2015 Februar 2015: Wohnen Film und Fernsehen Kultur

“Es geht um Gemeinsamkeiten, nicht um Unterschiede!” – Die Integrationskomödie “300 Worte Deutsch”

Multi-Kulti-Team: Die Autoren Ali Samadi Ahadi und Arne Nolting (1. und 2. v.l.), Regisseur Züli Aladağ (ganz rechts) und Produzentin Gabriela Sterl (4.v.l.) mit ihren Hauptdarstellern Vedat Erincin , Pegah Ferydoni und Christoph Letkowski bei der Premiere in Köln. (Foto: Rebecca Luyken)
Multi-Kulti-Team: Die Autoren Ali Samadi Ahadi und Arne Nolting (1. und 2. v.l.), Regisseur Züli Aladağ (ganz rechts) und Produzentin Gabriela Sterl (4.v.l.) mit ihren Hauptdarstellern Vedat Erincin , Pegah Ferydoni und Christoph Letkowski bei der Premiere in Köln. (Foto: Rebecca Luyken)

Integration in Deutschland ist aktuell mehr denn je ein heiß diskutiertes Thema. Am Sonntag, den 25.01.2015, feierte die Culture-Clash-Komödie „300 Worte Deutsch“ von Regisseur Züli Aladağ in Köln Premiere – passend zu einer Zeit, wo Debatten rund um Pegida und deren Gegner fast täglich die Medien beherrschen. Doch trifft dieser Film den Zeitgeist?

Ausgerechnet dieser Tage, in denen Charlie Hebdo und Pegida die täglichen Nachrichten beherrschen, kommt da eine deutsche Komödie über Integration daher. So mancher möchte da vielleicht sofort mit den Augen rollen, vermutet er doch bei dieser brisanten Aktualität eine schnelle, stereotype Ausschlachtung von den frischesten Schlagzeilen.

Doch natürlich fing die Arbeit am Film „300 Worte Deutsch“ schon Jahre früher an: Die Idee hatten die Autoren Ali Samadi Ahadi und Arne Nolting zusammen mit Produzentin Gabriela Sperl schon im Jahr 2010, als Thilo Sarrazins erstes Buch „Deutschland schafft sich ab“ erschien. Gute vier Jahre später feiern sie in Köln Premiere und könnten thematisch nicht näher am Puls der Zeit sein.

Dennoch sehen sie den Film nicht als rechtfertigenden Kommentar, geschweige denn als muslimische Gegenstimme zu einer deutschen Debatte. Die Filmemacher stellten bei der Premierenvorführung fest:  „Rassismus kocht hoch – aber auch wieder runter. Dialog ist wichtig, aber nur bedingt.“ Als Deutsche mit muslimischer Abstammung sollte man nicht immer wieder Stellung beziehen müssen. Vielmehr sollte man auf humorvolle Art auch mal Abstand von der eigenen Perspektive nehmen.

„300 Worte Deutsch“ ist eine Komödie, die ohne den erhobenen Zeigefinger auskommt

Im Film geht es um Deutsche, um Türken und vor allem um die Schwierigkeit mit dem Thema des Andersseins richtig umzugehen. Klischees und Stereotype beider Kulturen werden ebenso bestätigt wie in Frage gestellt. So werden Deutsche wie Türken in ihrem Deutsch- und Türkischsein gleichermaßen durch den Kakao gezogen, gern auch mal unter der Gürtellinie.

Urteil ohne Spoiler (Vorsicht, danach nicht mehr weiterlesen): Durchdacht, spaßig und kurzweilig. Leichte Kost, ja, aber sehenswert allemal (nicht zuletzt dank einiger unbekannterer Gesichter in der wirklich sympathischen Besetzung). Was die Thematik des Films so überraschend entspannt in die aktuellen Debatten passen lässt? Es geht nicht um Glaubensfragen oder eine Gegenüberstellung, welche Kultur die bessere ist, sondern um eine generelle Haltung der Verständigung.

Ein großartiger Cast

Cast und Crew bestehen aus Deutschen, viele mit Migrationshintergrund, und Türken. In den Hauptrollen brillieren Stars des Deutschen Films, allen voran Christoph Maria Herbst als Ludwig Sarheimer, ein rassistischer und unerbittlicher Entscheider im Ausländeramt. Wer ihn als Bernd Stromberg mag, wird ihn auch in dieser Rolle lieben. An seiner „deutschen“ Seite spielt Christoph Letkowski (bekannt aus “Feuchtgebiete”) Sarheimers Neffen Marc, der auf den Job im Amt des Onkels angewiesen ist, dabei allerdings eher auf kulturelle Verständigung bedacht ist.

Pegah Ferydoni (“Türkisch für Anfänger”) führt die türkische Seite der Geschichte an: Lale, eine hierzulande geborene Türkin, fühlt sich als emanzipierte junge Frau. Nur für ihren Vater Demirkan, dem sie ein Leben in Deutschland ohne kulturelle Zwänge verdankt, mimt sie die brave türkische Tochter. Dieser (gespielt von Vedat Erincin – “Almanya”) ist in seiner Kölner Gemeinde als Hodscha geachtet, nicht zuletzt weil er regelmäßig junge Bräute aus der Türkei einfliegen lässt, um sie in die stolzen türkischen Sippen einzuheiraten.

Demirkans illegale Brautvermittlung macht ihn zum Hauptverdächtigen Nummer eins im Ausländeramt. Damit die neusten Bräute nicht abgeschoben werden – und ihre eigene Verheiratung hinausgeschoben wird – hilft Lale den Frauen die Grundzüge der deutschen Sprache und Grammatik zu erlernen. Die dürfen nur bleiben, wenn sie den Deutschtest bestehen: 300 Worte Deutsch sprechen und 600 verstehen können. Diese Bemühungen treten aber in den Hintergrund, als Herr Sarheimers Rassismus zu einer Bedrohung für seine Karriere wird und er für die Beamtenpolitik gute Miene zum multikulturellen Spiel machen muss.

Integration und Generationenkonflikt – nicht neu erzählt, aber dennoch frisch

Soviel zur Geschichte, die durch die militanten Konservativen auf beiden Seiten und die beiden Vertreter der jüngeren Generation (wer hätte es gedacht: die zwei verlieben sich!) relativ durchschaubar ist. Allerdings helfen gerade solche erfüllten Erwartungen dabei, die Kernaussage des Films zu betonen. Der Film ist höchstwahrscheinlich nichts für anspruchsvolle Kinobesucher, denen bei Anfang – Höhepunkt – Ende der Twist fehlt. Denn der findet sich nur bedingt. Auf charmante Weise werden die verkappten Rollenbilder beider Seiten aufgelöst – wobei nichts explodiert und auch keiner abgeschoben wird.

Neben dem Thema Integration steht auch der Generationenkonflikt im Fokus, ganz nach dem Motto: Die Kinder machen nie das, was die Alten sich für sie wünschen! Produzentin Gabriela Sperl erklärte bei der Premiere, dass Gemeinsamkeiten und nicht Unterschiede hervorgehoben werden sollten und dass „der Hodscha mit so einer Geschichte gar nicht so alleine ist“. „Menschen, die Brücken bauen“ seien in der heutigen Zeit ganz wichtig. Sperl verkündete am Ende ihrer Dankesansprache: „Und wir kämpfen weiter!“, was – auch wenn Pegida an diesem Abend so wenig Raum wie möglich gegeben werden sollte – ziemlich deutlich in deren Richtung ging.

Neben Integrationsfragen und Türkenwitzen spielt die Geschichte direkt vor unserer Haustür, im multikulturellen Köln. Und in vielen Szenen merkt man auch, dass hinter der Story eine Hommage an die Stadt steckt. Wer nun Lust bekommen hat: „300 Worte Deutsch“ startet am 5. Februar in den deutschen Kinos.

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