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Feierverbot wegen Corona – Clubsterben vorprogrammiert?

Der Schock sitzt tief für Studierende, Vinyl-Fans und in Erinnerung schwelgende Mittfünfziger zugleich. Das Roxy schließt im Mai seine Pforten. Aufgrund der Corona-Pandemie. Der Beginn des pandemie-bedingten Clubsterbens in Köln?

Von Laila Keuthage

Naja, könnte man denken, Clubsterben ist für Köln kein neues Phänomen. In den letzten Jahren mussten zahlreiche Locations schließen, oftmals wegen städtischer Bauvorhaben. Bogen 2, Triple A, Underground, als nächstes muss das Heinz Gaul seinen Platz in Ehrenfeld räumen, um Platz für den Bau eines großen Gebäudes machen.

Aber das Roxy ist nicht irgendein Club. Das Roxy ist ein Urgestein der Kölner Clubkultur, der Pulsschlag der Vinylszene, das musikalische Herz der Innenstadt, der Club mit Kölns bestem Soundsystem und vor allem: Das Roxy ist 45 Jahre alt. Ob etablierte Veranstaltungsreihen wie “Jazz im Roxy” am Donnerstag, Konzerte von internationalen Künstler*innen oder eskalative Partys wie die Autistic Disco mit DJ Lars Eidinger – das Roxy war immer bekannt für besondere Abende und galt als Institution inmitten des Einheitsbreis der Nachtszene in der Kölner Innenstadt. Vor vielen Jahren ist dort sogar mal David Bowie aufgetreten. Im Mai gibt der Betreiber die Schließung via Social Media bekannt.

Das Wasser bis zum Hals

Es ist der erste Knall dieser Art seit Verkündung des Lockdowns im März. Die anderen Kölner Clubs scheinen sich irgendwie über Wasser zu halten, die große Schließungswelle bleibt bisher aus. Gut geht es den Betreiber*innen aber trotzdem nicht. Darauf lässt die Gründung der KölnerVeranstalterInitiative schließen. Die Initiative ist aus der Not heraus entstanden.

Ihr Ziel: Die Erlaubnis, Clubs wieder öffnen zu dürfen, Veranstaltungen umzusetzen, Partys stattfinden zu lassen. Klingt erst einmal ziemlich unvernünftig: Tanzen in engen Clubs, Drängeln vor der Bar, Gesicht an Gesicht stehen, um sich unterhalten zu können.

Nein, so soll eine Öffnung der Clubs während der Pandemie natürlich nicht aussehen. Es geht der Initiative nicht darum, einfach wieder feiern zu dürfen, weil ihnen der Spaß fehlt. Es geht weniger um “ihr Recht auf Party”, wie der Express am 18. August schreibt, sondern um die Verhinderung des finanziellen Ruins vieler Veranstalter*innen.

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♥ Liebe Freunde der Kultur ♥ Auch in Zeiten der Krise existiert das existenzielle menschliche Bedürfnis nach Kultur, Zerstreuung und feiern. Leider kann dieses aktuell nicht befriedigt werden da man für alle Lebensbereiche irgendwelche Regelungen gesucht und gefunden hat, außer im kulturellen – dort hat nicht ein mal eine ehrliche Suche nach praktikablen Möglichkeiten / Lösungen stattgefunden. ♪ ♫ Dementsprechend wollen wir laut sein um uns Gehör verschaffen. Bringt alles mit, was Krach macht ♪ ♫ ★ 22.08.20 – Treffpunkt 12:00 Unimensa Umzug Unimensa bis Aachener Weiher Rettet die Kölner Kultur Szene Demo #1 ★ Bitte teilt diese Veranstaltung, ladet eure kulturbegeisterten Freunde ein, Zeichnet die Petition und seit Teil der Demo am 22.08 ♥ ❗ Wir weisen darauf hin, dass natürlich auch bei dieser Demo die CoronaSchVO einzuhalten ist. Das betrifft insbesondere die Einhaltung des Mindestabstands und das Tragen einer Alltagsmaske ❗ Wir distanzieren uns vorsorglich von allen sonstigen Corona Demos, wir wollen NICHT instrumentalisiert werden jedoch ist der kulturelle Niedergang absolut nicht mehr weiter für uns hinnehmbar. Solltet ihr sexistisches, nationalistisches oder diskriminierendes Gedankengut in jedweder Form in euch tragen, so bitten wir euch, von unserer Demo fernzubleiben. Der Schutz von diskriminierungsfreien Räumen -dazu gehört auch unsere Demo- hat für uns oberste Priorität. #koelnerveranstalterinitiative #kulturbewegt #rettetdiekultur #clubkultur #rettetdiekoelnerveranstaltungsszene

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Doch wie steht es um die noch bestehenden Kölner Clubs? Die KölnerVeranstalterInitiative schreibt dazu auf Instagram: “Die Politik lässt uns Veranstalter im Regen stehen. Unsere Clubkultur steht am Abgrund. Jeder Monat, den wir nichts veranstalten dürfen, ist ein weiterer Sargnagel für unsere geliebte Szene in Köln.”

Clubbetreiber*innen haben allen Grund, in Panik zu geraten. Die Coronaschutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen legt fest, dass Anbieter*innen der Clubkultur weiterhin den Betrieb ruhen lassen müssen. Sämtliche andere kulturelle Betriebe durften wieder öffnen – unter strengen Auflagen. Doch Clubbetreiber*innen sehen kein Entgegenkommen seitens des Landes oder der Stadt Köln, fühlen sich alleingelassen. Deshalb haben sie eine Petition gestartet. Unter dem Titel “#kulturbewegt – rettet die Clubkultur in Köln” versucht die KoelnerVeranstalterInitiative Aufmerksamkeit für ihr Anliegen zu erlangen und Unterschriften für eine Erlaubnis zur Wiederaufnahme von Veranstaltungen zu sammeln. Sämtliche Kölner Clubs teilen den Link zur Petition auf ihren Social Media-Kanälen und animierten Gäste und Sympathisant*innen, an einer Demonstration teilzunehmen, die am 22. August im Kölner Studierendenviertel stattfand. Sie fordern eine Neubewertung ihres kulturellen Angebots, sie möchten, dass ihnen jemand zuhört und sich ihrer Konzepte annimmt.

Was ist der richtige Weg?

Ein Problem, das Hand in Hand mit dem Verbot von Clubkultur geht, ist das Ansammeln großer Menschenmassen an beliebten öffentlichen Orten. So wurde der Brüsseler Platz bereits dauerhaft gesperrt, um Menschenmassen inmitten des Belgischen Viertels zu vermeiden. Anfang September wurde außerdem das beliebte “Mäuerchen” auf der Zülpicher Straße von Bauzäunen eingekesselt, um auch dort ein Verweilen des größtenteils studentischen Publikums zu verhindern. Mittlerweile hat sich eine Mauer vor dem Kölner Stadtgarten zum Hotspot für abendliches Biertrinken entwickelt, zumindest solang, bis auch dieser Ort wahrscheinlich bald von der Stadt zur Sperrzone erklärt wird.

Das Ordnungsamt hat alle Hände voll zu tun, und es drängt sich die Frage auf, ob es nicht sinnvoller wäre, ein kontrolliertes Feiern in Clubs zu erlauben. Das würde nämlich nicht nur eine große Erleichterung für alle finanziell davon Abhängigen darstellen, sondern zusätzlich die Möglichkeit schaffen, auch im Nachtleben Personendaten zu erfassen, eine Rückverfolgung von Kontakten zu starten und eine begrenzte Menge an Personen pro Lokalität zu erlauben.

“Über eine App, die einer begrenzten Zahl an Besuchern ein personalisiertes Vorverkaufsticket zur Verfügung stellt, welches ausschließlich für diesen Tag und diesen Club gilt und nur zum Besuch einer Veranstaltung pro Wochenende berechtigt, kann dies leicht erreicht werden.”

Als Beispiel für ein denkbares Konzept nennen die Initiator*innen den Plan des Stuttgarter Club Lehmann: “Über eine App, die einer begrenzten Zahl an Besuchern ein personalisiertes Vorverkaufsticket zur Verfügung stellt, welches ausschließlich für diesen Tag und diesen Club gilt und nur zum Besuch einer Veranstaltung pro Wochenende berechtigt, kann dies leicht erreicht werden.” Außerdem seien Maskenpflicht in bestimmten Bereichen und das Messen der Körpertemperatur denkbare Maßnahmen. Ob die Petition von Erfolg gekrönt sein wird, werden die nächsten Wochen zeigen. Fest steht: Den Clubs steht das Wasser bis zum Hals.

Das Roxy schockierte seine Fans mit einem Foto vom blau-grün beleuchteten Eingangsbereich des Kult-Clubs, darüber liegt ein weißer Schriftzug: 1974 – 2020. Was auf den ersten Blick einer Traueranzeige gleicht, soll genau dies nicht sein.

Die Betreiber erklären, dass man sich aufgrund der Corona-Einschränkungen mit dem Vermieter auf ein vorzeitiges Beenden des Mietverhältnisses, das Ende des Jahres so oder so vorbei gewesen wäre, geeinigt hat. Ein Blogeintrag des Teams lässt vermuten, dass das Roxy in Zukunft an anderer Stelle wieder mit wummernden Bässen und kühlen Getränken auf Gäste warten wird. Das Motto der Schließung: “Das Roxy ist tot, lang lebe das Roxy”. Wann und wo es weiterlebt, das wird den Roxy-Fans noch nicht verraten. Bleibt zu hoffen, dass die finanziellen Einbußen der vergangenen Monate eine Neueröffnung dann auch wirklich nicht im Wege stehen.

 

Beitragsbild: Flickr/Martin Terber

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