Lene Mrosik an einem Marketing-Stand von AIESEC
Abenteuer Ausland Aktuelles Interviews Studentenleben

„Ein Regenwaldprojekt in Brasilien kannst du nicht bei Urlaubspiraten buchen!“

Lene Mrosik studiert Asienwissenschaften mit Schwerpunkt Koreanistik und engagiert sich seit einem Jahr bei der studentischen Organisation AIESEC. Sie kümmert sich um die Bonner Studierenden, die ins Ausland gehen wollen. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit, ihre Auslandserfahrungen – und wieso jeder über seinen Schatten springen sollte.

Wofür steht AIESEC überhaupt?

AIESEC bedeutet Association Internationale des Etudiants en Sciences Economiques et Commerciales. Ursprünglich war die Organisation nur für Wirtschaftsstudenten gedacht. Das ist heute nicht mehr so. AIESEC wurde 1948 aus der Überzeugung heraus gegründet, dass der Zweite Weltkrieg auch aufgrund von kulturellen Missverständnissen entstanden ist. Wir bieten Auslandspraktika und gemeinnützige Projekte an, um kultureller Diskriminierung vorzubeugen und den internationalen Austausch zu fördern. Gleichzeitig wollen wir die Studierenden auch in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen, indem wir Projekte im Ausland anbieten, aber auch die Mitarbeit bei uns in Bonn ermöglichen. Wir sind wie eine normale Firma aufgebaut, sodass Interessierte in verschiedene Bereiche hineinschauen können: Marketing, Finanzen, Personal, Sales und Reception. Wenn jemand danach sagt, dass ihn interkulturelle Kommunikation interessiert, haben wir schon ein Ziel erreicht.

Warum engagierst du dich für AIESEC?

Ich bin AIESEC beigetreten, weil die Organisation interkulturell arbeitet und weil ich Freunde finden wollte. Ich war gerade erst neu in der Stadt. Für mich war es die richtige Entscheidung, auch wenn es mal schwierige Zeiten gibt. Besonders vor den Semesterferien läuft immer irgendwas schief. Aber wenn ich dann die Leute sehe, die aus unseren Projekten zurückkommen und merke, wie sie sich entwickelt haben, macht mich das stolz. Vielleicht war nicht jede Erfahrung durchgehend positiv, aber alle haben trotzdem etwas mitgenommen.

Lene an einem Infostand von AIESEC
Lene Mrosik in ihrem Element: Auf einer Messe informiert sie über die Auslandsprojekte von AIESEC. (Foto: AIESEC)

Welche Voraussetzungen muss ich für die Auslandsprojekte erfüllen?

Du kannst dir jedes Projekt aussuchen, egal was du studierst. Englisch sollte man sprechen können, aber sonst gibt es wenig Voraussetzungen. Wenn du zum Beispiel denkst, ich würde gerne mal in Ghana an einer Vorschule Deutsch unterrichten, dann bewirb dich einfach dafür. Bei unseren Bewerbungsgesprächen geht es darum, wie sympathisch man den Projektleitern ist. Wer sich gut präsentiert, hat auch gute Chancen. Warum sollte man nicht unterrichten können, nur weil man nicht Lehramt studiert?

Wie reagierst du, wenn Studierende sagen, sie haben keine Zeit für einen Auslandsaufenthalt?

Das habe ich schon von vielen Leuten gehört. Ich habe keine Zeit oder ich war schon einmal im Ausland, ich hab schon was anderes vor. Aber ich denke, dass man mit AIESEC wirklich die Möglichkeit hat, seinen Horizont zu erweitern und etwas zu machen, das man sonst nicht machen würde. Du kannst kein Regenwaldprojekt in Brasilien auf Momondo oder Urlaubspiraten buchen. Ein Auslandsaufenthalt ist etwas, wobei sich Menschen nur selbst im Weg stehen können. Denn mit ein bisschen Überwindung können die Teilnehmer eine Erfahrung machen, die sie wirklich bereichert. Unsere Projekte dauern nur sechs bis acht Wochen und die ganze Organisation ist ziemlich schnell abgewickelt. Und wenn man heute keine Zeit hat, wird man nächstes Jahr das Gleiche sagen, im Jahr darauf auch und dann sitzt man auf einmal mit vier Kindern in seinem Haus und denkt: Jetzt hätte ich Zeit, aber ich habe vier Kinder. Familien unterstützen wir leider noch nicht bei AIESEC. Bei uns kann man sich nur bis 30 Jahre bewerben. Aber vielleicht bringe ich das ja noch durch (lacht).

Also ist die fehlende Zeit oft nur eine Ausrede, weil man sich nicht traut, ins Ausland zu gehen? Wie war das vor deinem ersten Auslandsaufenthalt?

Ich hatte nach meiner Schulzeit Selbstfindungsprobleme, weil ich überhaupt nicht wusste, was ich machen wollte. Viele meiner Freunde wussten schon, dass sie Jura oder Psychologie studieren würden. Aber das war nichts für mich. Ich habe mir dann einfach das nächstbeste Praktikum gesucht, was dann lustigerweise in Hongkong war. Ich bin einfach für acht Monate dahin gezogen, ohne irgendwelches Vorwissen, und hab mir ein Zimmer über Airbnb gemietet. Diese Zeit hat mich so unglaublich verändert und ich konnte mich so sehr weiterentwickeln, dass ich jetzt anderen Leuten bei AIESEC helfen möchte, auch diesen Schritt zu machen. Viele haben Angst davor zu sagen: Ich gehe alleine raus in die Welt und schaue, wie ich klar komme.

Das Marketingteam im Einsatz - auf einer Messe betreuen sie den Infostand.
„Wenn du dir unsicher bist, ob du mit uns ins Ausland gehen möchtest, dann arbeite doch erstmal bei uns mit!“ (Foto: AIESEC)

Was rätst du den Leuten in dieser Situation?

Ich sage dann immer: Wenn ihr noch nicht wisst, ob ihr ins Ausland gehen wollt, arbeitet erstmal bei uns mit, um uns besser kennenzulernen. Während des Studiums hat es nur Vorteile, sich zu engagieren und beispielsweise bei AIESEC mitzuarbeiten. Man übernimmt Verantwortung und bekommt Eindrücke aus der ganzen Welt. Und man lernt ständig dazu. Persönlich hätte ich mir beispielsweise nie vorstellen können, alleine vor einer VWL Vorlesung mit 200 Leuten einen Vortrag über unsere Arbeit zu halten. Ich hab das jetzt zweimal gemacht. Mittlerweile habe ich Spaß dabei, unsere Projekte vor einer Gruppe vorzustellen, meinen Text zu erzählen und ein paar Witze zu machen, weil ich weiß, dass die Situation überhaupt nicht schlimm ist.

Und was lernt man im Ausland?

Dazu fällt mir ein Zitat von Mark Twain ein: „Die beiden wichtigsten Tage deines Lebens sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag, an dem du herausfindest, warum.“ Das passt gut zu AIESEC, weil man im Ausland viel über sich selbst lernt. Heutzutage ist es schwierig, mal alleine zu sein. Man ist immer von Leuten umgeben oder beschäftigt sich mit seinem Handy oder Computer. Man denkt nie so wirklich darüber nach, wer man ist oder was man werden möchte. Vor diesen Gedanken hat man meistens Angst. Aber wenn du dann plötzlich in Äthiopien mitten in der Wüste bist, hast du kein Internet. Und du siehst so viele Menschen, die ganz anders denken als du. Durch meine Zeit im Ausland weiß ich, wie unglaublich so eine Erfahrung ist und habe selbst erlebt, wie unterschiedlich die Lebensumstände der Menschen sind, wie wenig sie teilweise zum Leben haben. Aus unserer Sicht würde man da schnell denken: Das ist aber eine heruntergekommene Hütte. Oder: Nur ein Euro pro Tag – was soll ich damit denn anfangen? Aber du lernst Dinge zu schätzen, die nicht materiell sind. Familie, Freunde, Glück, Zufriedenheit – und auch, dass du eine Arbeit hast oder zur Uni gehen kannst. Deswegen ermutige ich jeden, über seinen Schatten zu springen und ins Ausland zu gehen.

Habt ihr im Sommer denn noch Plätze frei?

Wir suchen immer Leute, die ins Ausland gehen möchten. Für den Sommer haben wir zum Beispiel noch freie Projekte in Brasilien und es gibt mehrere Sprachschulen und Sprachcamps für Kinder, in denen man sich engagieren kann. Die sind teilweise auch in Europa. Bei anderen Interessen sind wir aber auch flexibel. Beispielsweise haben wir gerade ein Projekt in Äthiopien ins Leben gerufen, weil jemand unbedingt dahin wollte. Auch wenn es kein passendes Projekt im Portfolio gibt, finden wir meistens eine Möglichkeit, da wir in mehr als 120 Ländern vertreten sind. Mitglieder, die unsere Arbeit in Bonn unterstützen möchten, suchen wir übrigens auch immer.

Neugierig geworden? AIESEC freut sich über einen Besuch auf der Website: www.aiesec.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.