fahrender Zug, Foto: Clarissa Kurth
Alltag Medienblick Bonn

Kurzgeschichte: „Eins… Zwei…“

Stella sitzt im Zug auf dem Weg zu ihrem Bruder, als sie sich plötzlich beobachtet fühlt. Sind ihre Bedenken berechtigt oder bildet sie sich nur etwas ein?

Eine Kurzgeschichte von Clarissa Kurth

Es ist kalt im Zug. Stella nimmt sich ihre dicke Jacke und legt sie sich über die Beine. Sie kramt ein Buch aus ihrem Rucksack und liest weiter, wo sie gestern Abend aufgehört hatte. Gleichzeitig hört sie mit ihren Kopfhörern leise Musik. Klassik – dabei lässt es sich ihrer Meinung nach am besten lesen. Schon seit sie sieben Jahre alt ist, liest Stella mit klassischer Musik im Hintergrund. Das erinnert sie immer an ihre Mutter. Sie hat diese Musik auch so geliebt. Doch trotzdem stört Stella noch etwas. Sie kann es nur nicht genau definieren. Sitzt sie nicht bequem genug? „Beobachtet mich jemand? Aber wer?“, denkt sie. Stella schaut sich vorsichtig um, doch jeder um sie herum ist entweder in ein Gespräch oder Buch vertieft oder scheint tief und fest zu schlafen. Komisch. Also widmet sie sich wieder ihrem Buch und versucht sich zu entspannen.

Stella ist auf dem Weg zu ihrem Bruder. Phil. Wie lange hatte sie ihn nicht gesehen. Es muss inzwischen Monate her sein. Seitdem sie sich entschieden hat in Berlin zu studieren, sieht sie Phil nicht mehr so oft. Dabei hatte sie ihn noch überreden wollen, mitzukommen. Damit sie zusammenbleiben können. Phil und Stella trennen nur eineinhalb Jahre, deshalb fühlen sie sich fast wie Zwillinge, schon seit ihrer frühen Kindheit. Nach dem tragischen Unfall ihrer Eltern vor vier Jahren ist ihre Bindung sogar noch stärker geworden. Doch Stella musste nach dem Abi raus aus Köln, sie brauchte eine Veränderung. Sie hatte die Hoffnung, Phil könnte einfach mit nach Berlin kommen und seine Ausbildung dort beenden, doch ihr Bruder ließ sich nicht überreden, seiner Lieblingsstadt den Rücken zu kehren.

Sie bemerkt ein leichtes Klopfen in ihrer Rückenlehne. Es ist so leicht, dass Stella sich nicht einmal sicher ist, ob es wirklich da ist. Sie dreht sich um. Hinter ihr sitzt niemand. „Ich habe es mir bestimmt nur eingebildet“, denkt sie sich. Doch als sie sich wieder umdreht und gerade weiterlesen will, wird das Klopfen heftiger und ist nun nicht mehr zu ignorieren. „Was ist hier los?“ Langsam macht sich ein wenig Panik und Unsicherheit in Stella breit. „Tief Ein- und ausatmen“, versucht sie sich selbst zu beruhigen. „Alles ist gut. Hier ist niemand, der dir etwas Böses will.“

Stella nimmt die Kopfhörer aus den Ohren und steht auf. Sie muss zur Toilette. Ihre Sachen versteckt sie, so gut sie kann, unter ihrem Sitz – zur Sicherheit. Auf dem Weg durch den Gang des Zuges schaut sie sich unbemerkt um, doch ihr fällt nichts und niemand auf.

Die Zugtoilette ist eng und dunkel. Stella stellt sich ans Waschbecken, wäscht sich ihre Hände und spritzt sich ein wenig vom kalten Wasser ins Gesicht. Sie schaut in den Spiegel – die Schminke leicht verschmiert. Sie schließt ihre Augen und öffnet sie kurz darauf wieder.

„Aaaaaah!“ Beim Blick in den Spiegel steht plötzlich ein fremder Mann hinter ihr. Er ist groß und dünn  „Wie kann das sein? Ich habe die Tür doch abgeschlossen!“, denkt sie panisch. Stellas Herz schlägt mit einem Mal so schnell, dass sie Angst hat, es springt gleich aus ihrer Brust. Der Mann starrt sie weiter an. Er sagt nichts, doch seine Mimik macht Stella noch ängstlicher. Der Fremde starrt, fast wütend und ohne mit der Wimper zu zucken, immerzu durch den Spiegel direkt in Stellas Augen. Sie hat den Typen vorher noch nie gesehen. Was hat er nur vor? Was zur Hölle will er von ihr? Sie weiß nicht was sie tun soll, wie sie hier rauskommen soll. Erneut schließt Stella die Augen, um einmal tief zu atmen und sich irgendwie zu beruhigen. Dann spürt sie den heißen Atem des Fremden in ihrem Nacken. Ihr ganzer Körper beginnt zu zittern. Sie spürt, wie seine Hand ihre Haare berührt. „Wenn du nur einen Ton von dir gibst, bringe ich dich um“, flüstert er ihr ins Ohr. Noch immer streichen seine Finger über ihren Kopf.

Stellas Mund ist ganz trocken vor Angst, weshalb sie sich beim Versuch zu Schlucken kurz räuspern muss. Panisch zuckt sie zusammen. Sie spürt, wie der Fremde unter seinen Pullover greift. Sie kann nicht identifizieren, was er da tut aber nach wenigen Sekunden begreift sie, was passiert. Es fühlt sich an wie eine Pistole, die der scheinbar unberechenbare Mann ganz leicht gegen ihren Rücken drückt. Seine linke Hand greift nun von hinten Stellas Hals und drückt leicht zu. „Ich habe gesagt, keinen Ton! Irgendwie habe ich gedacht, dass dir dein Leben ein bisschen mehr Wert ist. Aber da scheine ich mich geirrt zu haben.“ Mit dem letzten Wort, das er ausspricht, drückt der Mann die Pistole fester gegen Stellas Rücken. „Ich bringe dich um, wenn du nicht gehorchst!“, droht er weiter. „Ich zähle bis drei und dein Leben ist vorbei. Du wirst qualvoll verbluten und niemand wird dir helfen können. Dafür sorge ich.“

Stellas Atmung beschleunigt sich. Sie denkt krampfhaft darüber nach, wie sie sich aus der Gewalt des mutmaßlichen Mörders befreien kann. Was hatte sie ihm nur getan? Woher kennt er sie überhaupt? „Eins…“, hört Stella leise an ihrem Ohr. Mist, sie hat keine Zeit zum Nachdenken. Was tun? „Zwei…“, geht es weiter. Mit einem Mal staut sich alle Angst und Wut, gepaart mit Aggression und Panik in ihr auf. Mit einem Satz dreht sie sich, wie in Lichtgeschwindigkeit um, schnappt sich die Pistole des Täters und lässt ihn mit einem Tritt in seine Weichteile vorerst zu Boden gehen. „Oh mein Gott“, denkt sie, von sich selbst überrascht. „Habe ich das gerade wirklich getan?“ Doch für weitere Gedanken ist keine Zeit, Stella muss sich so schnell wie möglich befreien. Der Mann liegt auf dem Boden, sein Blick noch wütender als vorher. Stella tritt noch einmal zu, um sicherzugehen, dass sie zunächst nicht von ihm verfolgt werden kann. Mit zitternden Fingern schafft sie es rechtzeitig, die Tür zu entsperren und hinaus in den Gang des Zuges zu laufen.

„HILFEEEE!“ Direkt hat sie die Aufmerksamkeit der gesamten Fahrgäste. „Da ist ein Mann in der Toilette. Er hat mich mit dieser Waffe bedroht und wollte mich umbringen!“ Stella dreht sich um und sieht, wie der Mann sich bereits aus seiner Lage befreien konnte und schon über den Gang läuft. Sofort schießen Stella die Tränen in die Augen. Ein ziemlich breit gebauter Mann eilt in Richtung Täter, um diesen daran zu hindern, weiterzulaufen. Währenddessen informiert eine ältere Dame den Zugführer, welcher sofort den Zug anhält und die Polizei alarmiert.

Stella ist weiterhin geschockt. Noch immer spürt sie die Hand des Mannes an ihrem Hals und auf dem Kopf. Noch immer spürt sie den Druck der Pistole in ihrem Rücken. „Wie lange braucht die Polizei denn noch?“, fragt sie sich. Alle Fahrgäste haben sich um sie versammelt und bieten ihr etwas zu Essen oder Trinken an. Aber Stella kann nichts Essen. Sie fühlt sich leer und kann nicht aufhören nur einen einzigen Punkt anzustarren. Ihr Körper zittert.

Dann endlich, nach gefühlt einer halben Ewigkeit, bemerkt Stella im Augenwinkel die Blaulichter und Sirenen vieler Polizeiautos. Schnell sind die Beamten in den Zug gestiegen, um sich den Täter vorzunehmen und mit Handschellen zu fesseln. Vor den Augen der Fahrgäste und Stella wird er nach draußen gebracht und in einem großen Polizeiauto eingesperrt. Danach kommen die Polizisten auf Stella zu und wollen wissen, was passiert ist.

Stella möchte gerade anfangen zu erzählen, da hört sie ein entferntes „nächste Station: Köln Hauptbahnhof“. Panisch schreckt sie hoch und blickt sich um. Schnell begreift sie, dass das gerade alles zum Glück nur ein Traum war. Dann greift sie entschlossen nach ihrem Koffer auf der Ablage, zieht die Jacke an und schnallt sich den großen Rucksack auf den Rücken. Samt Gepäck bahnt sie sich den Weg zur Tür und steigt schließlich aus dem ICE aus. Strahlend kommt ihr Bruder Phil auf sie zu und umarmt Stella stürmisch. „Na, Schwesterherz, wie war deine Fahrt?“ Stella hält kurz inne und überlegt, was sie sagen soll: „Ich bin so froh, endlich bei dir zu sein!“

 

Beitragsbild: Clarissa Kurth

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