Thamer
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Was dort nicht geschrieben steht ist, dass nur ungefähr 20 Sätze gewechselt werden und 30 Minuten lang nur das schwankende auf Meereswellen gerichtete Kamerabild zu sehen ist. Um ehrlich zu sein bin ich während dieser Sequenz zunächst in einen meditativen Zustand verfallen, bevor ich eingenickt bin. Bei einem sehr hellen Bild bin ich dann wieder erwacht. Da habe ich gesehen, dass ich wohl nicht die Einzige Person war, die sich kurz ins Land der Träume begeben hat.

Die anschließende Diskussion wollte ich keinesfalls verpassen. Ich hoffte auf die große Enthüllung. Die Beantwortung der Frage, warum der Film so wenige narrative Strukturen besitze. Warum er den Zuschauer ins kalte Wasser wirft. Und ihn dort für eine halbe Stunde allein lässt. Ohne jegliche Erklärungen.

Helena Wittmann, die Regisseurin erklärte, dass ihr Team und sie 15 Tage auf hoher See gewesen seien. Dort hätten sie bemerkt, dass sie in einen ganz anderen mentalen Zustand geraten seien: Ihre Gedanken und Gespräche waren fragmentierter. Das Meer mache etwas mit dem Menschen, das wollten sie mit ihrem Film zeigen. Ich bin mir leider nicht ganz sicher, ob ein 97-minütiger Film das vermitteln kann.

Um 20 Uhr und um 22:30 Uhr wurden noch zwei weitere Filme gezeigt. Diese schaute ich mir jedoch nicht mehr an. Müde, aber glücklich fiel ich, zurück in Bonn, in mein Bett und entschloss mich heute keine Serie mehr zu schauen.

 

Hier findet ihr den Trailer zu Tiere und andere Menschen von Flavio Marchetti.

 

 

 

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