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Weblogestan – Keine Macht der Repressionen!

Foto: Hamed Saber

Keine Verleihung ohne die Würdigung iranischer Blogger – auch nicht bei den diesjährigen Best of the Blog Awards (BOBs) der Deutschen Welle. Denn Iran gilt nicht erst seit der „grünen Bewegung“ im Jahr 2009 als die Bloggernation schlechthin. Die Iraner bloggen und twittern seit nunmehr zehn Jahren und zahlen dafür einen hohen Preis.

Für ihren Blog “Wir sind Journalisten” erhielt die iranische Bloggerin, Journalistin und Frauenrechtlerin Zhila Bani Jaghob im Rahmen der BOBs 2010 im Juni den “Reporter ohne Grenzen Award”. Für ihre Einträge, in denen sie sich kritisch zu den umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Juni 2009 äußerte, wurde Jaghob jüngst zu einem Jahr Haft und zu 30 Jahren Berufsverbot verurteilt. Ihren Preis konnte sie nicht entgegennehmen, sendete jedoch ihre Dankesbotschaft per Email. Darin widmete sie den Preis allen im Iran gefangenen Bloggern und Journalisten, darunter auch ihrem Ehemann Bahman Ahmadi Amouee, der wegen seiner Publikationen seit einem Jahr im Gefängnis sitzt.

Reise ohne Rückkehr

Seit den Massendemonstrationen im Iran im vergangenen Jahr wurden inzwischen 28 Medienschaffende gefangen genommen, davon neun Online Dissidenten. Mehr als 50 Journalisten sind geflüchtet. Damit steht der Iran auf Platz vier der Negativrangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen.

Die beiden Journalisten Mehdi Mohseni und Ehsan Norouzi hatten Glück im Unglück. Zusammen mit anderen Kollegen reisten sie am Tag der Wahlen zu einer Konferenz nach Berlin. „Ich habe meinem Mitbewohner noch gesagt, dass ich mit dem Spülen dran bin, wenn ich wieder zurück komme“, erzählt Ehsan Norouzi. Aus der geplanten zweiwöchigen Reise ist nun mittlerweile ein Jahr geworden. Bonn ist nun die neue Heimat der beiden Internetaktivisten. So lange in ihrem Heimatland die Repressionen gegen Journalisten, unabhängige Berichterstattung und freie Meinungsäußerung andauern, gibt es für beide erst einmal kein Zurück.

Das Web als einziges freies Medium

Ehsan war stets ein aktiver Internetuser. „Mein ganzes Leben fand im Internet statt. Im Netz lernte ich meine besten Freunde kennen, nutzte Weiterbildungsmöglichkeiten und arbeitete u.a. für BBC Farsi.“ Auch sein Mitreisender Mehdi ist im Web zu Hause. Als die Studentenzeitung, für die er damals zuständig war, verboten wurde, startete er sein erstes Blog. Bis zu drei Postings täglich veröffentlichte er. „Ich habe für mich geschrieben. Ich wollte meine Ansichten zu Dingen äußern, die passiert sind, ohne eine Botschaft aussenden zu wollen.“

So wie er, nutzen viele Iraner die diversen Kommunikationswege, die das Web als einziges freies Medium im Iran bietet. Ob Blogs, Facebook, Twitter oder das im Iran weit verbreitete Friendfeed; das Internet ermöglicht es ihnen, sich zu öffnen und mit anderen auszutauschen. „Vieles ist verboten und es gibt kaum Räume, sich zu äußern. Im Netz hast du die Möglichkeit, deine Stimme in einer offnen Atmosphäre zu erheben und von vielen gehört zu werden“, erklärt Mehdi.

Anders als in demokratischen Ländern, wo die Themen Arbeit, Bildung, Freunde und Freizeit den Alltag bestimmen, verlagert das junge iranische Volk das soziale Leben ins Netz. „Im Iran hast du keine Arbeit oder zumindest keine, von der du leben kannst. Und auch keine Freizeit, weil viele Aktivitäten, die man gemeinsam in der Öffentlichkeit erleben möchte, entweder untersagt sind oder einfach nicht existieren. Weblogging ist ein Mittel, um etwas in der Gesellschaft zu ändern“, begründet Ehsan. Dabei geht es durchaus nicht immer nur um Politik, sondern auch um Tabuthemen wie Sex und Liebe.

Die grüne Bewegung – Verbreitung durch Social Networking

In der persischsprachigen Blogwelt – Weblogestan - kann man viel in Umlauf bringen und in Bewegung setzen. Nicht jedoch eine ganze Revolution. „Social Networking hat die grüne Bewegung nicht entfacht, sondern die bereits bestehende schneller verbreiten lassen“, erzählt Ehsan. „Das Internet hat dazu geführt, dass sich die Denkweise vieler Menschen ändert. Von der Diktatur war man es gewohnt, alles zu akzeptieren, was von oben diktiert wird. Es gab nur die eine Sichtweise. Jetzt werden auch andere Meinungen offengelegt, mit denen man sich auseinandersetzen muss.”

In denn einzig existierenden staatlichen Medien gibt es selten Nachrichten über bestimmte – in den Augen der Verfechter der Meinungsfreiheit – wichtige Ereignisse innerhalb und außerhalb des Landes. Zugang zu Informationen wie die  „Kettenmorde im Iran“ oder aber auch über die verschiedenen Gesellschaften und Kulturen der Welt, hatte lange Zeit nur die Elite. Das Web sorgte für Aufklärung und trieb den Wunsch nach Veränderung.

Bürgerjournalismus wider der Zensur

Außerhalb des Netzes wurde die Welt damit erst seit 2009 konfrontiert. Eine besondere Rolle spielten dabei Youtube und Facebook. Als  die umstrittene Präsidentschaftswahl eine Welle der Demonstrationen losgetreten hatte und das Regime diese Unruhen niederzudämpfen versuchte, wurden ausländische Medien von der Berichterstattung ausgeschlossen. Zahlreiche Korrespondenten wurden des Landes verwiesen oder durften nur eingeschränkt berichten. Die Bürger selbst berichteten und nahmen die Rolle der Journalisten ein.  Ihre Bilder von den Protesten und der Gewalt auf den Straßen gingen um die Welt. „Facebook verbreitete die Inhalte, die auf Youtube hochgeladen wurden, wie z.B. der Tod von Neda auf offener Straße“, erläutert Mehdi.

Bis dahin wusste man nur wenig über das Land. Mehdi, der bereits zuvor im Ausland war, erinnert sich: „Das Image war ein dunkles und verschwommenes. Durch die Ereignisse sah man endlich auch das gemeine Volk, das  für Veränderung auf die Straße ging und sein Leben riskierte. Die Menschen haben erfahren, dass das Volk durchaus eine Demokratie will, aber nicht die Möglichkeiten dazu hat.“

Heute sind soziale Netzwerke und Microblogs wie Twitter bedeutsamer als Blogs geworden. „Man kann auf einem Schlag mehr User erreichen. Und für die User bedeutet es, lediglich einen Filter zu umgehen, um zu wichtigen Informationen zu kommen“, erklärt Mehdi, der inzwischen hauptsächlich auf seiner Facebookseite und weniger auf seinem Blog Jomhour (Republik) postet.

Der schönste Ort der Welt – ein Horror ohne Deine Familie

Die Farsi-Redaktion der Deutschen Welle reagiert auf das Potential des User Generated Content und plant deshalb ab August auf ihrer Webseite eine neue Seite zu integrieren, die alle im Netz relevanten Social Networking Webseiten vereint. „Die Nutzer wollen sich mehr beteiligen. Das ist das Feedback, was wir immer mehr durch Emails erfahren“, erklärt Yalda Kiani, Teamleiterin der neuen Arbeitsgruppe.

„Sie wollen Interaktivität. Und außerdem sind sie eine Quelle für uns, da es unter den derzeitigen Umständen für alle Themenbereiche schwierig ist, an Informationen, Bilder und Filmen aus erster Hand zu kommen.“ Deshalb soll es auch Hilfestellungen für „Citizen Journalisten“ geben, wie sie mit ihren Handys brauchbare Fotos machen und Filme aufnehmen können.

Mit im Team sind auch Ehsan und Mehdi. Das Internet hat das Leben beider sehr beeinflusst. Mehdi ist inzwischen – wie er sagt – „hier angekommen“. Dennoch bleibt ein schlechter Beigeschmack: „Bring jemanden zum schönsten Ort der Welt und sag ihm, dass er nie wieder in seine Heimat, zu Familie und Freunde zurückkehren kann. Das ist der Horror. Doch wenn ich hier auch nur ein wenig erreichen kann für die Menschen in meiner Heimat, lindert das die Schmerzen.“

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