Weggabelung
Bild: Hartwig HKD / www.flickr.com unter BY-ND

Von der Entscheidung in der Ferne sein Glück zu suchen

Mut, das bedeutet für jeden etwas anderes. Für manche heißt mutig sein, aus einem fliegenden Flugzeug zu springen oder sich ohne zu lernen in die Klausur zu setzen. Und wir sind uns einig: Das ist auch ganz schön gewagt! Für andere bedeutet Mut, sich auf etwas komplett Neues und Unbekanntes einzulassen. Heute möchte ich euch die Geschichte einer Frau erzählen, die ich persönlich für sehr mutig halte:

Latifa (42) wurde 1973 in Marokko geboren. Als eines von 8 Kindern verbrachte sie die ersten 20 Jahre ihres Lebens in dem nordafrikanischen Königreich. Sie erzählt mir, dass sie das Glück hatte, in eine für damalige, und vor allem für marrokanische Verhältnisse, liberale und weltoffene Familie hinein geboren worden zu sein. Von ihren sieben Geschwistern leben mittlerweile nur noch 4 in Marokko, zwei (sie eingeschlossen) in Deutschland, ein Bruder in Kanada und eine Schwester in den USA. Aber der Weg bis hierhin war nicht immer leicht für Latifa.

Nachdem sie die Schule abgeschlossen hatte, studierte sie in Marrakesch Chemie und schloss ihr Studium nach vier Jahren mit einem Diplom für Bio-Organik ab. So weit, so gut, aber dann passierte das, wovor uns Studenten (neben verhauenen Klausuren und den Semesterbeiträgen) am meisten graut: Sie fand keinen Job. Nach monatelanger Suche, fasste sie schließlich, mit etwas Hilfe von Vater und Schwester, den Entschluss, ihr Glück in einem anderen Land zu versuchen.

“In den 90er-Jahren gab es bei uns in Marroko ein Land, das besonders bekannt war für moderne Technologien: Deutschland. Da wollte ich hin.”, erzählt sie. Es gab nur noch ein kleines Problem. Latifa sprach zwar fließend arabisch und französisch, aber kein bisschen deutsch. Um das Problem zu beheben, schrieb sie sich für ein Jahr am Goethe-Institut in Marrakesch ein, mit dem Ziel deutsch zu lernen. “Die Qualitität des Unterrichts war eher mittelmäßig bis schlecht. Es gab keinen einzigen deutschen Muttersprachler als Lehrer. Ich glaube, die wussten selbst nicht, was sie uns erzählt haben.”, bei der Erinnerung muss Latifa ein bisschen grinsen. Obwohl das, was folgte, alles andere als witzig für sie war. Trotz der nicht vorhandenen Deutschkenntnisse, bewarb sich Latifa an zahlreichen deutschen Universitäten. Von dreien wurde sie zur Aufnahmeprüfung und zum Sprachtest eingeladen: Osnabrück, Potsdam und Köln. Mithilfe einer finanziellen Bürgschaft ihres Cousins konnte sie die Reise 1997 schließlich antreten.

Ankunft in Deutschland

“Als ich in Frankfurt landete, hatte ich erstmal nichts. Keine Ahnung, wo ich war, wo ich hin musste und – viel schlimmer – ich konnte auch niemanden fragen. Ich verstand nicht einmal ansatzweise deutsch, trotz meiner Zeit am Goethe-Institut, und englisch habe ich auch nie gelernt.”, erinnert sich Latifa. Sie hatte sich entschieden, ihr Glück zunächst an der Uni in Potsdam zu versuchen. Am Flughafen traf sie auf jemanden, der gewillt war, ihr zu helfen. Michael sah ihr ihre Orientierungslosigkeit an und versuchte aus Latifas Kommunikationsversuchen mit Händen und Füßen schlau zu werden. Schließlich hat er ihr geholfen, ein Hotel in Potsdam zu finden.

“Da gibt es eine lustige kurze Geschichte.”, erzählt Latifa grinsend, ” Ohne es zu wissen, hatte ich wohl in einem der teuersten Hotels der Umgebung eingecheckt. Als ich auf mein Zimmer gebracht wurde, war ich erstaunt wie groß und geräumig die Hotels hier in Deutschland waren. Besonders begeistert hat mich der Schrank. Er war begehbar, wie ein kleines Zimmer und komplett mit Holz verkleidet. Ich dachte damals, dass Deutsche wohl viel Zeit in Hotels verbringen müssen, wenn sie so große Schränke brauchen. Jedenfalls packte ich meine ganzen Klamotten in den Schrank. Als Michael mich am nächsten Tag abholen und mir den Weg zur Uni zeigen wollte, präsentierte ich ihm voller Stolz meinen begehbaren Kleiderschrank. Er bekam sich vor Lachen nicht mehr ein. Ich hatte meinen kompletten Kofferinhalt in die Sauna geräumt.”

Es folgte eine Reihe von Enttäuschungen für Latifa. Die Universität in Potsdam lehnte sie aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse ab. Daraufhin suchte sie in Berlin und Umgebung einen Job, konnte aber keinen finden. Schließlich zog sie nach Köln, um es dort an der Uni zu versuchen, aber das Ergebnis blieb gleich. Sie fiel durch den Sprachtest und durfte nicht studieren. Das veranlasste Latifa, noch einmal einen Sprachkurs zu besuchen, dieses Mal in Deutschland mit deutschen Muttersprachlern als Lehrer. Beim zweiten Anlauf klappte es dann endlich. Sie bestand den Sprachtest. “Aber ehrlich gesagt,”, räumt Latifa ein, “konnte ich nach diesem Test immer noch kein deutsch. Ich habe mich da irgendwie durchgemogelt und nur das Nötigste getan.” Latifa dachte darüber nach, in Köln zu promovieren, entschied sich dann aber dagegen und stattdessen dafür, an der Fachhochschule in Krefeld Textilchemie zu studieren. Während Ihrer Zeit an der FH arbeitete sie nebenbei als Spülhilfe, um für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Nach einem Jahr fiel sie aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse durch ihre Abschlusstests. Wieder ein Rückschlag. Aber an Aufgeben war für Latifa nicht zu denken. Sie entschied sich, das Fach zu wechseln und es mit Lack- und Farbherstellung als Studienkurs zu versuchen. Während dieser Zeit lebte Latifa im Wohnheim mit marrokanischen und afrikanischen Freunden zusammen. Wieder keine Chance, die deutsche Sprache zu lernen oder mit Deutschen in Kontakt zu kommen. Das änderte sich, als Latifa anfing während ihres Studiums zu kellnern. “Als Spülkraft hatte ich natürlich nie Kontakt zu Kunden, aber jetzt musste ich raus. Musste Bestellungen aufnehmen und mit anderen Deutschen reden. Am Anfang war das sehr hart für mich. Ich wusste nicht, was der Unterschied zwischen einem Kölsch und einem Weizenbier ist und auch nicht, was Bitte oder Danke bedeutet. Meistens habe ich nur genickt und gelächelt.”, sagte sie heute. Trotzdem hat ihr diese Zeit enorm geholfen. 2003 schloss sie ihr Studium als Diplom-Ingenieurin für Lack- und Farbherstellung ab.

Nie aufgegeben

Einen Job fand Latifa trotzdem nicht. Sie hatte keinen Anspruch auf eine Berufsberatung als Akademikerin, da sie über keinerlei Berufserfahrung in diesem Bereich verfügte. Firmen bevorzugten Leute mit mehr Erfahrung oder besseren Sprachkenntnissen. Also kellnerte sie weiterhin und bemühte sich die Sprache noch besser zu lernen. So lernte ich sie 2013 kennen. Seit diesem Jahr arbeitet Latifa als Übersetzerin für die Malteser. Sie möchte anderen, die nach Deutschland kommen, helfen und den Einstieg hier erleichtern.

“Ich bin jetzt 42 und lebe seit fast 20 Jahren in Deutschland. Es gibt hier viele Chancen, aber man muss wissen, wie man sie richtig nutzt. Das wichtigst dafür ist, die Sprache schnell und gut zu lernen. Wenn ich nochmal von vorne anfangen könnte, würde ich mich wieder für Deutschland entscheiden, aber ich würde mich bemühen, deutsch zu lernen und dann in dem Beruf zu arbeiten, für den ich so lange studiert habe.”, sagt sie zum Schluss. Auf die Frage nach ihren weiteren Plänen antwortet sie lächelnd,  ” Vielleicht doch noch den richtigen Mann finden und Mutter werden.”

Ein Gedanke zu „Von der Entscheidung in der Ferne sein Glück zu suchen“

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>