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„Für alle, die an ihre Träume glauben“ – Newcomer-Autorin C. E. Bernard im Interview

Viele wünschen es sich, für die meisten bleibt es ein Traum: Mit der eigenen Kunst Geld zu verdienen ist schwer und erfordert jahrelanges Dranbleiben. Und doch gibt es sie, die Menschen, die es einfach durchziehen. So auch C. E. Bernard, deren Debüt-Roman „Palace of Glass“ am 19. März in Deutschland erscheint. Im Interview spricht sie über den Buchmarkt, ihre Strategie beim Schreiben und den ersten großen Erfolg.

Von Lisa Balzer

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von J. K. Rowling, die das Skript ihres späteren Mega-Sellers „Harry Potter und der Stein der Weisen“ an ganze zwölf Verlage geschickt hat, bevor sie eine Zusage erhielt? Oder die unzähligen Beispiele von Autoren, Musikern, Schauspielern, ja, Vertretern aus allen Kunstsparten, die erst nach Jahren des brotlosen Arbeitens den Durchbruch mit ihren Talenten hatten? Cornelia Funke, Alan Rickman oder Leonard Cohen sind da nur wenige Namen auf einer langen Liste. Keine Erfolgsgeschichte ohne ein ganzes Stück harter Arbeit, kein Dream-Come-True ohne schmerzhafte Ablehnungen – und davon häufig deutlich mehr, als der begeisterte Jung-Künstler gerne verkraften möchte.

Für viele Menschen – mich eingeschlossen – ist diese Unsicherheit der Kreativbranche zu groß: Mit 15 wollte ich Schauspielerin werden und habe mich voller Tatendrang dem kleinen Stadttheater meines Heimatortes angeschlossen. Ziel Hollywood. Heute sage ich Sicherheit ist mir wichtiger, und die studentische Theaterbühne der Universitätsgruppe ist auch toll genug. Das ist sie auch tatsächlich, aber eben doch nicht ganz das Gleiche wie eine Karriere im Theater.

Der Weg zum Erfolg: Zeitmanagement, Leidenschaft und eine kleine Prise Glück

Gleichzeitig können diese Geschichten erfolgreicher Künstler aber auch Mut machen und zum Träumen verleiten, denn eins zeigen sie ganz klar: Dranbleiben kann sich auszahlen, und ein gewisses Risiko muss man dabei eben eingehen.

C. E. Bernard alias Christine Lehnen © Eva-Lotte Hill
C. E. Bernard alias Christine Lehnen
© Eva-Lotte Hill

So ähnlich formuliert es auch die junge Autorin Christine Elizabeth Bernard, als ich sie frage, was sie angehenden Schriftstellern empfehlen würde: „Erstmal: Feste Zeiten einplanen fürs Schreiben. Und dann auch wirklich Schreiben. Aber am Ende des Tages muss man auch einfach ein wenig Glück haben.“ Und das hatte Bernard, oder Christine Lehnen – der wahre Name der Bonnerin, für die der Künstlername steht. Doch hinter ihrem Erfolg liegt sicher nicht nur ein wohlwollender Wink der Fortuna, sondern auch eine klare Zielgerichtetheit und ein fokussiertes Vorgehen: Seit ihrer Kindheit weiß sie, dass sie später einmal Bücher schreiben möchte, ihre Kurzgeschichten werden mit den Literaturpreisen der Jungen Akademien Europas und der Ruhrfestspiele Recklinghausen ausgezeichnet, immer wieder arbeitet sie an ihrem ersten Romanprojekt.

„Wenn ich nicht acht Stunden am Tag schlafen würde, würde ich das alles überhaupt nicht schaffen.“

Bereits unabhängig von der Schriftstellerei führt die 27-Jährige ein spannendes Leben: Neben ihrem Studium der Englischen Literatur und Politikwissenschaften inszeniert sie Theaterstücke mit der Bonn University Shakespeare Company, arbeitet als Mitgründerin regelmäßig an dem innovativen, dreisprachigen Interview-Magazin „42“, lehrt Literarisches Schreiben an der Uni Bonn und ist immer wieder selbst als Schauspielerin auf der Bühne aktiv. Und dann ist da ihre erste Buchtrilogie, die Palace Saga: Eine Young-Adult Reihe, die ab dem 19. März 2018 in zweimonatigen Abständen beim Penhaligon Verlag erscheint – ein Teil der Verlagsgruppe Random House Bertelsmann, der unter anderem auch die deutsche Ausgabe von George R. R. Martins Game of Thrones herausgegeben hat. Bei all dem Tatendrang überrascht es nicht, dass zusätzlich zur Debüt-Trilogie bereits ein weiterer Roman geschrieben ist und mit einem Lektor überarbeitet wird – Bernard bezeichnet ihn begeistert als ihren „Europa-Roman“ mit dem schönen Titel „To Each Their Home“. Aktuell arbeitet sie an ihrem ersten Thriller und einem Co-Writing Projekt mit einer befreundeten Autorin.

Halt, stopp. In meinen Ohren klingt das ganze mehr nach einem Programm für zwei gut gefüllte Leben. Fasziniert frage ich Bernard, ob sie einen Zeitumkehrer hat (sie lacht, natürlich hat sie einen) und wo sonst ihr Geheimnis für dieses Zeitmanagement liegt. Die Antwort ist verblüffend klar, und wohl eine Enttäuschung für alle kleinen Sofamuffel – erneut: mich eingeschlossen.

© Anne Nickel
Die 27-Jährige versprüht eine ansteckende Lebensfreude © Anne Nickel

„Also, ich glaube ich habe das große Glück, dass ich extrem strukturiert bin. Das heißt, ich habe Wochenarbeitspläne und Monatsarbeitspläne und inzwischen auch einen Jahresarbeitsplan. Es ist witzig, Leute fragen mich immer „Schläfst du überhaupt noch?“, aber wenn ich nicht acht Stunden am Tag schlafen würde, würde ich das alles überhaupt nicht schaffen. Aber ja, ich habe nie Leerlauf, es ist schon auch ein bisschen stressig. Ich habe lang kein Netflix mehr geguckt!“ Kein Leerlauf glaube ich ihr aufs Wort: Als ich das Café für das Interview betrete, sitzt Bernard noch konzentriert an ihrem Laptop, und bevor wir beginnen können, gehen noch ein paar wichtige Mails mit ihrer Übersetzerin hin und her – wofür sich die Autorin dreimal bei mir entschuldigt, obwohl ich schließlich ihre Zeit stibitze. Im Interview ist sie dann voll bei der Sache, lachend und gut gelaunt, Stress merkt man ihr nicht an; vielmehr eine ganz große, mitreißende Leidenschaft für alles, über das wir reden.

Das Unberechenbare berechenbar machen: Wie der Buchmarkt sich bezwingen lässt

Allein ein Buch zu schreiben, scheint schon eine große erste Hürde zu sein. Dann aber auch noch einen Verlag zu finden, der es tatsächlich auch veröffentlichen will, bleibt für viele angehende Autoren ein entscheidendes Problem. In Bernards Fall ging es unglaublich schnell. Schon im ersten Versuch haben zwei ihrer vier ausgewählten Agenten Interesse, eine möchte die Reihe schließlich vertreten. Auch Bernard selbst war wahnsinnig überrascht: „Ich dachte das wird mein erster Wurf. Erstmal gucken, was die Agenturen so schreiben, und je nachdem mit dem Feedback arbeiten. Aber dann war die Suche schon vorbei. Glück gehabt!“

Doch auch hier ist die junge Autorin nicht ganz ungeplant vorgegangen. Ein Geheimrezept für den nächsten Bestseller habe sie zwar leider nicht im Angebot, aber es gebe durchaus Möglichkeiten, „diese unglaublich unberechenbare Situation schon viel berechenbarer zu machen.“ Zunächst empfiehlt sie, den Buchmarkt immer gut zu beobachten, denn genau dies tun auch die Verlage und Agenturen, die „Gatekeeper“, die man schließlich überzeugen muss.

Palace of Glass - Der erste Band der Trilogie © Penhaligon Verlag
Palace of Glass – Der erste Band der Trilogie
© Penhaligon Verlag

Vor allem geholfen hat ihr dabei die britische Website The Book Seller, die nicht nur einen Überblick über Verkaufszahlen bestimmter Genres und Titel verschafft, sondern auch über alle neu abgeschlossenen Verträge zwischen Autoren und Verlagen berichtet. So sei es möglich, ein Gespür dafür zu entwickeln, was aktuell und in den kommenden Monaten besonders gefragt ist. Wenn man es dann noch schaffe, so Bernard, etwas unglaublich Spannendes für genau diesen Markt zu schreiben, („Denn spannend muss es sein!“), dann seien die Chancen schon gar nicht mehr so schlecht.

Zusätzlich zur ausgiebigen Marktforschung entscheidet sich Bernard, ihre Werke auf Englisch zu verfassen. Der deutsche Buchmarkt sei zwar auch sehr groß, aber ein englischer Titel habe einfach gleich zu Beginn eine größere Reichweite, zudem bieten englische Agenten Lizenzen in der Regel weltweit an. Die Strategie zahlt sich aus: Die Palace-Trilogie erscheint zunächst zwar nicht auf dem englischen Markt, aber wird dafür in andere Länder verkauft, dort verlegt und übersetzt: in der Türkei und in Deutschland.

Als Bernard erfährt, dass ihre Reihe tatsächlich von Penhaligon gekauft wurde, ist das Euphorie-Gefühl zum ersten Mal ganz real: „Das Interessante in dem ganzen Prozess von der ersten Idee bis zum fertigen Buch in der Buchhandlung ist ja, dass nach jedem Schritt, den man erfolgreich genommen hat, sofort der nächste Schritt ansteht – es ist eine Reise. Einen ersten richtigen BÄM-Moment hatte ich aber, als ich erfahren habe, dass das Buch verkauft wurde, was ich für einen Vorschuss bekommen werde und dass ich davon leben kann. Da hab ich getanzt in der Wohnung  – dabei war die Wohnung sehr klein, so viel tanzen konnte man also gar nicht“ – sie lacht – „aber das war dann egal.“

Dystopien, Gesellschaftskritik und die Sache mit den fauligen Äpfeln

Bei der wahnsinnig ansteckenden Lebensfreude der Autorin überrascht es mich fast, dass ihr Lieblings-Genre düstere Dystopien sind. Augenzwinkernd bezeichnet sie diese Vorliebe als eine kleine „schlechte“ Angewohnheit: „Ich mag unfassbar traurige Geschichten einfach sehr gern.“ So beschreibt auch ihre Palace-Trilogie eine Art dystopisches, alternatives London, in dem eine prüde Gesellschaft das Leben bestimmt und zwischenmenschliche Berührungen mit nackter Haut verboten sind. Für alle, die mehr zum Inhalt wissen wollen, präsentiert Bernard in einem kleinen Video einen ersten Teaser:

Neben der häufig tragischen Geschichte des Genres reizt es Bernard jedoch auch, die kreative Freiheit zur Gesellschaftskritik nutzen zu können: „Der Vorteil von Dystopien ist ja, dass man die Chance hat, die Welt zu verfremden. Man muss also nicht direkt über unsere Welt schreiben, kann aber trotzdem etwas über unsere Welt aussagen.“ Besonders spannend sei es dann, wenn Themen aus dem eigenen Buch während des Schreibens plötzlich auch in der Realität wieder aktueller würden; in ihrem Fall zum Beispiel die Diskussion um Verhüllungen in der Öffentlichkeit oder die – glücklicherweise – immer lauter werdenden Stimmen gegen die eingeschränkten Rechte und Chancen von Frauen in der Gesellschaft.

„Ich wünschte, ich wäre so cool wie Schiller!“

Der Kaffee leert sich und wir kommen langsam zum Ende des Interviews. Zum Abschluss frage ich Bernard, ob sie auch mit einem kleinen „Autorentick“ aufwarten kann – besonderen Angewohnheiten oder bestimmten Bedingungen, die ihren Kreativprozess beim Schreiben unterstützen – so wie beispielsweise Friedrich Schiller, der laut Aussage des befreundeten Goethe immer verfaulte Äpfel am Schreibtisch hatte, weil er ohne ihren Geruch nicht arbeiten konnte. Bernard ist begeistert, muss aber verneinen: „Oh Gott, ich wünschte ich wäre so cool wie Schiller! Ich fürchte, ich bin eine furchtbar langweilige Autorin. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und steh nicht wieder auf, bis ich mein Pensum hinter mir habe.“ Gerne höre sie Musik im Hintergrund, um bestimmte Stimmungen für emotionale Szenen hervorzubringen, da liefe dann auch mal ein Lied stundenlang auf Dauerschleife. Aber abgesehen davon, nein, kein Tick. Ihre Ambitionen sind jedoch geweckt, und sie verspricht aufgeregt, sich für das nächste Interview eine solche Eigenart zuzulegen, damit sie dann auch etwas Spannendes zu erzählen habe: „Wir sehen uns dann in fünf Jahren wieder!“

Und wenn sie das will, dann klappt es wahrscheinlich auch – genau wie die Veröffentlichung der Trilogie. Denn nicht umsonst lautet die Widmung ihres ersten Buchs: „Für alle, die an ihre Träume glauben.“

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